{{suggest}}


So funktioniert das Sprechen lernen

Mit dem ersten Schrei beginnen Babys, sprechen zu üben. Doch bis hin zum ganzen Satz ist es ein weiter Weg. Wie Kinder sprechen lernen und wie Eltern es fördern können – inklusive Sprachentwicklungstabelle

von Beatrice Sobeck, aktualisiert am 08.01.2019
Kind mit Mutter

War das ein "Mama"? Sprachentwicklung ist spannend für Kind und Eltern


Kaum etwas fasziniert Eltern so sehr wie die Sprachentwicklung ihres Babys. Das erste Ma-ma oder Pa-pa – ein ganz besonderer Moment. Sprechen lernen und Sprache verstehen ist so ein komplexer Vorgang, dass auch Wissen­schaftler nach wie vor versuchen, den Sprachcode des Menschen zu entschlüsseln.

Zu ihnen zählen auch die Forsche­rinnen Dr. Claudia Männel und Dr. Gesa Schaadt aus Leipzig. Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften untersuchen sie unter anderem, wie Babys und Kleinkinder Sprache verarbeiten. In spielerischen Experimenten erkunden die Neuropsychologinnen, welche Schritte notwendig sind, um Wörter und Sätze zu verstehen. "Neugeborene hören zunächst nur aneinander­gereihte Laute, keine einzelnen Wörter. Das kann man sich in etwa so vorstellen, wie wenn man in Italien im Urlaub ist, Radio hört und rein gar nichts versteht", sagt Männel. Erst nach und nach entschlüsselt das Baby den Sprachcode. "So weiß es innerhalb weniger Monate, wo ein Wort beginnt und endet. Es erkennt lautliche Zusammenhänge der Muttersprache, aus denen sich später gramma­tikalisches Verständnis entwickelt. Irgendwann im Laufe des ersten Lebensjahres kann es Wörter und deren Bedeutung in bestimmten Situa­­tionen verknüpfen", erklärt Männel.

Grammatik erkennen Babys schon mit drei Monaten

Was Babys verstehen, können die kleinen Versuchsteilnehmer schlecht selbst sagen. In Untersuchungen nutzen die Wissenschaftlerinnen daher Hilfsmittel aus der Medizin. Mit einer Elektroenzephalografie (EEG) können sie zum Beispiel beobachten, ob ein bestimmter Sprachreiz eine Reaktion im Gehirn auslöst oder nicht. Für die Messung bekommen die Babys Häubchen aufgesetzt, die wie Badekappen aussehen und mit Elektroden bestückt sind. Um zu sehen, was die Kleinen verstehen, bauen die Forscherinnen in ihre Experimente Fehler ein. Erkennen die Kinder den Fehler, reagiert das Gehirn. Erkennen sie ihn nicht, zeigen die Gehirnströme keine Abweichung. Auf diese Weise konnten die Leipziger Sprachforscher etwa feststellen, dass drei Monate alte Babys in der Lage sind, grammatikalische Regeln zu erkennen – was nicht bedeutet, dass sie diese auch schon verstehen.

Doch wann fängt Sprechenlernen an? "Schon vor der Geburt", sagt Gesa Schaadt. Etwa ab der 24. Schwanger­schafts­woche können Babys hören. Sie lauschen Mamas Herzschlag und dem Rauschen des Blutes. Sie hören aber auch, wie sie spricht, und verinner­lichen dies. "Und wenden es an, sobald sie auf die Welt kommen. Babys weinen in der Klangmelodie ihrer Mutter­­sprache", sagt Männel und verweist auf Erkenntnisse der Verhaltensbiologin Kathleen Wermke. Sie hatte mehr als 20 000 Babylaute analysiert und dieses Merkmal der ersten Sprachanwendung entdeckt. Männel hat die Audioaufnahmen weinender deutscher und französischer Babys gehört und war beeindruckt, wie eindeutig die Betonungsmuster herauszuhören waren. "Die Franzosen betonen den hinteren Teil der Laute, die Deutschen den vorderen", sagt sie. So wird das deutsche Kind später Má-ma – mit Betonung auf der ersten Silbe – sagen, das französische wird die hintere Silbe betonen und nach Ma-má rufen.

Die vorgeburtliche Prägung wird auch in Studien mit Neugeborenen bestätigt, in denen das Saugverhalten in Kombination mit unterschiedlichen Sprachen untersucht wurde. Die Babys saugten intensiver am Schnuller, wenn sie Vokale einer fremden Sprache hörten. Die Schlussfolgerung: Der fremde Sprachlaut weckt das Interesse der Kleinen, während der Klang der Mutter­sprache eher beruhigt, weil sie die sprachmelodischen Muster schon aus dem Mutterleib kannten.

