Bach-Blüten: Harmonie für Körper und Geist?

Vor allem Schwangere und Mütter setzen gerne auf alternative Heilmethoden wie die Bach-Blütentherapie. Wie sie funktioniert und was Wissenschaftler daran kritisieren

von Daniela Frank, 18.05.2017

Auch bei Kindern sollen die Bach-Blüten-Essenzen gegen Beschwerden helfen


Doldiger Milchstern, Gelbes Sonnenröschen, Tausendgüldenkraut – so wohlklingende Namen haben die Pflanzen, die Edward Bach für seine Blütentherapie verwendete. Der britische Arzt entwickelte die von Homöopathie und Psychoanalyse inspirierte Lehre Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Bach-Blütentherapie geht davon aus, dass jeder Krankheit eine Störung des seelischen Gleichgewichts zugrunde liegt. Die Harmonie im Organismus können laut Bach Essenzen aus verschiedenen Pflanzen wiederherstellen, die jedoch nicht zu den Heilpflanzen zählen. Er fand 38 Mittel, die er in sieben Gruppen einteilte. Ihnen ordnete er folgende Gemütszustände zu: Depression, Angst, Interesselosigkeit, Einsamkeit, übertriebene Fürsorge, Überempfindlichkeit und Unsicherheit.

Bach-Blüten-Theorie: Schwingungen im Wasser

Die Pflanzenteile für seine Essenzen sammelte Bach zu festgelegten Tageszeiten an genau definierten Orten. Anschließend legte er sie in Quellwasser und stellte sie für eine bestimmte Zeit in Sonnenlicht oder kochte sie aus – je nachdem, ob es sich um die Blüten oder beispielsweise die Rinde der Pflanze handelte. Das Wasser nimmt nach Bachs Vorstellung dabei die Schwingungen der Pflanze auf. Nachdem er die Pflanzenteile aus dem Wasser entfernt hatte, konservierte er die Essenz mit Alkohol. Anschließend verdünnte er sie – ähnlich wie in der Homöopathie – stark mit Wasser. Nach diesem Prinzip werden die Bach-Blütenessenzen auch heute noch hergestellt. Vor ihrem Einsatz soll sie der Anwender dann sogar noch weiter mit Wasser und Alkohol verdünnen.

Weil bei der Bach-Blütentherapie kleine Mengen Alkohol aufgenommen werden, sollten Schwangere, Stillende sowie Mütter, die die Tropfen bei ihren Kindern einsetzen wollen, vorher einen Arzt konsultieren. "Schwangeren würde ich empfehlen, sich die Mischung in der Apotheke mit Essig konservieren zu lassen", rät Kinder- und Jugendärztin Dr. Helena Biermann-Franke. Als Alternative sind die Bach-Blüten jeweils auch als Globuli erhältlich.

Verschiedene Einsatzmöglichkeiten

Nach Bachs Theorie beeinflussen die Essenzen den Gemütszustand des Betroffenen und stellen die aus dem Gleichgewicht geratene seelische Harmonie wieder her. Ihr Einsatz kann drei verschiedene Ziele haben: Bei der präventiven Anwendung soll der Charakter generell gestärkt oder ausgeglichen werden. Liegen dagegen schon persönliche Krisen oder psychische Probleme vor, können die Mittel laut Bach helfen, diese zu beheben. Ist die seelische Harmonie wiederhergestellt, werden nach seiner Lehre außerdem die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiv. Zur Behandlung von Krankheiten und psychischen Störungen sollte die Bach-Blütentherapie jedoch nur unterstützend zur konventionellen Medizin eingesetzt werden.

Die Kinder- und Jugendärztin Dr. Helena Biermann-Franke hat damit gute Erfahrungen gemacht. "Bach-Blüten helfen nicht bei jedem, aber gerade bei Kindern sind sie oft hilfreich", sagt sie. Vor allem gegen Ängste, Schlafstörungen oder emotionale Probleme hätten sich die Mittel in ihrer Praxis bewährt. "Ein Beispiel sind auch Affektkrämpfe bei Kleinkindern", sagt sie. Dabei schreit das Kind stark, hält die Luft an – oft, bis es ohnmächtig wird. Das sieht besorgniserregend aus, ist aber in der Regel nicht gefährlich.

Es gibt keine klassische Behandlungsmethode dagegen. Der behandelnde Arzt beruhigt die Eltern und weist sie darauf hin, aufzupassen, dass sich das Kind bei einem solchen Anfall nicht verletzt. Wird das Kind älter, werden die Krämpfe seltener und klingen irgendwann von selbst ab. "Mit einer Bach-Blütenbehandlung geht die Anzahl der Affektkrämpfe oft rascher zurück", so Biermann-Franke. Trotzdem ist sie der Ansicht: "Bach-Blüten sind keine Wundermittel – aber man kann sie zur Unterstützung einsetzen, insbesondere, wenn die Patienten sehr unter ihren Problemen leiden und es keine andere Behandlungsmethode gibt."

