Kinder in Quarantäne: Wie funktioniert das?

Hatte ein Kind engeren Kontakt zu einer Person, die nachweislich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert ist, ordnen die Gesundheitsämter eine zweiwöchige häusliche Isolierung an. Was Eltern wissen sollten

von Stephanie Arndt, aktualisiert am 21.09.2020

Ja, auch Kinder können sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infizieren, das steht fest. Zum Glück haben sie aber laut Robert Koch-Institut (RKI) in der Regel mildere Krankheitsverläufe. Nach Kita- und Schulöffnungen sowie der Heimkehr vieler Urlauber, stiegen nun – wie von Virologen erwartet – die Infektionszahlen wieder an. Da ist es nur logisch, dass manchmal selbst die Kleinen in häusliche Isolation müssen, wenn sie Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Doch wie soll das bei Kindern überhaupt funktionieren? Unser Expertengremium, bestehend aus Entwicklungspsychologin, Virologen, Kinderschutzbeauftragte und Rechtsanwalt, gibt Orientierung.

Wissen beruhigt in aufgewühlten Zeiten

Halten Sie sich als erstes vor Augen: Nur weil Ihr Kind Kontakt zu einer mit SARS-CoV-2 infizierten Person hatte, muss es sich nicht selbst angesteckt haben. Und selbst wenn, bedeutet es nicht, dass es automatisch an Covid-19 erkrankt. Das bestätigt auch Prof. Dr. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie, am Universitätsklinikum Essen: "Kinder erkranken tendenziell seltener und weniger stark. Wahreinschlich weil bei ihnen Rezeptoren zum Andocken des Virus noch nicht so stark ausgebildet sind wie bei Erwachsenen. Zudem fehlt ihnen offenbar ein Eiweiß, dass das Virus beim Wirt benötigt, um infektiös zu werden." Weil das Virus schon übertragbar ist, bevor Symptome auftreten, müssen Kinder schon bei dem Verdacht, dass sie sich aufgrund des engen Kontakts zu einer Person mit einer SARS-CoV-2-Infektion angesteckt haben könnten, 14 Tage zuhause bleiben. Das kann das Gesundheitsamt nach Paragraf 30 Infektionsschutzgesetz anordnen.

Zwischen Rechtssicherheit und mangelnder Sensibilität

Vereinzelt erhielten betroffene Eltern schon bei Corona-Verdacht Anweisungen von den Gesundheitsämtern, dass das Kind sein Zimmer nicht verlassen dürfe, Mahlzeiten getrennt eingenommen werden müssen und das Badezimmer nach jeder Benutzung desinfiziert werden solle, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete. Bei Zuwiderhandlungen drohe eine Unterbringung des Kindes in einer geschlossenen Einrichtung. Dr. Alexander Koch, Rechtsanwalt und Honorarprofessor an der Philipps-Universität in Marburg erklärt und beruhigt: "Solche Obrigkeitsschreiben sind wenig sensibel und verunsichern die Eltern verständlicherweise sehr. Aber das Infektionsschutzgesetz ist geschlechts- und altersneutral. Das heißt, es unterscheidet nicht zwischen Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen." Gerade sehr kleine Kinder könne man natürlich nicht den ganzen Tag isolieren und ihnen das Essen alleine vorsetzen. "Hier muss man dann Lösungen mit dem Gesundheitsamt finden – etwa indem sich ein Elternteil ebenfalls in Quarantäne begibt. Grundsätzlich müssen Mütter und Väter, die ihr Kind zu Hause im Rahmen der nötigen Hygieneregeln betreuen, aber nicht damit rechnen, dass ihnen ihr Kind weggenommen wird", sagt der Jurist.

Doch dürfen berufstätige Eltern in diesem Fall zur Betreuung des Nachwuchses einfach zu Hause bleiben? "Wenn ein Kind in Quarantäne kommt, handelt es sich nicht um einen Krankheitsfall", stellt Johannes Schipp, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Gütersloh und Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses Arbeitsrecht im Deutschen Anwaltverein, klar. In einem solchen Fall greift laut Schipp aber der Paragraf 616 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB). Der besagt, dass Arbeitnehmer, die aus einem Grund, für den sie selbst nichts können, vorübergehend nicht zur Arbeit kommen können, trotzdem weiterhin Lohn bekommen. Insbesondere bei kleinen Kindern sei davon auszugehen, dass dann eine Betreuung notwendig ist, sagt der Fachanwalt.

Konkret bedeutet das: Schließt der Kindergarten kurzfristig wegen eines Coronafalls, müssen Arbeitgeber den Eltern, die dann ihr Kind betreuen müssen, weiter Lohn zahlen. "Die entscheidende Frage ist aber: wie lange?", so Schipp. Wenn das Kind nicht selbst krank ist, könne diese Norm nicht endlos lange gelten. Auch von einem gängigen
Zeitraum von 14 Tagen Quarantäne könne man eher nicht ausgehen. Eine pauschale Zeitangabe gäbe es aber nicht, da es immer auf die Umstände des Einzelfalls ankommt, so Schipp.