Langsam verknüpfen Babys Laute mit Situationen

Allein durch diese Voraussetzungen lernt ein Baby noch nicht sprechen. "Es kommt maßgeblich darauf an, wie Eltern und Bezugspersonen mit dem Kind umgehen und es mit Informationen füttern", so Schaadt. Und das machen die meisten Erwachsenen intuitiv richtig. "Sie sprechen langsamer, wiederholen einzelne Wörter und deren Betonungen, die Sprache ist vereinfacht", erklärt die Expertin. Das klingt in etwa so: "Hier ist der Papa, der Paapa. Und der Paapa wickelt dich jetzt." Dieser sogenannte Babytalk vermittelt dem Säugling die lautlichen Muster seiner Sprache sowie Zusammenhänge. "Ein vier Monate altes Baby erkennt bereits die Lautform von Mama, Papa und die des eigenen Namens. Zwei Monate später erkennt es, dass bestimmte Wörter in bestimmten Situationen benutzt werden", sagt Männel.

Um den ersten Geburtstag herum sprechen die Kleinen dann in vertrauten Situ­ationen selbst die ersten Wörter – etwa beim Spielen. Männel beschreibt das so: "Wenn ich auf der Decke liege, nimmt Mama immer so ein rotes, rundes Ding, das sich alleine bewegt, und nennt es Ball." Nach einer Weile wird das Kind selbst "Ball" sagen. "Die Bedeutung von Ball ist für das Kind das, was es in dieser Situation mit diesem roten, runden Ding verbindet. Die inhaltliche Bedeutung – Ball gleich Spielgerät – kennt es noch nicht. Wahrscheinlich wird es alle runden, rollenden Gegenstände als Ball betiteln. "Das Kind lernt zu generalisieren, es erkennt in verschiedenen Gegenständen gleiche Eigenschaften und nutzt den ihm bekannten Begriff", so Männel.

Eltern benutzen intuitiv den passenden Babytalk

Stimmen fesseln Babys Aufmerksamkeit von Geburt an. Vor allem Mamas und Papas Stimmen kennen sie schon aus dem Mutterleib. Ihnen vertraut das Kleine, es lässt sich beim sanften Zureden trösten, entspannt sich, wenn die beiden beim Wickeln plaudern, und lauscht aufmerksam, wenn Mama und Papa singen oder beim Fliegergriff lustige Geräusche machen.

"Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel, und Eltern vermitteln das ihrem Baby im Alltag ganz automatisch, indem sie mit ihm sprechen, es dabei anschauen, auf das Kind eingehen", sagt Prof. Dr. Barbara Höhle, Psycholinguistin an der Universität Potsdam. Und die Erwachsenen tun das auf eine bestimmte Weise: Sie nähern sich ihrem Baby auf wenige Zentimeter, spiegeln seine Gefühle mit ihrem Gesichtsausdruck und sprechen mit hoher Stimme. Dabei ziehen sie die Worte ungewöhnlich weit auseinander, sprechen lang­samer als sonst und wiederholen Wörter oft. "Diese vereinfachte Ansprache ist genau das, was Babys brauchen. Wir wissen heute, dass Kinder im ersten Lebensjahr sehr viel sprachliches Verständnis entwickeln", so Höhle.

Babys kommunizieren noch ohne Sprache

Die kleinen Beobachter und Zuhörer sind richtige Wahrnehmungsschwämme. Sie lauschen Stimmen und Geräuschen nicht nur aufmerksam, sie reagieren auch prompt auf die Ansprache der Großen – mit Gurren, Glucksen, Lachen oder Weinen. So signalisieren sie, dass sie Hunger haben, die Windel drückt, ihnen langweilig ist oder sie Ruhe brauchen. "Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich die Erwachsenen aktiv mit dem Baby beschäftigen. Sprache geht idealerweise immer mit einer Handlung einher. Was das Kind hört, passt also zu dem, was es sieht oder gerade erlebt. Diese Verknüpfung hilft dem Baby, die Informa­tionen aufzunehmen und zu verarbeiten", erklärt die Linguistin.
Welche sprachlichen Entwicklungsschritte Babys wann machen, lesen Sie unten.

Die Etappen der Sprachentwicklung*

0 bis 3 Monate

Das kann das Baby: Weinen in unterschiedlichen Tonlagen, gurren und glucksen. Das Baby kommuniziert mit Mimik, lächelt vielleicht schon bewusst.

