Hypno-Birthing: Entspannte Geburt

Kann Hypnose die Geburt erleichtern? Ja, zumindest Selbsthypnose. Die Schwangere erlernt die Technik vorher – und behält die Kontrolle

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 12.04.2019

Neulich ist es ihr wieder passiert. Steffi Reimer erzählte einer Mutter vom Hypnobirthing. Die winkte schnell ab, das sei nichts für sie, "zu esoterisch". Auf solche Reaktionen stößt Reimer häufiger und wundert sich dann: "Ich bin doch der total wissenschaft­liche Typ und überhaupt nicht esoterisch." Steffi Reimer ist Psychologin. Sie betreut Patienten mit chronischen Schmerzen in einer Klinik in Chemnitz und setzt auf Studien und Fakten. Seit Kurzem gibt sie auch Hypnobirthing-Kurse. "Meine erste Geburt war traumatisch. Ich kämpfte mit großer Angst, die Geburt ging nicht voran. Es war die übliche Kaskade aus PDA, Wehentropf, Kaiserschnitt", erzählt sie. "Als ich wieder schwanger wurde, wollte ich es anders."

Hypnobirthing soll Angst vor Schmerzen nehmen

Die Psychologin beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Geburt – und ließ all ihr Wissen und ihre Erfahrung aus der Schmerztherapie einfließen. "Aus der Forschung wissen wir, dass innere Bilder und soziale Faktoren mitentscheiden, wie stark wir Schmerzen wahrnehmen", sagt Reimer. "Natürlich sind die Empfindungen unter der Geburt auch unangenehm. Es macht aber einen Unterschied, ob man sie annimmt oder ob man sie abwehrt und dadurch in Angst und Panik verfällt. Das beeinflusst den Geburtsverlauf häufig negativ."

Kerstin Todt, Frauenärztin am Klinikum Weser-Egge in Höxter, erlebt im Kreißsaal oft die Wechselwirkung von Angst und Schmerz. "Frauen, die entspannt sind, gebären leichter", sagt sie. "Hypno­birthing kann die Schmerzen nicht nehmen, aber es kann helfen, angstfrei mit ihnen umzugehen."

Selbstbewusster in die Geburt

Kerstin Todt brachte das Hypnobirthing vor vier Jahren nach Höxter: "Für mich ist es eine sehr gute Vorbereitung für eine selbstbestimmte und sanfte Geburt."

Es gibt erst wenige Studien zum Hypno­birthing, aber sie sind durchaus positiv: Eine Meta-Studie des Cochrane-Instituts zeigte, dass Frauen, die Hypnobirthing anwendeten, weniger Schmerzmittel benötigten. Eine britische Untersuchung stellte fest, dass die Geburt bei Hypno­birthing-Müttern zwei bis drei Stunden kürzer dauerte als in der Kontrollgruppe.

Ärztin Todt erlebt noch einen Effekt: "Früher waren die Frauen sehr schüchtern und haben sich nicht getraut, Wünsche mitzuteilen. Aber eigentlich ist die Mutter die ­Chefin im Kreißsaal. Sie weiß, was ihr guttut", sagt Todt. Daher gehe es beim Hypnobirthing darum, den Frauen auch Verantwortung für die Geburt zu geben. "Es hat nichts mit der Hypnose in Shows zu tun, wo Zuschauer scheinbar willenlos werden", sagt die Hebamme ­Dagmar Hofmann aus Otterfing bei München.

Hypnobirthing nutzt die Macht der inneren Bilder

"Der Zustand der Selbsthypnose ist in uns allen angelegt. Wenn wir ein gutes Buch lesen, gebannt einen Film an­sehen oder meditieren, gelangen wir in Trance. Wir sind dann ganz bei uns." Die Hebamme gibt seit über zehn Jahren Hypnobirthing-Kurse. Hofmann sagt: "Es geht mir vor allem darum, das Selbstbewusstsein zu stärken. Schwangere hören so viele Gruselgeschichten über die Geburt. Das beeinflusst das Unterbewusstsein und schürt Angst." Deswegen sei es ­wichtig, dass die Frauen positiv in die Geburt gehen und Zutrauen in sich haben. Dazu gehören Informationen über den Ablauf einer Geburt sowie das Vermitteln von Entspannungs- und Atemtechniken.

Hypno­bir­thing funktioniert vor allem über Visualisierungen und Glaubenssätze. "Wir arbeiten viel mit Bildern im Kopf, denn sie vermitteln am besten bestimmte Empfindungen", sagt Hofmann. Als ­­Klassiker gilt etwa die Regenbogen-­­Ent­spannung, bei der die Frau sich in der Meditation durch verschiedene Farben bewegt und einen eigenen Wohlfühlort findet. "Dieses Bild kann sie später bewusst aufrufen, und es kann ihr helfen, sich unter der Geburt zu entspannen", erklärt die Hebamme.

Früh beginnen und zusätzlich üben

Die Expertinnen empfehlen, ab der 15. Schwangerschaftswoche mit einem Kurs zu beginnen. Die Kosten variieren und müssen in der Regel selbst bezahlt werden (ab etwa 300 bis 550 Euro für das Paar). Wenn eine Hebamme den Kurs leitet, erstatten manche Kassen die Kosten teilweise (vorher nachfragen). "Man sollte aber zusätzlich üben, idealerweise täglich", rät Steffi Reimer. Es gehe bei den Visualisierungen nicht darum, etwas zu begreifen, sondern tief im Unterbewusstsein zu verankern. Hilfreich ist es, wenn die Kursleiterin Erfahrung auf dem Gebiet hat. "Dennoch darf und sollte keiner etwas versprechen, denn eine Geburt ist nicht planbar", sagt Ärztin Todt.

Die Kurse sind meist als Partnerkurse angelegt. "Für mich ist das ganz essenziell", sagt Dagmar Hofmann. Dadurch würden auch die Väter Zuversicht in den natürlichen Prozess der Geburt entwickeln. "Die Geburtsschmerzen machen die Männer oft hilflos. Sie lernen im Kurs, wie sie ihre Partnerin wirkungsvoll unterstützen können." Wichtiger, so die Hebamme, sei, dass sich das Paar mit dem Elternwerden auseinandersetzen kann. "Geburt ist etwas Schönes. Ich möchte, dass Paare sich darauf freuen können, statt Angst zu haben."