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Psychisch belastet durch Lockdowns: Was hilft Kindern?

Kita zu, Kita auf, Kontaktbeschränkungen, Homeoffice: Die Maßnahmen in der Pandemie treffen Familien hart. Ist mein Kind psychisch belastet? Was hilft dann? Psychotherapeutin Dr. Lukka Popp im Interview

von Nele Langosch, aktualisiert am 07.06.2021

Frau Dr. Popp, wie erleben kleine Kinder die Pandemie?

Dr. Popp: Häufig als großes Durcheinander. Ab dem ersten Lebensjahr lernen sie zunehmend neue Situationen kennen, knüpfen Verbindungen zu anderen Menschen und verstehen mehr und mehr zeitliche Abfolgen. Um das Gelernte einordnen zu können, brauchen Kinder Vorhersehbarkeit und wiederkehrende Abläufe. In der Pandemie sind Großeltern, Freunde und Freundinnen aber vielleicht nicht mehr zuverlässig da. Die Kita-Betreuung wechselt. Der Turn- oder Schwimmunterricht fällt aus. Und das Zuhause wird zum Homeoffice. Der Wechsel ist für die Kleinen schwer zu begreifen.

Wie wirkt sich das auf jüngere Kinder aus?

Wenn es der Familie gut geht, sind Kinder sehr anpassungsfähig. Manche genießen die Zeit und Ruhe zu Hause mit den Eltern. Andere testen aber auch mehr Grenzen aus, sind unzufrieden mit sich und der Umwelt, streben stärker nach Selbstständigkeit und fordern immer wieder die Aufmerksamkeit ihrer Eltern ein. Sobald die Mutter oder der Vater den Laptop aufklappt, steht das Kind daneben, obwohl es sich gerade noch in Ruhe beschäftigt hat. Einige sind vermehrt wütend, traurig oder depressiv und ziehen sich zurück, verabreden sich zum Beispiel seltener. Das betrifft vor allem Kinder im Vorschulalter, denen es vor der Pandemie schon nicht gut ging. Schwierig wird es, wenn Kinder die Entwicklungsaufgaben, für die sie in ihrem Alter bereit sind, nicht ausreichend erfüllen können.

Was meinen Sie damit?

In der Kindheit gibt es immer wieder Zeitfenster, in denen es Kindern besonders leichtfällt, neue Fähigkeiten zu erwerben. In den ersten Lebensjahren ist die wichtigste Entwicklungsaufgabe, das eigene Verhalten und die Gefühle regulieren zu können, sich also selbst zu beruhigen. Ab etwa drei Jahren lernen Kinder, wie sie Freundschaften knüpfen, diese bewahren und wie sie sich in der Gruppe verhalten. Sie wissen: In der Kita gelten andere Regeln als zu Hause, zum Beispiel müssen sie dort ihren Teller selbst abräumen. Für beides brauchen sie das Feedback von anderen Menschen.

Durch die Pandemie schränken wir die Kontakte zu anderen ein.

Genau. Nun konzentriert sich alles auf das Zuhause. Verschiedene Kontexte sind für ein Kind jedoch wichtig, weil es dadurch unterschiedliche Rückmeldungen bekommt: Wie ich mich verhalte, hat eine Wirkung auf andere, und es macht einen Unterschied, ob ich da bin oder nicht. Ein anderes Kind oder eine Erzieherin reagiert anders auf mich als ein Elternteil. Mütter und Väter sollten ihren Kindern also Kontakte ermöglichen im Rahmen der aktuellen Vorschriften, beispielsweise ein Laufradrennen oder ein Treffen im Park. Es ist wichtig, dass Kinder das Gefühl bekommen, am Leben teilzuhaben, auch wenn vieles momentan nicht möglich ist.

Ab welchem Alter brauchen Kinder den Kontakt zu anderen?

Kontakt zu Kindern hat in jedem Alter eine wichtige Funktion für die Entwicklung. Das kann man schon bei den ganz Kleinen beobachten. Sie krabbeln sofort zu anderen Kindern, denn dort lassen sich die wirklich spannenden Sachen erleben. Sich von den Eltern zu entfernen und mit anderen etwas zu erleben, ist ein wichtiger Schritt zur Selbstständigkeit. Das Wissen, dass die Eltern da sind, auch wenn sie sich nicht in direkter Nähe befinden, schafft Vertrauen und stärkt die Beziehung.

Wie geht es den Säuglingen und Krabbelkindern in der Corona-Zeit?

Dazu haben wir zwischen Mai und November 2020 eine Online-Erhebung durchgeführt. 590 Mütter mit Kindern im ersten Lebensjahr haben teilgenommen. Ein Drittel sagte, dass ihre Kinder zur Zeit der stärksten Beschränkungen schlechter schliefen. Das belastet eher die Eltern, weniger die Kinder. Geht ein Kind in Krippe oder Kindergarten, kann es ihm nach einem Lockdown schwerfallen, sich wieder von den Eltern zu verabschieden. Die meisten Kinder kommen aber gut durch diese Zeit. Das hängt viel mit dem Wohlbefinden der Eltern zusammen. Wenn es den Eltern gut geht, geht es auch den Kindern gut.

