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Lehrerverband befürchtet Chaos im neuen Schuljahr

In einigen Bundesländern gehen die Sommerferien bald zu Ende. Eltern und Lehrer fragen sich: Ist ein Regelbetrieb, wie er im neuen Schuljahr geplant ist, realistisch? Denn zuletzt sind die Infektionszahlen wieder gestiegen

von dpa, 28.07.2020

Kurz vor dem Ende der Sommerferien in einigen Bundesländern bleibt die Skepsis groß, ob es mitten in der Corona-Pandemie mit der geplanten Rückkehr in den Regelbetrieb an den Schulen klappt. Nach Ansicht des Deutschen Lehrerverbandes sind die Schulen dafür nicht ausreichend vorbereitet. Er befürchte ein "großes Durcheinander", sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der Bundeselternrat rechnet wegen Corona mit erneuten Schulschließungen und geht davon aus, dass das Schuljahr "keineswegs planmäßig verläuft", wie der Vorsitzende Stephan Wassmuth sagte.

Unterstützung bekommen die Bundesländer mit ihren Planungen für eine Rückkehr in den Regelbetrieb von der obersten deutschen Ärztevertretung. Ohne ausreichend Unterricht über einen längeren Zeitraum drohten Kindern "enorme Folgeprobleme, etwa in Bezug auf die körperliche und psychische Entwicklung", sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, der dpa. "Der Anspruch muss sein, einen weitestgehenden Regelbetrieb an den Schulen zu sichern – im Sinne der Kinder."

SCHULALLTAG MIT RISIKO

Mit der Sondersituation der geschlossenen Schulen ab etwa Mitte März blieb unklar, wie sich das Virus dort unter Normalbedingungen verbreitet. In den relativ kurzen Phasen vor und seit dem Lockdown wurden zwar Ausbrüche an Schulen erfasst, allerdings überschaubaren Ausmaßes. Die Ausgangspunkte gelten laut Experten als schwer zu bestimmen: Wird das Virus aus Familien in Schulen getragen oder umgekehrt? Zumindest eine noch nicht von Fachleuten begutachtete Untersuchung aus Frankreich fand keine Hinweise auf Weiterübertragung von Kindern in der Schule.

Leben mit der Unsicherheit – darauf kommt es aus Sicht der befragten Fachleute noch für einige Zeit an. Philipp Henneke, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie an der Freiburger Universitätskinderklinik, betonte: "Das Risiko von Schulöffnungen geht nicht über das hinaus, was wir in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen sehen. Überall ist ein Risiko." Lokale Ausbrüche seien unvermeidlich.

"Für Kinder ist es wichtig, Freunde wieder zu treffen und einen strukturierten Tagesablauf zu haben, letzteres hilft gerade in Krisenzeiten", betonte die Kieler Psychologin Svenja Lüthge.

Es fehlen ausreichend Lehrkräfte

Baden-Württemberg geht an diesem Donnerstag als letztes Bundesland in die Sommerferien, während in Mecklenburg-Vorpommern am nächsten Montag bereits das neue Schuljahr beginnt. Mehrere andere Bundesländer starten kurze Zeit später. Die Kultusminister der Länder hatten vor dem Sommer vereinbart, den Regelbetrieb an den Schulen wiederaufzunehmen und dabei auch auf die Abstandsregel zu verzichten – mit der Einschränkung: "sofern es das Infektionsgeschehen zulässt". Mitte Juli hatten sie dafür ein neues Hygiene-Rahmenkonzept vorgelegt.

Meidinger bemängelte, für einen Vollbetrieb ohne Abstandsregeln fehlten die Lehrkräfte. Bildungsgewerkschaften schätzen, dass bis zu 20 Prozent der Lehrer zur Risikogruppe gehören und für den Präsenzunterricht ausfallen könnten. Auch die Hygieneregeln der Kultusminister der Länder für die Schulen werden als wenig praktikabel kritisiert, beispielsweise die Vorgabe, regelmäßig "intensiv" stoßzulüften.

INFEKTIONSRISIKO DURCH KINDER

"In den internationalen Daten, vor allem aus China, war seit Beginn des Ausbruchs zu sehen, dass deutlich weniger infizierte Kinder als Erwachsene gefunden wurden", sagte Folke Brinkmann, kommissarische Leiterin der Abteilung für Kinder-Lungenheilkunde der Bochumer Uni-Kinderklinik. Inzwischen sei zu vermuten, dass sich Kinder tatsächlich nicht so oft anstecken – und wenn, dann hätten sie eher Verläufe mit nur geringen Symptomen oder ganz ohne. "Der kleine Anteil, der erkrankt, hat zumeist eine fieberhafte Infektion mit Erkältungsbeschwerden oder Bauchschmerzen", so die Oberärztin.

