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Mehr Gewalt gegen Kinder und Mütter in der Corona-Zeit?

Jobs, Kinder, Eltern – alles unter einem Dach. Während der Corona-Pandemie liegen die Nerven bei vielen blank. Das Risiko für Übergriffe gegenüber Kindern und Müttern stieg. Wie Betroffene Hilfe erhalten

von Nele Langosch, aktualisiert am 21.08.2020

Die Corona-Pandemie zwang Familien in die Isolation – und alarmierte die Hilfsorganisationen. Unicef und der Opferverband Weißer Ring, aber auch die Vereinten Nationen und der Europarat warnten vor einem Anstieg von Missbrauch und häuslicher Gewalt gegenüber Kindern und Frauen. In China vermeldete eine Frauenrechtsorganisation bereits drei Mal so viele Anfragen von Gewaltopfern wie vor der Quarantäne. Bereits vor der Corona-Krise hätten laut Kriminalstatistik für das Jahr 2019 Befragungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland gezeigt, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Eltern ihre Kinder schwerwiegend und relativ häufig körperlich bestrafen.

Eine Studie hat nun Anfang Juni ergeben: 3,1 Prozent der Frauen erlebten zu Hause mindestens eine körperliche Auseinandersetzung, zum Beispiel Schläge. In 6,5 Prozent der Haushalte wurden Kinder von einem Haushaltsmitglied körperlich bestraft. 3,6 Prozent der Frauen wurden von ihrem Partner zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Und 3,8 Prozent der Frauen fühlten sich von ihrem Partner bedroht. 2,2 Prozent duften ihr Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. In 4,6 Prozent der Fälle regulierte der Partner Kontakte der Frauen mit anderen Personen, auch digitale Kontakte, zum Beispiel über Messenger-Dienste.

Waren die Frauen in Quarantäne oder hatten die Familien finanzielle Sorgen, lagen die Zahlen deutlich höher. Das traf auch auf Haushalte mit Kindern unter 10 Jahren zu. Nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen nutzte Hilfsangebote. Für die Studie an der Technischen Universität München (TUM) wurden rund 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren online nach ihren Erfahrungen befragt. Die Befragung fand zwischen dem 22. April und dem 8. Mai 2020 statt und bezog sich auf den vorangegangenen Monat, also der Zeit der strengsten Kontaktbeschränkungen.

Cordula Lasner-Tietze, Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes

Isolationsstress beeinflusst Gewaltpotenzial

"Das Risiko steigt besonders dann, wenn es Eltern unter Normalbedingungen bereits schwerfällt, ruhig und gelassen zu bleiben", sagt die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, Cordula Lasner-Tietze. Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen mit Kita- und Schulschließungen verstärken den Druck, insbesondere in beengten Wohnverhältnissen, bei Angst vor Jobverlust oder Geldmangel. "Unter solch enormen Stress können selbst Eltern mit Gewalt reagieren, die dies sonst nie für möglich gehalten hätten", so Cordula Lasner-Tietze. Kleine Kinder, die sich niemandem anvertrauen können, sind Tätern schutzlos ausgeliefert. Doch auch größere Kinder fanden in den letzten Monaten keine Zuflucht in Schule, Sportverein oder bei Freunden.

Mehr Anrufe von Eltern

Umso wichtiger ist derzeit das Angebot von Hilfetelefonen, Chat- und E-Mail-Beratungen für Kinder, Jugendliche und Eltern in Not (siehe Kasten). Viele haben ihre Erreichbarkeit ausgebaut. Im April war die Nachfrage weitgehend stabil. "Die Zahl der Anrufe beim Kinder- und Jugendtelefon ist unverändert hoch", sagte Christina Wiciok von Nummer gegen Kummer. Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer erreichten dagegen über 20 Prozent mehr Anrufe als im vorangegangenen Monat. "Die Eltern haben Angst, dass etwas passieren könnte. Bevor sie zuschlagen, rufen sie an", erzählte Christina Wiciok. Doch die Anrufzahlen sagen nichts darüber aus, wie häufig Kinder tatsächlich Gewalt erfahren, denn viele konnten – zuhause isoliert – kaum unbeobachtet telefonieren oder chatten, wenn sie überhaupt schon alt genug dazu waren.

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, spricht im Podcast "Klartext Corona" mit Peter Glück über Missbrauchsgefahren bei Kindern in Zeiten von Corona.

Christina Wiciok von Nummer gegen Kummer

Lehrer, Erzieher, Trainer sollten auch präsent bleiben

"Kindern fällt es ohnehin schwer, sich anderen anzuvertrauen, wenn sie Gewalt erfahren haben", erklärt Bianca Voth vom Deutschen Kinderschutzbund Minden-Bad Oeynhausen. "Das klappt oft nur durch Impulse von Bezugspersonen oder von Freunden." In Minden und Bad Oeynhausen musste der Kinderschutzbund alle Angebote mit direktem Kontakt zu den Kindern einstellen, so auch die Betreuung belasteter Familien durch ehrenamtliche Helfer. "Die Mitarbeiter versuchten dennoch, den Kontakt zu den Kindern zu halten, etwa über Telefon und Messengerdienste", so Bianca Voth. Hilfreich ist es, wenn auch Lehrerinnen, Schulsozialarbeiter, Erzieher oder Sporttrainerinnen präsent bleiben, anrufen oder Briefe schreiben, bis sie die Kinder wiedersehen.

