Verkürztes Zungenbändchen – wie behandeln?

Stillprobleme haben viele Ursachen, manchmal ist ein verkürztes ­­Zungenbändchen der Grund. Zum Glück lässt sich das schnell beheben

von Nadja Katzenberger, aktualisiert am 06.04.2021

Endlich ist das Baby da, liegt selig an Mamas Brust, macht die ersten Saugversuche – und Mama könnte schreien vor Schmerzen. Für das Kleine ist diese erste Stillerfahrung ähnlich frustrierend: Es saugt und saugt, doch da kommt nichts oder zu wenig. Bei manchen Säuglingen hält nämlich ein dünnes Bändchen aus Bindegewebe die Zunge im Mund fest.

Jeder hat ein solches Zungenband, doch im Normalfall liegt es sehr weit hinten, am Zungengrund, sodass die Zunge genügend Spielraum hat. Ist dieses Band zu weit vorne oder zu kurz, bringt das Kind beim Stillen die Zunge nicht weit genug aus dem Mund heraus. Das heißt: Es kann die Brustwarze nicht komplett in den Mund nehmen und dadurch nicht richtig saugen. "Für die Mutter fühlt es sich an, als würde das Baby die Brustwarze in die Zange nehmen", sagt Dr. Skadi Springer, Kinder- und Jugendärztin sowie Still- und Laktationsberaterin aus Leipzig. Die Folge: wunde Brustwarzen, Milchstau und eventuell sogar Gedeihstörungen beim Kind. Weil es die Brust nicht entleeren kann, verliert es zudem die Lust am Stillen. Viele Eltern füttern ihr Kind dann mit der Flasche.

Zu kurzes Bändchen kann Probleme machen

Etwa zwei bis fünf Prozent der Neugeborenen haben ein zu kurzes oder zu weit vorne liegendes Zungenbändchen, schätzt Dr. Christian Knorr, Chef­arzt der Klinik für Kinderchirurgie an der Klinik St. Hedwig am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg. "Bei rund 15 Prozent der Kinder mit Stillproblemen liegt dies an einem verkürzten Zungenbändchen", sagt Knorr.

Ob das Zungenband die Ursache ist, erkennen Hebammen, Stillberaterinnen und Kinderärzte mit einem Blick in Babys Mund. "Oft sieht man das weiße Häutchen vorne, die Zungenspitze ist eingekerbt, die Zungenränder sind herzförmig eingezogen", erklärt Knorr. "Im Idealfall stellen wir die Dia­gnose am ersten oder zweiten Lebenstag und lösen das Bändchen dann gleich", sagt Skadi Springer. Sie betont: "Der Eingriff ist nur bei Stillproblemen nötig. Wir unternehmen nichts, wenn das Kind gut trinkt und keine Symptome zeigt." In manchen Fällen reißt das Bändchen auch von alleine, weil es so dünn ist. Wird das Baby nicht gestillt, sondern mit der Flasche gefüttert, ­­bereitet das Zungenband, egal wie kurz, meist keine Probleme.

Wann ist ein Eingriff notwendig?

Doch selbst dann kann der Eingriff später nötig werden. Deshalb ist Christian Knorr auch daran gelegen, die Eltern über die Spätfolgen ­eines zu kurzen Bändchens aufzuklären: "Es können Probleme bei der Sprachentwicklung entstehen, wenn die Zunge nicht bis an den Gaumen gelangt sowie Zahnfehlstellungen oder auch Essstörungen, weil die Zunge nicht beweglich genug ist." Langwierige Behandlungen beim Logopäden und Kieferorthopäden ließen sich mit einem kleinen Schnitt vermeiden. Und: Je älter das Kind, desto größer der Eingriff. Dann geht es nicht mehr ohne Narkose, weil das Häutchen dicker und sogar durchblutet ist. Eventuell muss genäht werden, die Wundheilung dauert länger. "Daher kommen die meisten im ersten Lebensjahr und viele in den ersten Lebens­tagen", sagt Christian Knorr.

Schmerzen beim Stillen nicht hinnehmen

"Eine erfahrene Hebamme oder Stillberaterin sollte sich das Baby auf jeden Fall anschauen und mit der Mutter über die Stillprobleme reden", sagt Knorr. "Die Volksmeinung lautet oft: Stillen tut am Anfang eben weh, aber das stimmt nicht", so Skadi Springer. "Schmerzt das Stillen, müssen wir die Ursache herausfinden, und da gehört der Blick in den Mund des Babys dazu." Spricht alles für ein Lösen des Bändchens, sollte das schnell geschehen.

Unkomplizierte Behandlung

Die Vorgehensweise lässt viele erst einmal schlucken: Das Bändchen wird mit einer kleinen Schere oder einem winzigen Skalpell gelöst – ohne Narkose. Doch die Kinderärztin beruhigt: "Es handelt sich nur um ein dünnes Häutchen aus Bindegewebe ­ohne Nerven, der ganze Eingriff dauert vielleicht ­eine Sekunde." Die meisten Babys finden es doof, festgehalten zu werden, und ­schreien. Die Ärztin schiebt die ­Zunge mit einem Spatel leicht nach oben, so kann sie das Bändchen gut sehen. Ein Schnitt – und es ist weg. Im nächsten, wichtigsten Schritt kommt das Kleine sofort an Mamas Brust. Vor allem, weil die Nähe und das Stillen beruhigen. Auch deshalb verzichten Ärzte auf die Narkose: Sonst wäre die Zunge taub, das Baby schläfrig und dieses erste, wunder­bare Stillerlebnis nicht möglich. Eine Mutter kann sofort spüren: Es klappt. Und tut nicht weh. "Dieser Eingriff ist wirklich segensreich für die Stillbeziehung", sagt Springer.