Konfliktberatung für Schwangere in der Pandemie

Es gibt viele Gründe, warum Schwangere Rat und Hilfe benötigen – auch oder vor allem jetzt während der Corona-Krise. Wie Beratungsstellen ihnen zur Seite stehen

von Tanja Eckes, 09.02.2021

Kontaktbeschränkungen, nächtliche Ausgangssperren, Quarantäne-Maßnahmen, Kurzarbeit und Jobverlust: Die Maßnahmen und Folgen der Pandemie-Eindämmung machen es Frauen nicht leichter, sich jetzt auf eine Schwangerschaft einzulassen und sich möglichst entspannt auf die Geburt vorzubereiten. Vor allem, wenn vielleicht grundsätzliche Zweifel bestehen, ob ein Kind überhaupt momentan in die Lebensplanung passt.

Alleingelassen in der Krise?

"Gerade die alltägliche Isolation kann in dieser langanhaltenden Lockdown-Phase problematisch sein, wenn eine Schwangere sich in einer schwierigen Situation befindet", bestätigt Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover. "Denn das normale soziale Umfeld, der persönliche Austausch am Arbeitsplatz, beim Sport, mit Freundinnen, Verwandten und Bekannten, gegenseitige Besuche und gemeinsame Erlebnisse können normalerweise einen stabilisierenden, stärkenden Effekt haben." Bisher fanden hilfesuchende Schwangere bundesweit Anlaufstellen in vielen Beratungseinrichtungen, etwa von pro familia, donum vitae oder kirchlichen Trägern. Und jetzt? "Die offiziellen Hilfeangebote für Schwangere in einer Konfliktsituation sind heute nicht schlechter erreichbarer als vor der Pandemie", bestätigt Albring. "Mit der Einschränkung, dass heute eine Terminabsprache erforderlich ist und dass natürlich Mund-Nase-Bedeckung getragen wird sowie Abstand und Hygieneregeln gelten." Der Mediziner verweist gerade in Notlagen wie Gewalt in der Partnerschaft auf das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (siehe Kasten), das rund um die Uhr erreichbar ist.

Neue technische Möglichkeiten

Alle zuständigen Beratungseinrichtungen haben schnell auf die Ausnahmesituation reagiert – und bereits zu Beginn der Pandemie bisherige Konzepte überarbeitet und an die veränderten Gegebenheiten angepasst. "Wir profitieren jetzt von den Erfahrungen und Entwicklungen des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020", berichtet die Marburger Familientherapeutin Dörte Frank-Boegner, Vorsitzende des pro familia Bundesverbands und langjährige Beraterin bei pro familia. "Damals mussten wir in kürzester Zeit die Telefonanlagen und das digitale Angebot aufrüsten, haben Lösungen gefunden, wie Schweigepflicht und Datenschutz bei vertraulichen Informationen im Online-Austausch weiterhin gewahrt bleiben."

Das ist die gute Nachricht in dieser zweiten Pandemie-Welle: Die größten technischen Herausforderungen sind inzwischen bewältigt, durch bessere Ausstattung muss man weder lange Wartezeiten, noch zusammenbrechende Leitungen befürchten. Beim Bundesverband Donum vitae für Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung hatte man bereits vor der Krise auf Digitalisierung gesetzt. Das Modellprojekt "HeLB Helfen. Lotsen. Beraten" – eine Videoberatung – ging im Frühjahr 2019 an den Start. "So haben wir in der Corona-Krise keine Zeit durch die Suche nach entsprechenden Umsetzungsmöglichkeiten verloren und waren für hilfesuchende Schwangere jederzeit erreichbar", sagt Petra Schyma, Referentin des Bundesverbandes Donum vitae. Inzwischen haben sämtliche Beratungsstellen bundesweit ihr technisches Wissen erweitert, sind alle Mitarbeiter:innen auf digitale Anwendungen geschult und damit auf jegliche Form der Beratung gut vorbereitet. Jede Frau kann sich auf ganz unterschiedlichen Wegen beraten lassen – zu allgemeinen Fragen vorab per Email, in Konfliktsituationen telefonisch, im Videochat oder im Einzelfall und unter Berücksichtigung der geltenden Abstands- und Hygieneregeln auch weiterhin bei einem persönlichen Gespräch.

Individuelle Situation berücksichtigen

"Was uns ganz wichtig ist: Wir müssen schnell auf Anfragen reagieren und garantieren, dass wir innerhalb von drei Tagen einen Termin anbieten können", erklärt Schyma. Keine Frau soll durch lange Wartezeiten oder schlechte Erreichbarkeit zusätzlich in Bedrängnis geraten. In Regionen mit hohen Corona-Fallzahlen etwa kann es passieren, dass Beratungszentren komplett auf persönliche Gespräche vor Ort verzichten, um Schwangere nicht zu gefährden. "Allerdings gibt es durchaus Situationen, in denen wir ein persönliches Treffen vorziehen, etwa, wenn Frauen kaum Möglichkeiten haben, von zu Hause aus mit uns zu kommunizieren."