Im Akutfall kann das Kind aus der Familie genommen werden

Entscheidend war und ist es zudem, dass Nachbarn aufmerksam bleiben. Scheint eine Familie im Umfeld überfordert, kann man ihr zunächst die Kontaktdaten der Hilfetelefone oder einer Beratungsstelle in den Briefkasten stecken oder selbst dort anrufen, wenn man unsicher ist, wie man helfen kann (siehe Kasten). Wer häusliche Gewalt oder Missbrauch vermutet, sollte das Jugendamt oder die Polizei kontaktieren. Die Mitarbeiter des Jugendamtes besuchen daraufhin die Familie und bieten ihr gegebenenfalls Unterstützung bei der Erziehung an, zum Beispiel durch Familienhelfer. Ist das Kindeswohl akut gefährdet, kann das Jugendamt ein Kind aus der Familie nehmen und es (vorübergehend oder langfristig) in einer Pflegefamilie oder Wohneinrichtung unterbringen. Das gilt auch in der momentanen Situation.

Dennoch war und ist die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe derzeit eingeschränkt. In vielen Jugendämtern wurde schon vor der Pandemie mit einem viel zu knapp bemessenen Personalschlüssel gearbeitet. Nun fehlen viele Fachkräfte in den Teams, weil sie kleine Kinder haben oder zur Risikogruppe gehören. Viele Behörden arbeiten im Schichtdienst, um einen Teil des Teams bei Infektionen handlungsfähig zu erhalten. Deshalb würden in vielen Jugendämtern nur noch akute Gefährdungsmeldungen bearbeitet, schrieben 130 Hochschullehrende der Sozialen Arbeit und Pädagogik in einem Appell. Gespräche mit den Kindern und ihren Eltern fänden am Telefon oder gar nicht mehr statt, ein Teil der ambulanten und stationären Hilfen sei eingestellt. Inzwischen hat sich die Lage jedoch wieder entspannt.

Bianca Voth vom Deutschen Kinderschutzbund

Frauenhäuser rechneten mit verstärkter Anfrage

Auch die Frauenhäuser und Fachberatungsstellen müssten von den Ländern als systemrelevant eingestuft werden, forderte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey Anfang April. Ist eine Mutter von Gewalt betroffen, leidet das Kind mit. Im Notfall bietet eines der mehr als 350 Frauenhäuser in Deutschland Müttern und Kindern Schutz. In Städten wie Hamburg und Berlin wurden zusätzlich Hotels oder Pensionen angemietet, um die Kapazitäten auszubauen. "Zu Beginn der Pandemie haben wir keine verstärkte Anfrage von gewaltbetroffenen Frauen verzeichnet", so Simone Dresen von der Frauenberatungsstelle Düsseldorf. "Doch es zeichnete sich ab, dass die telefonischen Beratungen umso intensiver genutzt werden. Wir rechnen weiterhin mit einem erhöhten Bedarf." Auch dort hat man Akutunterbringungen für Betroffene eingerichtet, die noch nicht in eines der Frauenhäuser ziehen können.

"Die Lage in den Frauenhäusern ist bundesweit sehr unterschiedlich", erklärt Melanie Schauer von der Frauenhilfe München. Bei ihnen sei der Zulauf zunächst sogar zurückgegangen. Mittlerweile sei er wieder angestiegen und liege etwa auf dem Niveau vor der Corona-Krise. Auch in der ambulanten Beratung haben die Anfragen wieder deutlich zugenommen. "Die Zeit, in der Frauen und ihre Kinder die Situation aushalten können, ist begrenzt", sagt Melanie Schauer.

Hier beantwortet Dr. Korinna Heimann von der Diakonie Hamburg in Folge 28 des Video-Podcasts "Nachgefragt!" Fragen zum Thema.

Bundesweite kostenfreie und anonyme Hilfeangebote für Kinder, Eltern und das besorgte Umfeld:


www.kein-kind-alleine-lassen.de
Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hat Möglichkeiten der telefonischen und digitalen Soforthilfe in Zeiten von Corona zusammengestellt – für betroffene Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene, die sich Sorgen um ein Kind und seine Familie machen. Mit Exit-Button, um die Seite sofort zu verlassen, falls der Täter ins Zimmer kommt: www.kein-kind-alleine-lassen.de

Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer 116 111
Montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr, zusätzlich montags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 12 Uhr. Auch Online-Beratung per Mail oder Chat unter: www.nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendtelefon.html

Elterntelefon der Nummer gegen Kummer
0800 111 0 550
Montags bis samstags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags zusätzlich von 17 bis 19 Uhr. Im Internet: www.nummergegenkummer.de/elterntelefon.html

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 0800 0 116016
Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben sowie für Angehörige, Freundinnen und Freunde, rund um die Uhr. Sofort-Chat (12 bis 20 Uhr) und Online-Beratung per E-Mail und Chat unter www.hilfetelefon.de

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530
Entlastung, Beratung und Unterstützung für Betroffene von sexueller Gewalt und für alle, die sich um ein Kind sorgen, unsicher sind und Fragen zum Thema haben. Online-Angebot des Hilfetelefons unter www.save-me-online.de

Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123
Rat für alle Problembereiche, rund um die Uhr. Mail- und Chatberatung unter www.telefonseelsorge.de


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