So unterstützen Mama und Papa: Plaudern Sie viel mit dem Kind und halten Blickkontakt. Wiederholen Sie die Laute, die das Baby produziert, und "antworten" Sie generell auf Lautäußerungen.

3 bis 6 Monate

Das kann das Baby: Schmatz- und Zischgeräusche, Vokale, erste Silben (Lallen), es reagiert auf Geräusche.

So unterstützen Mama und Papa: Erwidern und übersetzen Sie die Laute Ihres Babys. Kommentieren Sie Dinge, die gerade passieren. "Schau, der Ball rollt zu dir." Oder: "Emma bekommt eine frische Windel." Binden Sie Spielsachen mit kontrastreichen Farben ein.

6 bis 8 Monate

Das kann das Baby: Das Plappern nimmt zu, es brabbelt nun schon in Doppelsilben (bababa, gagaga) und bildet Gebärden. Es versteht auch bereits einzelne Wörter, etwa seinen Namen.

So unterstützen Mama und Papa: Mit Liedern, Fingerspielen, Kniereitern oder Reimen fesseln Sie Babys Aufmerksamkeit. Binden Sie den Namen des Kindes oft ein. Stellen Sie Fragen, etwa: "Wo ist der Teddy?"

8 bis 12 Monate

Das kann das Baby: Lautkombinationen werden bestimmten Dingen und Kategorien zugeordnet, es versteht Einzelwörter und erkennt Verbote oder Aufgaben.

So unterstützen Mama und Papa: Kleine Aufgaben ("Hol das Auto"), Frage- und Versteckspiele regen die Sprechfreude an, und Sie finden damit heraus, welche Begriffe das Kleine schon richtig zuordnen kann. Schauen Sie einfache Bilderbücher an, benennen Sie, was Sie sehen. Benutzen Sie zunehmend die richtigen Bezeichnungen, und sprechen Sie in ganzen Sätzen.

12 bis 18 Monate

Das kann das Kind: Erste Wörter, Einwortäußerungen (Mama, Papa, WauWau, Ba für Ball, Ka für Katze), Protowörter (Didi für Schnuller). Es spricht mit eineinhalb Jahren etwa 50 Wörter.

So unterstützen Mama und Papa: Kommentieren Sie viel, was Sie tun. Lassen Sie das Kind zwischen zwei Möglichkeiten auswählen (etwa: "Magst du die Puppe oder den Ball?"). Be­­trachten Sie Bilderbücher mit kontrast­reichen, klaren Bildern, lassen Sie das Kind Bekanntes darin finden.

18 bis 24 Monate

Das kann das Kind: Zwei- bis Dreiwortsätze häufen sich. Es produziert etwa 200 Wörter, kombiniert Substantive, Verben und Adjektive. Es benutzt Verben in der Grundform am Satzende.

So unterstützen Mama und Papa: Zuordnungsspiele, Wimmel-, Puzzlebücher. Spricht Ihr Kind ein Wort falsch, wie­derholen Sie es im nächsten Satz richtig ("Oma gekommt." – "Genau, Oma ist gekommen.")

24 bis 36 Monate

Das kann das Kind: Erste kompliziertere Lautverbindungen (ch, gl), kurze Sätze, Warum-Fragen, Verben (in richtiger Satzstellung) und Pronomen (ich, mein). Es kann Farben benennen, Handlungen auf Bildern erkennen.

So unterstützen Mama und Papa: Vorlesen, nacherzählen lassen, malen, kneten, Rollenspiele. Benennen Sie Gefühle.

Und so geht’s weiter:

Bis 4 Jahre

Schwierige Konsonanten (R) werden gelernt.

Bis 5 Jahre

Alle Laute (außer s/sch) können korrekt gebildet werden. Das Kind kennt über 2000 Wörter, kann bis zehn zählen und wendet einfache grammatikalische Regeln richtig an (Fragestellungen, Plural, einfache Haupt- und Nebensätze, einfache Vergangenheit).

Bis 6 Jahre

Die Lautbildung sollte abgeschlossen sein. Grammatikalische Regeln werden richtig angewendet (Satzbau, Zeitformen, Artikel).

*Übersicht erstellt in Kooperation mit Prof. Dr. Steffi Sachse, Entwicklungspsychologin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, und Prof. Dr. Barbara Höhle, Psycholinguistin an der Universität Potsdam


Mit den Kindern in den Urlaub: Was überwiegt – Stress oder Entspannung?
Zum Ergebnis
Sind Sie auf Anhieb schwanger geworden?
Zum Ergebnis