Die Mittel sind frei in der Apotheke erhältlich und können je nach Bedarf selbst zusammengestellt werden. "Wenn sie nicht wirken, muss es nicht immer an der Methode liegen, sondern kann auch in der Auswahl der Blüten begründet sein", sagt Biermann-Franke. Dann solle man sich an einen Experten wenden. "Als Betroffener hat man manchmal nicht den notwendigen Abstand, um die am besten passenden Blüten auszusuchen. Viele Mütter stellen dann fest, dass zu ihrem Kind ,fast alle Blüten' passen würden. Oft ist es außerdem notwendig und hilfreich, seine Einstellungen und sein Verhalten zu überdenken", erklärt sie. Zur Bach-Blütentherapie gehört daher eine ausführliche Beratung, in der Biermann-Franke mit den Eltern die Situation des Kindes insgesamt bespricht.

Zusätzlich zu den 38 Essenzen, die jeweils aus nur einer Pflanze gewonnen werden, gibt es die sogenannten Notfall-Tropfen. Sie bestehen aus fünf verschiedenen Pflanzen-Essenzen und sollen bei Unfällen vor Schock und Panik schützen sowie in Angst- und Stresssituationen entspannen. Auch bei Insektenstichen können sie eingesetzt werden. Vorsicht: Die Tropfen sind kein Ersatz für übliche Maßnahmen der Ersten Hilfe.

Die 38 Bach-Blüten und ihre Anwendungsgebiete:

Kritik: Gesunde brauchen nichts einzunehmen

"Dass Bach-Blüten und andere alternative Heilmittel so beliebt sind, liegt daran, dass sie im Ruf stehen, natürlich zu sein und keine Nebenwirkungen zu haben", sagt Prof. Edzard Ernst, der als Arzt früher selbst Patienten homöopathisch behandelt hat und 1993 von der Peninsula Medical School zum weltweit ersten Professor für Komplementärmedizin berufen wurde. Doch ihr Nutzen ist laut Ernst fraglich: "Alle aussagekräftigen Studien haben gezeigt, dass es keine Wirksamkeit gibt."

Unter einer aussagekräftigen Studie versteht er eine sogenannte randomisierte kontrollierte Studie, bei der die Teilnehmer per Zufallsprinzip verschiedenen Gruppen zugeordnet werden: zum Beispiel nimmt die eine Gruppe das Mittel ein, das getestet werden soll und die Vergleichsgruppe nimmt entweder ein Mittel mit bekannter Wirksamkeit oder ein Scheinmedikament (Placebo) ein. Bei Bach-Blüten konnte in solchen Studien bisher nur ein sogenannter Placebo-Effekt nachgewiesen werden: Das Mittel ist so wirksam, wie ein Präparat, dass keinen Wirkstoff enthält. Im Vergleich zu Patienten, die gar nicht behandelt werden tritt bei einer solchen Scheinbehandlung ein messbarer, wenn auch vergleichsweise geringer, Effekt ein.

Dem Patienten die Wahrheit sagen

Ernst und sein Team haben viele Studien zu Bach-Blüten geprüft und einige selbst verfasst. Er hält die Mittel für wirkungslos – und unter Umständen für problematisch: "Wenn sie bei ernsten Erkrankungen eingesetzt werden, bleiben diese vielleicht unbehandelt", sagt er. Doch was spricht dagegen, die Mittel zum Beispiel bei Unwohlsein oder Stress anzuwenden? "Wenn jemand Symptome hat, kann man die auch regulär behandeln.", sagt Ernst. "In anderen Fällen braucht man nichts einzunehmen." Baue man als Arzt auf den Placebo-Effekt, müsse man seinen Patienten über die Wirksamkeit des Medikaments belügen. "Dem Patienten die Wahrheit zu sagen, gehört aber zu ärztlichen Ethik", so Ernst.

Wie viele andere ist Ernst jedoch der Meinung, dass die konventionelle Medizin einiges von den sehr beliebten alternativen Heilmethoden lernen kann. Denn in konventionellen Therapieformen kommt die therapeutische Beziehung oft zu kurz. Sie ist jedoch sehr wichtig für den Behandlungserfolg. Diese Beziehung intensiv aufzubauen ist ein essentieller Bestandteil der meisten alternativen Heilmethoden – und damit einer der Gründe dafür, dass viele sie als hilfreich empfinden. "Da kann sich die konventionelle Medizin noch eine Scheibe abschneiden", sagt Ernst.


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