Manchmal fehlen schlicht die technischen Möglichkeiten oder es besteht bei Migrationshintergrund eine hohe Sprachbarriere, die sich leichter im direkten Gegenüber überwinden lässt. Auch, wenn die Betroffene schon konkret über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenkt oder psychisch sehr labil ist, werden Präsenztermine bevorzugt. "Gerade in Fällen häuslicher Gewalt bietet wir den Frauen vor Ort in der Beratungsstelle einen geschützten Raum, in dem sie von ihren Erfahrungen berichten können", erklärt Familientherapeutin Dörte Frank-Boegner. Wie in vielen anderen Lebensbereichen, hat sich auch bei den Beratungsstellen Kreativität als der Schlüssel zu einem guten Umgang mit der Pandemie erwiesen, zum Beispiel, indem man das Treffen nach draußen verlegt – natürlich immer unter Wahrung der Diskretion und auf gesunde Distanz.

Kein Anstieg der Abbrüche

Die Erwartungen vieler Beratungsstellen, dass es im Zuge der Corona-Krise zu einem deutlichen Anstieg der Anfragen und auch der Schwangerschaftsabbrüche kommen würde, haben sich bisher nicht bestätigt. Allerdings verlaufen die Beratungen ergebnisoffen, deshalb können die Beratungsstellen keine Angaben dazu machen, wie viele Frauen sich hinterher für oder gegen einen Abbruch entscheiden. Konkrete Zahlen liefert das Statistische Bundesamt. Im Jahr 2019 entschieden sich rund 100.000 Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch. 

"In den Anfängen der Pandemiemaßnahmen ab März 2020 waren die Zahlen der Anfragen bei uns eher rückläufig, was sich aber auch durch viel Unsicherheit bei den Ratsuchenden bezüglich der Pandemie erklären lässt", sagt Angelika Wolff, Referentin der Diakonie Deutschland. Laut Statistischem Bundesamt fanden im dritten Quartal 2020 rund 24.000 Schwangerschaftsabbrüche statt – und damit 3,7 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, die Auswertung für das ganze Jahr liegt noch nicht vor. "Wir gehen aber momentan davon aus, dass es keine allzu großen Abweichungen zu den Vorjahren geben wird. Die Zahlen schwanken grundsätzlich in jedem Jahr über die Quartale hinweg, sodass man hieraus keinen Zusammenhang mit Corona ablesen kann", erklärt Wolff.

Unterstützung bis zur Geburt – und darüber hinaus

Selbst, wenn alle Vorbedingungen stimmen, wenn das Kind erwünscht und die Partnerschaft gefestigt ist: Allein die Vorstellung vor einer einsamen Geburt mit Mund-Nasen-Bedeckung ohne eine vertraute Person im Kreißsaal kann Schwangere momentan zutiefst beunruhigen. "Leider sind ja Kennenlern-Abende und sonst übliche geburtsvorbereitende Kurse vor Ort, die den persönlichen Austausch erleichtern, zurzeit fast überall gestrichen, das macht es für werdende Eltern schwieriger", bestätigt Gynäkologe Christian Albring. Sein Rat: Mit allen medizinischen Fragen zum Frauenarzt oder Frauenärztin gehen, reguläre Vorsorgetermine mit gezielter Terminabsprache nutzen, das gibt Sicherheit. Es lohnt sich, bei verschiedenen Kliniken nach den Abläufen während und nach der Geburt, nach Hygiene- und Besuchsregeln zu fragen. "Die Bestimmungen variieren", sagt Petra Schyma von Donum vitae, "Da können wir Hinweise geben, wie verschiedene Krankenhäuser die Situation handhaben." Und auch in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt – sei es, bei Problemen mit der Hebammenversorgung oder beim Beantragen finanzieller Unterstützung – sind staatlich anerkannte Schwangerschaftsberatungszentren immer die richtigen Anlaufstellen.

Schwangerschafts(konflikt)beratung wird deutschlandweit von staatlichen und diversen konfessionellen und nicht-konfessionellen Trägern der Freien Wohlfahrtspflege angeboten, zum Beispiel

Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Eine anonyme und kostenfreie bundesweite Telefonberatung unter der Nummer 08000 116 016 für alle Frauen, die Gewalt erlebt haben oder erleben. Täglich rund um die Uhr erreichbar, Beratung auch in Fremdsprachen und online via Gebärdensprache möglich, www.hilfetelefon.de

Hilfetelefon "Schwangere in Not": Eine anonyme und kostenfreie bundesweite Telefonberatung unter der Nummer 0800 - 40 40 020. Täglich rund um die Uhr erreichbar, Beratung auch in Fremdsprachen und online via Gebärdensprache möglich. www.schwanger-und-viele-fragen.de/de/

Frühe Hilfen: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet unter familienportal.de umfassende Informationen rund um persönliche, partnerschaftliche oder finanzielle Unterstützung. Online unter www.elternsein.info oder unter der bundesweit gültigen "Nummer gegen Kummer" 0800 - 11 10 550 können sich Schwangere und Eltern mit Kindern von null bis drei Jahren anonym, kostenlos und vertraulich beraten lassen.