Vorbereiten auf die zweite Welle

Experten warnen schon seit Beginn der Corona-Pandemie vor hohen Infektionszahlen im Herbst. Nun steht er vor der Tür – und wir haben einen entscheidenden Vorteil, Erfahrung und Wissen

von Christian Andrae, 17.08.2020

Pandemien kommen in Wellen. Davor hat das Robert-Koch-Institut (RKI) im März gewarnt. Experten mögen über den Begriff der "Welle" diskutieren, im Familien-Alltag der Corona-Pandemie hat dies wenig Einfluss. Mütter und Väter sorgen sich vor steigenden Infektionszahlen. Wie können sie sich auf die nächsten Monate einstellen? Was kann man aus der ersten Welle lernen? Was weiß man über das neue Coronavirus? Ein Blick auf die zweite Welle aus virologischer, kinderärztlicher und psychologischer Sicht.

Ein gewisses Risiko

Wie steht es konkret um die Gefahr einer zweiten Welle? "Durch die niedrigen, aber stabilen Fallzahlen im Sommer gibt es schon ein gewisses Risiko, dass es zu einem Anstieg der Fallzahlen kommen kann, wenn die Menschen sich zunehmend in Räumen aufhalten", erklärt Prof. Dr. Thomas Mertens. Er war ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Ulm und ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI. Hinzu kommt, dass immer noch viele Fragen offen sind – vor allem, was die Immunität nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 betrifft: "Insgesamt wissen wir da immer noch relativ wenig", betont Virologe Mertens.

Dennoch. In anderen Punkten ist man nun um einiges schlauer. Zum Beispiel was die Übertragungswege des neuen Coronavirus betrifft: "Wir wissen relativ gut, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch die entscheidende Rolle spielt", sagt Mertens.
"Inzwischen ist auch klar, dass das nicht nur über eine Tröpfcheninfektion passiert, sondern vor allem über Aerosole." Das Virus kann demnach durch Atem- und Sprechluft übertragen werden.

Familien haben es schwerer

"Alle Maßnahmen, die hier entgegenwirken, also regelmäßiges Lüften, das Vermeiden von Menschengruppen in Räumen, das Abstandhalten und gerade das Tragen von Masken, können die Übertragungsketten unterbrechen", betont Mertens. "Aber", ergänzt der Virologe, "ich gebe zu, dass das in der Familie, noch dazu mit Kleinkindern, nicht so einfach umzusetzen ist. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Vater und Großvater." Denn neben Menschen mit Vorerkrankungen und Übergewicht sind auch ältere Menschen auf das Einhalten der Schutzmaßnahmen angewiesen: Oma und Opa. Was nicht bedeutet, dass die ihre Enkelkinder erst dann wieder sehen, wenn es irgendwann einen Impfstoff geben sollte.

Lieber draußen als drinnen

"Es ist immer besser, sich im Freien aufzuhalten", rät Mertens. "Wenn man zum Beispiel den etwas übergewichtigen Großvater besuchen möchte, bietet sich ein Spaziergang an. Das erhält die soziale Nähe, reduziert die Infektionsgefahr, und Bewegung ist ohnehin immer gut."

Ähnlich kreativ und besonnen könnte aus virologischer Sicht im Familien-Alltag mit der Corona-Pandemie in den kommenden Monaten umgegangen werden. Denn Herbst- und Winter-Klassiker wie Hallenbad, Zoo, Kino, Indoor-Spielplätze und Museen, garniert mit einem Restaurantbesuch zum Abschluss, sind laut Mertens zumindest zuvor genau abzuwägen: Große Räume? Wie viele Menschen? Wird gelüftet? Oder: Ist das jetzt wirklich nötig? "Genau darin würde für Familien die Kunst bestehen: Diese Dinge zu meiden, ohne dass es allzu dramatisch wirkt und in lauter Verboten ausartet", sagt Mertens. "Man muss versuchen, mit Verstand und Überlegung da heranzugehen und das höhere Ziel im Blick haben – die Verbreitung des Virus einzudämmen."

Sind Kinder eine Gefahr?

Was die Verbreitung des Virus betrifft, gibt es im Vergleich zum Pandemiebeginn ebenfalls neue Erkenntnisse – vor allem zu der Frage, ob Kinder dabei eine tragende Rolle spielen. Denn sie führte zu vielen Debatten rund um Kita-Schließungen. Eine Antwort darauf hat eine Studie aus Baden-Württemberg gefunden:

"Heute kann man sagen, dass Kinder wesentlich weniger als Erwachsene von Covid-19 betroffen sind – sie stecken sich seltener als ihre Eltern mit dieser Erkrankung an, und auch die Schwere der Infektion ist deutlich geringer", erklärt Dr. Hanna Renk. Sie ist pädiatrische Infektiologin am Universitätsklinikum Tübingen und wirkte an der Corona-Kinderstudie mit. "Im Gegensatz zu anderen Atemwegserkrankungen wie der Grippe sind Kinder bisher nicht maßgeblich an der Verbreitung des Coronavirus beteiligt", sagt Renk. Derzeit laufen noch weitere Studien auch in anderen Ländern, die diesen Zusammenhang überprüfen.

