Verträgt mein Kind ein Nahrungsmittel nicht?

Milch, Nüsse, Weizen: Unverträglichkeiten auf Nahrungsmittel kommen bei Kindern seltener vor, als Eltern fürchten. Was sie trotzdem wissen sollten

von Madlen Ottenschläger, 24.06.2019

Plötzlich sprießen juckende Quaddeln auf dem Körper, oder es zwickt im Bauch. "Leiden Babys und kleine Kinder unter solchen Symptomen, alarmiert das die Eltern sofort", sagt die Kinderärztin und Allergologin Sevin Karadag aus Sprock­hövel. "Die Ursache kann eine Nahrungsmittel­unverträglichkeit sein." Die gute Nachricht nach dem ersten Schreck: Allergien, die im Baby- und Kleinkind­alter auftreten, verwachsen sich häufig.

Was Allergie und Unverträglichkeit unterscheidet

Doch was ist eine Allergie, was eine Unverträglichkeit? "Nahrungsmittelunverträglichkeit ist ein Oberbegriff", erklärt Prof. Dr. Torsten Zuberbier, Leiter des Allergie-Zen­trums der Charité – Universitäts­­medizin Berlin und Vorsitzender der Europäischen Stiftung für Allergieforschung. "Mediziner beschreiben damit alle Leiden, bei denen der Körper auf eine an sich harmlose Substanz im Essen reagiert.

Unverträglichkeiten umfassen:

  • Intoleranz – hier fehlen (ausreichend) Enzyme, etwa Laktase bei Laktose-Intoleranz. Für Betroffene wird die Verdauung zum Problem.
  • Autoimmunkrankheit – ein Beispiel ist Zöliakie. Die Patienten vertragen kein Gluten. Selbst kleinste Spuren in der Nahrung schädigen die Darmschleimhaut.
  • Malabsorption – hier nimmt der Darm bestimmte Nährstoffe nicht ausreichend auf, bei der Fruktose-­Malabsorption etwa Fruchtzucker. 
  • Allergie – davon sprechen Ärzte, wenn Eiweißmoleküle eine Überreaktion des Immunsystems auslösen.

In diesen Fällen sollte man zum Arzt

Ein Besuch beim Kinderarzt ist auf jeden Fall angeraten, wenn

  • das Baby oder das Kind die anfangs genannten Symptome zeigt:
  • plötzliche Atemnot oder ein Kreislaufzusammenbruch (anaphylak­tischer Schock) auftritt. In diesen Fällen sofort den Notarzt (112) rufen! 
  • das Kind plötzlich Koliken plagen, es viel schreit, oft erbricht oder sich Blut im Stuhl zeigt 
  • die Nase ohne erkennbare Erkrankung läuft.

Hautveränderungen fotografieren

Sevin Karadag lässt Eltern dann genau erzählen, was ihr Kind wann gegessen hat und was sonst in der Familie vor sich geht. Schließlich gibt es viele Faktoren, die die Haut beeinflussen. Ihr Tipp: die Hautveränderungen fotografieren, da sie oft rasch verschwinden. Die Bilder können bei der Diagnostik helfen.

Vermuten Mediziner eine Unverträglichkeit, werden je nach Verdacht verschiedene Tests gemacht. So kann es etwa notwendig sein, dass das Kind oder auch die stillende Mutter für eine bestimmte Zeit auf das verdächtige Lebensmittel verzichten. Dies sollte jedoch nicht auf eigene Initiative durchgeführt werden, da es sonst teilweise nicht mehr möglich ist, eine Diagnose zu stellen. Zudem können die Ärzte auch Haut- oder Bluttests durchführen, um einen Verdacht zu bestätigen. Beides ist schon bei Säuglingen gut machbar. Bei der Vermutung Laktose-Intoleranz wird ein Atemtest gemacht.

Nicht alleine handeln

Vermuten Eltern eine Unverträglichkeit, sollten sie nicht allein handeln. Es könnte eine andere Krankheit übersehen werden, zudem kann das bloße Weglassen eines Lebensmittels einen Nährstoffmangel bewirken. Stellt ein Arzt eine Diagnose, geht das immer einher mit einer Ernährungsberatung, um Mängel zu vermeiden.

