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SARS-CoV-2: Übertragung im Mutterleib möglich

Erste Fallberichte legen nahe, dass das neuartige Coronavirus zumindest in manchen Fällen in der Schwangerschaft an das Ungeborene weitergegeben werden kann

von Daniela Frank, aktualisiert am 16.07.2020

Wie sich eine Infektion von SARS-CoV-2 in der Schwangerschaft auf Mutter und Kind auswirkt, ist eine von vielen Forschungsfragen in der derzeitigen Corona-Pandemie. Eine Infektion scheint zumindest in einigen Fällen über die Plazenta von der Mutter auf das Neugeborene übertragbar zu sein, wie ein Fallbericht aus Frankreich nahelegt, der im Fachjournal "Nature Communications" veröffentlicht wurde. Die Mutter hatte sich im letzten Trimester der Schwangerschaft mit SARS-CoV-2 angesteckt. Durch detaillierte Untersuchungen wiesen die Forscher eine Infektion der Mutter, ihrer Plazenta und des Kindes nach. Nach der Geburt untersuchten sie das Neugeborene klinisch und mit bildgebenden Verfahren und fanden neurologische Auffälligkeiten, die denen erwachsener Patienten ähneln.

"Die Autoren haben in einer methodisch sehr solide durchgeführten Untersuchung folgendes zeigen können: Bei einer schweren mütterlichen SARS-CoV-2-Infektion im letzten Drittel der Schwangerschaft kann der Erreger auch im mütterlichen Blut nachweisbar sein", sagt Prof. Dr. Mario Rüdiger, Leiter des Fachbereiches Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. In der Folge könne es zu einer Besiedlung der Plazenta dann wiederum zu einer Infektion des ungeborenen Kindes kommen.

Übertragung möglich, aber wohl selten

Zuvor hatten mehrere Studien aus Italien, Texas und New Haven (beide USA) Hinweise auf eine mögliche Übertragung ergeben. "Insgesamt mehren sich Berichte über die Möglichkeit der Infektion der Kinder über die Plazenta", sagt PD Dr. Alexander Hein, Stellvertretender Direktor der Frauenklinik und leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Erlangen. "Daher müssen wir diesen Übertragungsweg bei erkrankten Schwangeren nun umso mehr berücksichtigen und eine intensive Überwachung in Betracht ziehen. Dennoch muss man festhalten, dass es sich nach aktueller Datenlage um ein sehr seltenes Ereignis handelt."

Im Rahmen des CRONOS Registers der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), an dem sich 118 deutsche Kliniken beteiligen, wurden bisher 137 Schwangere registriert, die SARS-CoV-2 positiv getestet wurden (Stand 10.07.2020). Von diesen haben 88 Frauen bereits ihr Kind bekommen, davon waren lediglich fünf Kinder SARS-CoV-2 positiv getestet. "Bei einer schweren mütterlichen Infektion im letzten Drittel der Schwangerschaft besteht die Gefahr, dass das Neugeborene nach der Geburt infektiös ist und eine Organschädigung auftritt", so Rüdiger. Doch auch er bestätigt: "Allerdings scheint diese Infektion des Ungeborenen eher selten vorzukommen."

Anfangs deuteten Studien nicht auf Übertragung hin

Noch im Februar hatte eine kleine, im Fachblatt The Lancet veröffentlichte Studie keine Übertragung im Mutterleib nachweisen können. Die Autoren um den Gynäkologen Huijun Chen vom Zhongnan Hospital der Universität Wuhan – der Stadt, in der das Virus zum ersten Mal in Erscheinung getreten ist – untersuchten insgesamt neun infizierte Frauen: Sie waren im dritten Trimester schwanger und litten an einer für das Virus typischen Lungenentzündung. Alle neun Kinder kamen lebend per Kaiserschnitt zur Welt und wurden auch noch 36 Stunden nach der Geburt negativ auf das Corona-Virus getestet.

Chen warnte, dass die Ergebnisse seines Teams nur auf einer kleinen Fallzahl von neun Schwangeren beruhen. Außerdem waren alle Frauen bereits im dritten Trimester schwanger und haben per Kaiserschnitt entbunden. Ob sich das Virus bei Schwangeren im ersten oder zweiten Trimester oder bei einer Vaginalgeburt auf das Kind überträgt, bleibe weiterhin ungeklärt.

Neue Studien untersuchen frühere Schwangerschaftswochen

Dies gilt bis zum heutigen Zeitpunkt: "Die meisten Daten beruhen auf Auswertungen von Schwangeren und Geburten mit einer aktiven Infektion zum Ende der Schwangerschaft", sagt Hein. Inwieweit sich jedoch eine Infektion in frühen Schwangerschaftswochen auf den Schwangerschaftsverlauf und das Kind auswirke, sei bisher unklar.

Um diese Frage zu beantworten, führt die Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen in Zusammenarbeit mit den geburtshilflichen Klinken in Franken seit Anfang Juni die SCENARIO-Studie durch. Insgesamt werden 2400 schwangere Frauen auf eine aktive Infektion und auf Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Virus getestet. Bei positivem Nachweis einer Infektion oder von Antikörpern erfolgt eine intensive Betreuung der Schwangerschaft mit regelmäßigen Kontrollen sowie eine umfassende Untersuchung von Nabelschnurblut, Plazenta und Muttermilch. "Hiermit können wir einerseits feststellen, wie viele Schwangere insgesamt Antikörper gegen das Virus aufweisen und andererseits diese Schwangerschaften bis zur Geburt begleiten, um beispielsweise Anzeichen einer kindlichen Infektion über die Plazenta zu untersuchen, vor allem auch bei asymptomatisch erkrankten Schwangeren, die bisher nichts von ihrer Infektion wussten", so Hein.

Schwangere sollten sich generell vor Infektionen schützen

Laut dem Robert-Koch-Institut stellen Schwangere keine eigene Risikogruppe dar. "Grundsätzlich gilt, dass jede fieberhafte Infektion ein Risiko für die Schwangerschaft und die Gesundheit des Feten darstellen kann", sagt Prof. Dr. Susanne Modrow, Professorin für Molekulare Virologie und Genetik am Institut für Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg. Auch deswegen würden für Schwangere alle Hygieneregeln und -maßnahmen in besonderer Weise gelten: Infektionen müssen nach Möglichkeit vermieden werden. "Das gilt insbesondere, um auch die Infektionen zu vermeiden, die bekanntermaßen die Gesundheit des Feten wie des neugeborenen Kindes schwer beeinträchtigen können", so Modrow. Als Beispiele nennt sie eine Infektion mit dem Zytomegalievirus oder dem Erreger Toxoplasma gondii während der Schwangerschaft. Letzterer ruft die Erkrankung Toxoplasmose hervor. "Im Vergleich zu diesen Infektionen gibt es kaum Hinweise, dass die SARS-CoV-2-Infektion hochrisikohaft für die Gesundheit des werdenden Kindes oder der Schwangeren ist – wobei die Datenlage zum heutigen Zeitpunkt sicher nicht als endgültig zu betrachten ist", so Modrow.

Mit Material des Science Media Center.


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