Keine Strafe für Erkrankte, sondern ein Schutz für die Gesellschaft

Mit rechtlichen Folgen (Geld- oder Freiheitsstrafen) müssen diejenigen rechnen, die bewusst und wiederkehrend gegen die Anordnungen verstoßen, etwa mit ihrem positiv getesteten Kind auf einen Spielplatz oder in einen Supermarkt gehen. "Ich kenne solche Fälle nicht, weil Eltern in der Regel sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgehen", sagt Alexander Koch. "Sollten sie es aber nicht tun, wie wir es aus der Vergangenheit zum Beispiel von sogenannten Masern-Partys kennen, sind Konsequenzen wichtig und richtig. Sie dienen der Gefahrenabwehr und dem Gesundheitsschutz der Allgemeinheit."

Isolation darf nicht in Einsamkeit ausarten

Das sieht Martina Huxoll-von Ahn vom Deutschen Kinderschutzbund Bundesverband e.V. auch so, wünscht sich jedoch eine stärkere Betrachtung des Einzelfalles. "Bei aller Notwendigkeit der Gesundheitsschutzmaßnahmen dürfen wir keine weiteren Schäden bei unseren Kindern riskieren. Untersuchungen zeigen, dass das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen während und nach dem Lockdown sehr gelitten hat. Auch ein Kind in Quarantäne braucht beispielsweise Bewegung."

Das Überstülpen der strengen Anordnungen einer Isolation auf Kinder quittiert die Kinderschutzbeauftragte mit einem Kopfschütteln: "Gerade in einer solchen Phase wäre die komplette Isolation von Kindern vergleichbar mit psychischer Gewalt. Sie brauchen Trost, Zuspruch und eine Person, die sich mit ihnen beschäftigt."

Bisher soll, je nach Alter und Bedürfnissen des Kindes, eine Bezugsperson mit in Quarantäne gehen, um sich zu kümmern. Die anderen Familienmitglieder können weiter zur Kita, Schule und Arbeit gehen, falls das Gesundheitsamt nichts anderes anordnet. "Wir sind nicht prinzipiell dafür, dass alle in häusliche Isolation gehen", so Huxoll-von Ahn. "Gerade in beengten oder angespannten Lebenssituationen und Wohnverhältnissen kann das auch kontraproduktiv sein."

Von Abenteuer-Inseln und verwunschenen Türmen

Doch ab wann und wie kann ich denn nun meinem Sohn, meiner Tochter Quarantäne erklären und die Zeit erträglicher machen? Dazu Dr. Heike Buhl, Professorin für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Paderborn: "Wenn Sie es altersgerecht erklären, verstehen schon Kindergartenkinder, was Covid-19 ist, und warum wir uns und andere im Fall der Fälle durch Quarantäne schützen müssen." Heißt konkret? "Bringen Sie den Vergleich mit einer Erkältung. Die kennen die meisten Kinder aus Erfahrung und wissen, warum sie mit einer Triefnase und Fieber zu Hause bleiben müssen: um gesund zu werden und andere nicht anzustecken. Reagieren Sie am besten eher auf Fragen als von sich aus viel und detailliert zu erklären. Das kann kleine Kinder auch überfordern." Die Entwicklungspsychologin plädiert dafür, der Herausforderung kreativ zu begegnen: "Je nach Alter kann man diese Zeit auch spielerisch inszenieren, nach dem Motto: ‚Du bist für die nächsten Tage der Pirat auf der Abenteuer-Insel oder die Prinzessin im verwunschenen Turm und ich serviere dir jeden Tag dein Lieblingsessen auf einem Tablett in dein Zimmer.’" Alternativ könnten Familien auch einfach nacheinander essen. Das Verwöhnprogramm darf hochgefahren werden, das Lieblingsbuch außer der Reihe geschenkt werden, auch mal zwei Folgen der Lieblingsserie geguckt werden.

Über Alternativen nachdenken, um Entlastung zu finden

Grundsätzlich empfiehlt die Entwicklungspsychologin Mamas und Papas so ruhig wie möglich zu bleiben: "Kinder sind oft deutlich belastbarer als wir glauben. Denken wir an die Maskenpflicht im Unterricht in Nordrhein-Westfalen. Sorgen machen sich häufig mehr die Eltern. Die Kinder tragen die Mund-Nase-Bedeckungen einfach ohne zu meckern. Und in anderen Fällen, etwa bei ansteckenden Kinderkrankheiten wie Röteln würden wir auch ohne zu zögern das infizierte Kind, so weit es geht isolieren, damit die Geschwister nicht angesteckt werden."

Eltern, die zur Risikogruppe gehören, also an Krebs erkrankt sind oder unter einer Grunderkrankung leiden, sollten alle Alternativen durchspielen. Buhl: "Gibt es also im Ernstfall Familienmitglieder oder Freunde, die sich ein paar Tage um das Kind kümmern können? Vielleicht sogar jemanden, der schon Corona hatte – nach heutigem Wissensstand ist diese Person wahrscheinlich nicht mehr so gefährdet."