Das Schnupfen-Problem

Und das ist ein wichtiger Aspekt für die Schnupfen-Zeit, die mit dem Kita-Beginn einhergeht. Ist eine triefende Nase nun ein Indiz für eine Corona-Infektion? "Schnupfen ist zwar eines der Symptome, die bei einer Corona-Infektion auftreten können", erklärt Renk. Aber: "Schnupfen kann auch bei unzähligen anderen Atemwegsinfektionen auftreten. Schnupfen an sich ist also kein entscheidendes Merkmal dafür, ob eine Corona-Infektion vorliegt", erklärt die Kinderärztin.

Das gelte auch für die anderen Erkältungssymptome wie Husten und Fieber, die für sich alleine unspezifisch seien. Letztendlich könne man eine Corona-Infektion jedoch nur mit einem Test ermitteln. "Aus kinderärztlicher Sicht ist es bei einem Schnupfen ohne Fieber in der Regel nicht nötig, auf das Coronavirus zu testen, zumindest wenn sonst keine Risikokonstellationen oder besondere Umstände vorliegen, wie etwa Vorerkrankungen der betroffenen Kinder oder naher Familienmitglieder", sagt Renk. Und ergänzt: "Eine laufende Nase alleine ist für mich kein Kriterium, um Kinder nicht in die Kita zu lassen."

Allerdings müsse auch das Verbreitungsgeschehen berücksichtigt werden: "Wenn viele Menschen infiziert sind, wird man mildere anders werten, als noch im Sommer", betont die Medizinerin.

Trügerische Kontrolle

Blickt man weiter zurück, werden viele Eltern noch den Stress in Erinnerung haben, den der Lockdown mit sich brachte. "Wir waren alle ziemlich gestresst, ängstlich und orientierungslos in dieser neuen Situation, in der noch sehr viel unklar war", sagt Silvia Schneider. Doch laut der Bochumer Professorin für Kinder- und Jugendpsychotherapie habe man heute einen klaren Vorteil: "In dem Moment, in dem wir wussten, dass wir uns durch bestimmte Verhaltensweisen schützen können, hat die psychische Belastung bei der Mehrzahl der Leute abgenommen."

Hände waschen. Menschenmengen meiden. Abstand halten. Mund-Nasen-Bedeckung tragen. "Diese Handlungsanweisungen geben uns das Gefühl, die Situation wieder in der Hand zu haben", sagt Schneider. Doch genau da sieht die Psychologin zugleich ein trügerisches Problem – "das sogenannte Präventionsparadoxon: Die Leute sehen, dass die Maßnahmen greifen, und sagen dann ‚siehste, war doch gar nicht so schlimm‘." Die Herausforderung sei nun, die Menschen zu motivieren, sich weiterhin an diese Schutzmaßnahmen zu halten.

Prävention für die Seele

Und laut Schneider sei es auch wichtig, die Seele präventiv vor Stress zu schützen – vor allem, wenn es dazu kommt, dass Familien wieder mehr zu Hause sein müssen. "Struktur, Struktur, Struktur. Die muss im Alltag beibehalten werden, damit man sich nicht gehen lässt", betont die Psychologin. Dabei sei es hilfreich, wenn diese Strukturen durch äußere Signale klar definiert werden. Wenn es zum Beispiel für das Homeoffice oder Homeschooling bestimmte Orte und klare Zeiten gibt.

"Auch wenn sich Eltern etwas Freiraum für ihre Arbeit schaffen müssen, indem sie ihre Kinder an digitale Medien abgeben, ist das für einen bestimmten Zeitraum vertretbar", sagt die Expertin. Zugleich sollten sie auf Bewegung achten: "Sport treiben, Fahrrad fahren und Spielplätze nutzen – da gibt es auch im Internet ganz viele Seiten, die immer wieder neue Ideen und Tipps zeigen, um den Kindern genügend Bewegung zu ermöglichen", rät Schneider.

Gestärkt aus der Krise

Und: "Man kann sich jetzt schon auf Frust einstellen. Denn der wird kommen, wenn Freunde oder Verwandte nicht mehr besucht werden können", betont Schneider. "Das muss man als Eltern irgendwie empathisch mitnehmen und sagen: ‚Das ist jetzt doof, aber wir müssen da durch‘." Solche Erfahrungen müssen nicht negativ sein: "Jede Krise hat auch eine Chance für Wachstum. Wenn man sieht, dass man so eine Zeit gemeinsam bewältigt hat, kann eine Familie gestärkt aus dieser Krise gehen."