Und wie geht es den Eltern in der Pandemie?

Die Hälfte der Teilnehmerinnen erlebte mehr Stress und war niedergeschlagener als vor der Pandemie. Jede dritte Mutter fühlte sich in unserer Befragung durch das Schreien oder Quengeln des Kindes stark oder sehr stark belastet, jede fünfte Mutter durch das Schlafverhalten. Als entlastend empfanden viele, dass der andere Elternteil mehr zu Hause war und sie dadurch mehr Zeit in der Familie verbringen konnten. Eine gute Partnerschaft wirkt wie ein Puffer gegen psychische Belastung.

Ganz kleine Kinder wurden schon in die Pandemie hineingeboren. Macht das einen Unterschied?

Das werden wir erst in einigen Jahren wissen. Gerade Erstgeborene erleben aktuell eine besondere Situation, weil sie teilweise noch keine anderen Kinder oder Erwachsenen kennengelernt haben, nur ihre Eltern. Das können sie aber nachholen, wenn es wieder möglich ist.

Alle Kinder haben mal Wutaus­brüche, schlafen schlecht oder sind traurig. Wie können Eltern eine normale Entwicklung von Symptomen unterscheiden, die mit der Belastung durch die Pandemie zusammenhängen?

Handlungsbedarf besteht, wenn das Kind oder das Umfeld unter dem Verhalten oder dem Erlebten leidet, wenn Kinder ständig niedergeschlagen oder gereizt sind – nicht nur phasenweise – und diese Stimmung durch nichts beeinflussbar scheint. Oder wenn Situationen aus dem Ruder laufen, ein Kind zum Beispiel auf Konflikte ausschließlich aggressiv reagiert. Ein Warnzeichen kann auch sein, wenn das Kind keinen Anschluss an die Kita-Gruppe findet und sich zurückzieht. Dann kann es auch nicht üben, wie man sich prosozial verhält.

Wie können Eltern ihr Kind unter­stützen, wenn es sich zunehmend schwertut, mit der Situation umzugehen?

Indem Eltern intensiven Gefühlen – positiven und negativen – Raum geben und sie nicht "wegmachen" wollen. Indem sie Vorbild sind im Umgang mit Emotionen wie Aufregung, Enttäuschung oder Scham, helfen sie dem Kind, sich selbst zu beruhigen. Das nennt man Co-Regulation. Dafür sollten Eltern zum Beispiel bei einem Gefühlsausbruch gelassen bleiben, statt immer weiter auf das Kind einzureden. Besser ist es, ihm die Haltung zu vermitteln: "Ich nehme deine Gefühle wahr und akzeptiere deine Wut." Eltern können ihm auch Worte für sein Befinden geben (etwa "Das macht dich jetzt richtig wütend") und die Zuversicht ausstrahlen, dass das Gefühl auch wieder weggehen wird. So lernt das Kind mit der Zeit, ebenfalls ruhig zu bleiben.

Diese Gelassenheit auszustrahlen ist nicht immer leicht.

Das stimmt. Kinder merken, wenn es ihren Eltern nicht gut geht. Deshalb ist es wichtig, auch für sich selbst zu sorgen. Die schönen Momente mit den Kindern bewusst wahrzunehmen. Seinen eigenen Gefühlen Raum zu geben und sie kindgerecht mitzuteilen, beispielsweise so: "Ich bin gerade traurig, weil ich meine Freundin vermisse. Ich glaube, ich rufe sie heute Abend an." Auch eine gute Beziehung zu anderen Menschen kann Kraft geben.

Wie können Eltern ihrem Kind außerdem helfen, gut durch die Pandemie zu kommen?

Sie können die Umgebung vorhersehbar machen, indem sie zum Beispiel häufig den gleichen Supermarkt aufsuchen oder dieselbe Fahrradstrecke fahren. Oder kleine Rituale in den Alltag einbauen wie: In der Bäckerei darf immer das Kind bezahlen. So merken Kinder: Meine kleine Welt bleibt die gleiche, auch wenn drum herum vieles unzuverlässig ist.

Wo finden Familien selbst Hilfe?

Es gibt Informationsangebote im Internet oder per Telefon (siehe Kasten). Eltern sollten sich aber nicht scheuen, auch vor Ort Unterstützung zu suchen, etwa bei einer psychologischen Beratungsstelle, die auf Probleme und Krisen in Familien spezialisiert ist. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und -therapeutinnen helfen ebenfalls. Sie haben zwar mitunter lange Wartelisten für Therapieplätze, manche Praxen und Ambulanzen bieten im Akutfall aber Krisendienste an oder eine "Psychotherapeutische Sprechstunde", in deren Rahmen Familien kurzfristig sechs Termine in Anspruch nehmen können. Dadurch lässt sich oft zumindest einordnen, welche weitere Hilfe sie benötigen.

Hilfe für belastete Eltern

Im Internet:

Per Telefon:

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