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Mund-Nasen-Schutz für Kinder?

In allen Bundesländern gilt nun eine Maskenpflicht. Sie soll helfen, die Zahl der mit dem SARS-CoV-2-Virus infizierten Personen niedrig zu halten. Sollen auch Kinder eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen?

von Stephanie Arndt, aktualisiert am 29.04.2020

Kinder mit mit Mund-Nasen-Schutz – spätestens seit 29. April ist dieser Anblick vielen bekannt. Laut den Corona-Bestimmungen der Bundesländer dürfen Menschen in ganz Deutschland nur noch mit Mund-Nasen-Bedeckung zum Einkaufen gehen oder die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Für Kinder gilt die Pflicht in den meisten Bundesländern erst ab dem sechsten beziehungsweise siebten Lebensjahr, nur in Sachsen-Anhalt schon ab zwei Jahren. Für jüngere Kinder ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung generell freiwillig.

Kinder und Mundschutz: Geht das überhaupt?

Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen, sieht die Maskenpflicht für Kinder mit gemischten Gefühlen: "Es ist grundsätzlich fraglich, ob sie den Schutz überhaupt und über längere Zeit korrekt tragen können. Also enganliegend über Mund und Nase ohne seitliche Lücken. Vor der Grundschule ist das aus meiner Sicht nicht möglich – und auch später, je nach Alter, zumindest eine große Herausforderung."

Dr. Beate Leinberger, Vorsitzende vom Berufsverband der Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen e.V. in Wiesbaden pflichtet ihm bei: "Das Tragen ist sogar für viele Erwachsene belastend. Kinder bewegen sich deutlich mehr, toben und rennen. Der Stoff vor Mund und Nase könnte dann auch in Schulbussen oder Bahnen als lästig empfunden – und einfach abgenommen werden. Selbst von älteren Kindern." Bei Kleinkindern hält Leinberger eine Verpflichtung für gar nicht umsetzbar. "Sie können sich noch nicht an Regeln halten und sollten auch nicht zum Tragen gezwungen werden." Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt sogar, dass kleine Kinder beim Toben, etwa wenn die Spielplätze wieder frei gegeben werden, an der Mund-Nasen-Bedeckung hängen bleiben könnten. Mediziner warnen außerdem davor, dass das Risiko eines plötzlichen Kindstods erhöht sei und lehnen eine Mund-Nasen-Bedeckung für Säuglinge generell ab.

Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen

Überzeugen statt Überreden

Aber wie könnten auch die Kleineren unter dem Pflichtalter dennoch liebevoll zum Tragen einer Stoff- oder Einwegsmaske ermuntert werden, wenn sie zum Beispiel Mama oder Papa zum Einkaufen begleiten müssen? Und wie motiviert man größere Kinder? "Erklären Sie die Situation ruhig und altersgerecht", rät Leinberger. "Etwa ab dem Schulalter begreifen Mädchen und Jungen, dass es eine Krankheit gibt, vor der wir uns und andere mit einem Mund-Nasen-Schutz besser schützen können", sagt die Therapeutin. Um die neue Situation möglichst unkompliziert umsetzen zu können, helfen laut der Expertin folgende Tipps:

  • Seien Sie ein Vorbild. Kindern fällt es leichter, wenn Sie sehen, dass auch Mama und Papa sich an die Vorgaben halten und eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Vergleichbar mit dem Fahrradhelm oder Sicherheitsgurt im Auto.
  • Machen Sie es gemeinsam. Legen Sie sich zusammen die Stoff- oder Einwegsmaske an. Auch hier hilft der Nachahmungseffekt, wie beim Händewaschen. Sie können zudem kontrollieren, ob die Mund-Nasen-Bedeckung gut sitzt und überall eng anliegt.
  • Belohnen Sie. Trägt Ihr Kind die Mund-Nasen-Bedeckung wie es muss? Dann loben und belohnen Sie es, etwa mit einem gemeinsamen Spiel- oder Bastelnachmittag.
Dr. Beate Leinberger, Vorsitzende vom Berufsverband der Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen e.V. in Wiesbaden

Stoff- und Einwegmasken für den Alltagsgebrauch

Im Internet und auf privaten Verkaufsplattformen: überall gibt es mittlerweile kunterbunte, kleine Masken für Kinder. Doch auch selbstgenähte Exemplare erfüllen laut Virologen Dittmer ihren Job. "Normale Stoffmasken bieten zwar keine 100-prozentige Sicherheit, trotzdem helfen sie meines Erachtens, nicht nur andere, sondern auch sich selbst vor einer Tröpfcheninfektion zu schützen." Hier weicht der Experte das erste, aber nicht letzte Mal, von den bekannten Meinungen und Empfehlungen ab.

"Ich weiß, dass Masken bisher in erster Linie als Fremdschutz gelten, also damit ich andere Menschen nicht infiziere. Es gibt aber eindeutige Studien mit Influenza-Viren, die zeigen, dass auch der Eigenschutz deutlich erhöht ist." Bei Stoffmasken rät Dittmer zu Varianten, die einen Einsatz für ein dünnes Stück Vlies haben. Dies reduziere zusätzlich das Risiko, dass Tröpfchen durchdringen. Empfiehlt der Experte FFP-2-Masken, die nachweislich einer Infektion des Trägers vorbeugen können? "Nein, das halte ich für übertrieben, auch weil das Atmen durch diese Produkte sehr schwerfällt. Und diese Mund-Nasen-Schutze müssen sie unbedingt dem medizinischen Personal vorbehalten sein. Da herrscht nach wie vor ein großer Mangel."

Prof. Dr. Johannes Hübner, Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie

Bester Schutz: Abstand mit Mund-Nasen-Bedeckung

Auch mit Maske ist es für Groß und Klein nach wie vor wichtig, sich an den Sicherheitsabstand von 1,50 bis zwei Metern zu halten. Sofern möglich sollten die Kleinen nicht mit zum Einkaufen genommen werden, sondern soweit es geht zuhause bleiben. Das reduziert auch Diskussionen über das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung. Muss der Nachwuchs doch mal mit, ist nach dem Ablegen der Maske gründliches Händewaschen mit Seife das A und O. Einwegmasken gehören sofort in den Restmüll. Und wiederverwendbare Varianten? Auch hier gibt es von Dittmer nicht die gängigen Ratschläge: "Wir konnten ganz klar nachweisen, dass das Virus durch seine leicht zerbrechliche Hülle sehr empfindlich auf Waschmittel, Licht und Trockenheit reagiert. Selbst eine kalte Seifenlauge zerstört SARS-CoV-2, etwa beim Händewaschen. Sonst wäre die Maßnahme nicht so effektiv – und dafür benutzen wir schließlich auch nicht brühend heißes Wasser." Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt, wiederverwendbare Masken bei mindestens 60 Grad Celsius zu waschen.

Gefährliche Unwahrheiten

Für Verunsicherung bei Eltern sorgen auch Behauptungen in Sozialen Netzwerken, dass Mund-Nasen-Bedeckungen für Kinder lebensgefährlich sein könnten. Angeblich sammle sich durchs Ausatmen unter dem Mundschutz schädliches Kohlendioxid, das zu Atemlähmungen führen könne. Prof. Dr. Johannes Hübner, Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie kann hier entwarnen: "Das ist Quatsch. Die verbrauchte Atemluft entweicht durch die einfachen Alltagsmasken. Diese sind ja nicht hermetisch abgedichtet."


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