Mein Kleinkind haut und beißt – was tun?

Was tun, wenn das eigene Kind seinen Kindergartenkumpels die Zähne zeigt? Kein Drama draus machen, ignorieren geht allerdings auch nicht

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 19.12.2017

Den Bruder im Streit an den Haaren ziehen oder die Schwester hauen: Dass Kinder Aggressionen zeigen, ist nicht ungewöhnlich. Doch wenn die ­Kleinen zubeißen, reagieren Eltern oft geschockt. "Als Sophie ein anderes Mädchen im ­Kindergarten fest in den Arm gebissen ­hatte, weil es sie von der Schaukel weggeschubst hatte, war das ein ganz ­schöner Schreck", erinnert sich ­­ihre Mutter ­Yvonne ­Winkler (Name v.d. Redaktion geändert) aus Hannover. "Es passte gar nicht zu Sophies ruhiger Art, dass sie so heftig reagierte. Man sah deutlich ­ihre Zahnabdrücke im Arm des Mädchens!"

(K)ein Grund zu beißen

Ein Biss wirkt auf uns aggressiver als ein Schubsen oder ­Hauen, der direkte körperliche Angriff stellt eine Grenzüberschreitung dar. Dr. Caroline Domo­­galla, Psychologin und Familienbera­terin aus Starnberg, beruhigt: "Beißen ist ein relativ verbreiteter Ausdruck von Wut, Hilflosigkeit oder Frustra­tion bei Kindern im Alter von etwa zwei bis vier Jahren, wenn sie sich sprachlich noch nicht so gut mitteilen können." Es genügt oft, dass zwei Kindergartenzwerge um ein Spielzeug streiten. "Beißen löst ­eine schnelle Reak­tion aus, nämlich Schmerzensgeschrei und Aufmerksamkeit der Be­treuer", sagt die Erzieherin Susanne Berthold aus Bensheim. "Auch fühlt ein Kind, das ein anderes beißt, selbst ein ­direktes körperliches ­­Abreagieren." Außer­gewöhnlich oder gleich behandlungsbedürftig ist dieses Verhalten nicht. Kanadischen Studien zu­folge zählt es meist zur alters­­typischen Entwicklung von Vorschulkindern.

Wunsch nach Beachtung

Dem beißenden Kind geht es in der Regel nicht darum, das ­andere zu verletzen. Vielmehr zeigt sich ­darin der Wunsch nach Beachtung. Er kann reflexhaft aus der Verzweiflung heraus entstehen, sobald Kinder keinen anderen Ausweg ­sehen. Wie also damit umgehen? Ein Drama daraus zu machen ­wäre der falsche Weg. "Auch Schimpfen und Strafen bedeuten intensive Zuwendung und Aufmerksamkeit. Daher rate ich in der akuten Situation, den Beißenden kurz links liegen zu lassen und sich zuerst dem Opferkind tröstend zuzuwenden", sagt Domogalla. Gleich danach sei ein eindringliches Ansprechen des beißenden Kindes gefragt, so Erzieherin Berthold. ­"Direkt anschauen, an den Schultern ­fassen und mit klarer Stimme erklären, dass andere zu beißen nicht in Ordnung ist. Lässt man zu viel Zeit verstreichen, gelingt es kleinen Kindern nicht mehr, einen Zusammenhang zwischen der ­Aktion und der Ermahnung herzustellen." Im Idealfall lässt sich das beißende Kind ins Trösten einbeziehen. Man kann ihm den Zahnabdruck zeigen und erklären, wie schmerzhaft sich ein Biss anfühlt.

Klären, nicht dramatisieren

Droht das Beißen zur gängigen Stra­tegie zu werden, müssen Eltern und Erzieher Alternativen an­bieten. "Zum Beispiel in ein Kissen beißen", rät Berthold. "Dann spürt das Kind eine Entlas­tung, gefährdet aber niemanden." Einen Erwachsenen dazuholen, wenn man sich nicht zu helfen weiß, kann auch ein Angebot sein. Nicht immer trägt der Beißer die alleinige Schuld. "Vielleicht wurde er auch wiederholt provoziert und gehänselt und wusste sich in seiner Verzweiflung – und aufgrund seines Entwicklungsstandes – nicht anders zu helfen. Es sollten immer alle Perspektiven berücksichtigt werden", so Domogalla.

Ob und wie man die Eltern des Opferkindes anspricht, falls das ­eigene Kind gebissen hat, entscheidet sich je nach Situation. Bei einem schlimmen Biss, der ­sogar einen Arztbesuch erforderlich macht, hält Psychologin Domogalla ein Zeichen der Anteil­nahme aber für angebracht. "Es wäre dann eine schöne Geste, bei den Eltern nachzufragen, wie es dem Kleinen geht. Man könnte gemeinsam mit dem eigenen Kind eine Karte malen und Besserungswünsche überbringen."

Üblicher­weise verschwindet die Beißwut mit dem Wortschatz von ­alleine. So auch bei Sophie: "Nach ihrer Beißattacke hatten die Erzieherinnen und wir Eltern beim Spielen mit anderen Kindern natürlich immer ein Auge auf sie", sagt die Mutter. "Glücklicherweise holte sie mit dem Sprechen aber in kürzester Zeit auf und merkte schnell, dass sie mit Worten weiterkommt als mit den Zähnen."

Ein Fall für den Arzt?

Wurde die Haut nicht verletzt, genügt es, die Stelle abzu­waschen und eine Kühlkompresse aufzulegen. "Sobald die Bissstelle blutet, sollte man sie gleich mit reichlich Wasser reinigen und das Kind dem Kinderarzt vorstellen", rät Barbara Mühlfeld aus Bad Homburg, Landessprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hessen. "Da die Mundhöhle mit vielen Keimen besiedelt ist, kann eine unbehandelte Bisswunde sich schnell infizieren." Der Arzt wird die Wunde desinfizieren, verbinden und sicherheitshalber den Impfstatus des Kindes überprüfen.