Mehrere Experten machten deutlich: Die anfängliche Befürchtung scheine sich eher nicht zu bewahrheiten, dass Kinder besondere Treiber für Ansteckungen sein könnten. Nach den bekannten Daten spielten Kinder "keine herausragende Rolle", bilanziert Philipp Henneke. "Bei Schulöffnungen sind wahrscheinlich eher die Lehrer das Problem: Sie reden laut, Schüler atmen die Tröpfchen ein."

Bundeselternrat fordert Plan B

"An vielen Schulen lassen sich die Fenster in höher gelegenen Klassenräumen aus Sicherheitsgründen nicht oder nur einen Spalt öffnen", sagte Meidinger. Zudem sei die Idee fester Lerngruppen vielleicht an Grundschulen umsetzbar, aber kaum an einer gymnasialen Oberstufe mit Kurssystem, wo die Schüler ständig mit anderen Mitschülern zusammen seien.

Zu den Skeptikern zählt auch der Bundeselternrat, die Dachorganisation der Landeselternvertretungen in Deutschland. Zwar wünschten sich Eltern sicheren und flächendeckenden Präsenzunterricht, sagte der Vorsitzende Wassmuth. Er rechnet pandemiebedingt regional dennoch wieder mit Schulschließungen und fordert von den Ländern konkrete Planungen auch für ein "Szenario B" mit einer Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht. "Wer das nicht vorbereitet hat, handelt höchst fahrlässig und gegen die Schülerinnen und Schüler."

DIE BEFÜRCHTUNGEN

"Aktuell fahren die Leute quer durch die Republik und Europa, wir haben zudem Arbeitsmigration vom Balkan. All das fühlt sich bedenklich an", sagte der Kommissarische Direktor des Charité-Instituts für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit, Frank Mockenhaupt. Er leitet an dem Universitätsklinikum die Berliner Studie zu Corona und Schulen. Nach den Sommerferien könne es zu einer Durchmischung kommen – und bei den Infektionszahlen zu einem Anstieg. "Die Befürchtung ist, dass Schulen und Kitas im Normalbetrieb dazu beitragen könnten", sagte Mockenhaupt. Die Situation in einigen Ländern zeige ein Potenzial für eine solche Entwicklung, in anderen Ländern sei aber nichts dergleichen geschehen.

Schulen sollten sich vorbereiten für den Fall einer erneuten Schließung, ob von einzelnen Klassen oder der ganzen Einrichtung, damit sie zum Beispiel schnell wieder auf Fernunterricht oder andere Modelle umschalten können, sagte Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt (Main). "Ich halte es für eine Illusion, im Herbst und Winter von einem durchgehenden Regelbetrieb auszugehen."

Eltern und Lehrer plädieren für eingeschränkten Lehrplan

Die dem Verband bekannten Planungen seien nicht abschließend zu Ende gedacht. "Oftmals hat man das Gefühl, man agiert nach dem Prinzip Hoffnung (es wird schon klappen und wir werden nicht vom Virus ereilt)", sagte Wassmuth.

Der Elternvertreter rechnet nicht damit, dass unter den gegebenen Bedingungen der Lehrplan zu schaffen ist, und fordert eine "Entrümpelung". Auch Lehrerverbandspräsident Meidinger hält es für sinnvoll, wenn die Bundesländer sicherheitshalber Listen mit Stoffgebieten erstellen, "deren Vermittlung im nächsten Schuljahr verzichtbar ist". "Man muss sich ehrlich machen. Ideale Unterrichtsbedingungen wird es noch lange nicht geben", sagte er.

Zur Vorbereitung auf weitere mögliche Schulschließungen müssten Meidingers Ansicht nach die für die Schuldigitalisierung vorgesehen Milliarden-Fördergelder jetzt "mit Hochdruck in die Schulen gepumpt werden". Bislang tröpfelten diese nur.

INFIZIERTE FINDEN

Als Kernproblem gilt, im Herbst und Winter bei Kindern normale Erkältungen und Atemwegserkrankungen vom neuen Virus zu unterscheiden. An der Charité werde an der Überprüfung eines Kits gearbeitet, mit dem Erwachsene bei sich selbst oder ihren Kindern einen Abstrich nehmen können, so Mockenhaupt. "Es muss sich aber erst noch zeigen, ob damit zuverlässige Ergebnisse erreicht werden." Bei der Option, die der Charité vorschwebt, müsse der Abstrich nicht tief in der Nase genommen werden, sondern von Zunge, Wangeninnenseite und Nasenvorhof.

In Studien, zum Beispiel in Bochum, sollen Kinder auch auf Antikörper untersucht werden. Wissenschaftler wollen so erkennen, wie viele die Infektion wohl bereits hinter sich haben. Damit sei man nah dran am Geschehen, sagte Brinkmann: "Wir werden mit den Schulöffnungen sehen, ob die Raten in bestimmten Gruppen ansteigen und dann genauer sagen können, wie groß das Risiko für alle Beteiligten ist.


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