Wird eine Allergie auf ein Nahrungsmittel diagnostiziert, handelt es sich bei Babys und Kleinkindern fast immer um eine primäre Nahrungs­mittelallergie, so Experte Zuberbier. Kreuzallergien treten meist erst ab dem Jugendalter auf. Diese Allergiker reagieren ursprünglich auf ein Nicht-Nahrungsmittel, zum Beispiel auf Birkenpollen. Weil deren Proteinstrukturen denen des Apfels ähneln, reagiert das Immunsystem dann auch auf die Frucht. Bei Primärallergien geht es dagegen vor allem um folgende Nahrungsmittel:

  • Hühnereiweiß: Darauf reagieren rund zwei Prozent der unter Zweijährigen.
  • Kuhmilch: Betroffen sind 0,5 Prozent der unter Zweijährigen. Nicht zu verwechseln mit Laktose-­Intoleranz.
  • Erdnuss: Ein bis zwei Prozent der Kinder in industrialisierten Ländern reagieren allergisch. 
  • Soja: Die Fallzahlen sind mit 0,3 Prozent der Europäer (Kinder sind nicht separat erfasst) ziemlich gering. 
  • Weizen: 0,3 Prozent der Kinder sind erkrankt. Nicht zu verwechseln mit Zöliakie, von der etwa ein Prozent der Kinder betroffen ist.

Die gute Nachricht: "Hüh­nerei- und Kuhmilchallergie verwachsen sich bei über 75 Prozent der kleinen ­Patienten bis zum Schulalter", sagt Karadag.

Konnte der Auslöser der Allergie identifiziert werden, heißt es ebenso wie bei der Zöliakie: totales Meiden. Dies gilt insbesondere für Erdnussallergiker, deren Symptome mitunter von schwerer Atemnot bis zum anaphylaktischen Schock reichen. Weil Letzterer lebensbedrohlich ist, müssen betroffene Kinder auch auf alles, das nur Spuren von Erdnüssen enthalten kann, verzichten. Der Arzt verschreibt (wie auch bei allen anderen schweren Allergien) ein Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor, Kortison und Antihistaminikum. Eine Erdnussallergie verwächst sich meist nicht. Bei Intoleranzen wie gegen Laktose, Fruktose oder Histamin testet man individuell, welche Nahrungsmittel in welcher Menge vertragen werden. Das erhöht die Lebensqualität und erhält die Restaktivität der Enzyme.

Gene haben Teilschuld

Kinder von Allergikern haben ein höheres Risiko, selbst eine Aller­gie zu entwickeln. Allerdings: Eine Nahrungsmittelallergie plagt nur wenige Kinder, nämlich 4,2 Prozent. "Für Intoleranzen gibt es keine sauberen Zahlen, das sind zu oft Selbstdiagnosen", sagt Zuberbier. Was keiner Form der Unverträglichkeit vorbeuge, sei, ein Lebensmittel vorsorglich wegzulassen – bei einem gesunden Kind etwa glutenhaltige Produkte. Auch Kuhmilch dürfen Babys ab sechs Monaten im Zuge der Beikost-Einführung be­kommen. Selbst etwas tun können Eltern allergiegefährdeter Kinder jedoch: nicht in der Gegenwart des Kindes rauchen, am besten schon in der Schwangerschaft auf Zigaretten verzichten. Ein früher Beikoststart ab Beginn des fünften bis zum siebten Lebensmonat gilt als sinnvoll. "Bis dahin das Baby möglichst ausschließlich stillen", sagt Karadag. "Füttern Aller­giker-Familien Ersatzmilch, rate ich zu HA-Nahrung."

Diese Lebensmittel plagen Kinder häufig

Nuss: Auslöser einer Nussallergie sind Speicherproteine, die sich von Nussart zu Nussart unterscheiden.

Hühnerei: Die Allergene Ovo­mukoid und Ovalbumin stecken im Hühnereiweiß.

Kuhmilch: Kaseine und Molke-­Eiweiße heißen die Allergie-Übeltäter. Laktose-Intolerante vertragen keinen Milchzucker.

Weizen: verschiedene Eiweiße, etwa Weizenalbumine, können allergen wirken. Bei einer Zöliakie verursacht Gluten schwere Probleme.

Fisch: Parvalbumine, Eiweiß insbesondere im weißen Muskelgewebe, können eine Allergie verursachen.

Apfel, Kirsche, Sellerie und Co.: Kreuzallergie ab dem Jugendalter; Auslöser: Baumpollen. Bei einer Fruktose-Malabsorption arbeiten Transporteiweiße im Darm nicht richtig.