Hodenhochstand – wann behandeln?

Ob Bauchhoden, Leistenhoden, Pendelhoden oder Gleithoden: Bei manchen Babys befinden sich eine oder beide Keimdrüsen nicht im Hodensack. Wann eine Therapie notwendig ist

aktualisiert am 07.12.2017

Hodenhochstand - kurz zusammengefasst

Bei einem Hodenhochstand liegen ein oder beide Hoden zum errechneten Geburtstermin eines Kindes nicht im Hodensack. Bis auf den Pendelhoden, der sich teilweise von allein im Hodensack findet und nur manchmal durch den Hodenheber nach oben gezogen wird, müssen alle Formen des Hodenhochstandes behandelt werden. Möglich ist eine Hormontherapie oder eine Operation. Ziel der Behandlung ist es, dass sich zum ersten Geburtstag beide Hoden im Hodensack befinden. Ist dies nicht der Fall, steigt das Risiko für eine Unfruchtbarkeit und für Hodenkrebs.

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Was ist ein Hodenhochstand?

Ein Hodenhochstand (Hodenretention, Maldescensus testis) besteht bei etwa drei Prozent der termingemäß geborenen männlichen Babys. Es handelt sich dabei um eine Lageanomalie der Keimdrüsen: Ein oder beide Hoden befinden sich nicht im Hodensack. Dabei liegt eine Verzögerung eines Vorgangs vor, der zum Zeitpunkt der Geburt eigentlich hätte abgeschlossen sein sollen:

Bei einem männlichen Embryo entstehen die Hoden im Bauchraum und zwar in der Nierengegend. Erst im Laufe der weiteren Entwicklung des Ungeborenen wandern sie allmählich hinunter und über den Leistenkanal in den Hodensack hinein, da sie zur Spermienproduktion eine niedrigere Temperatur benötigen als die allgemeine Körpertemperatur. Die Hoden wandern dabei entlang zweier fingerförmiger Ausstülpungen des Bauchfells. Im siebten Schwangerschaftsmonat erreichen sie schließlich den Leistenkanal und bei einer termingemäßen Geburt sollten sie im Hodensack des Neugeborenen zu tasten sein. Sind die beiden Hoden bis dahin nicht im Hodensack (Skrotum) angekommen, besteht ein Hodenhochstand.

Die Hoden finden sich dann meist irgendwo auf ihrem üblichen Abstiegsweg, wie zum Beispiel in der Leiste (Leistenhoden) oder im Bauchbereich (Bauchhoden). Wenn der Hoden gar nicht tastbar ist, sprechen Mediziner zunächst einmal von Kryptorchismus – verborgenen Hoden.

Achtung: Bei Frühgeborenen befindet sich der Hoden oft noch nicht im Hodensack. Dies ist ein Anzeichen ihrer allgemeinen Unreife und kann sich bis zum eigentlich errechneten Geburtstermin eventuell noch ändern.

Häufig wandern die Hoden bereits kurz nach der Geburt von selbst weiter in den Hodensack, so dass keine Behandlung notwendig ist. Auch in den ersten sechs Lebensmonaten ist die Chance, dass der Hoden spontan weiter wandert noch sehr hoch.

Ist der Säugling ein halbes Jahr alt und der Hoden befindet sich noch nicht im Hodensack, sollte jedoch eine Therapie erfolgen, da sonst das Risiko für eine spätere Unfruchtbarkeit und für Hodenkrebs steigt. Denn die Hoden lieben es kühl – die normale Körpertemperatur, die beispielsweise im Bauchraum herrscht, ist ihnen zu hoch, sie können unter diesen Bedingungen keine Spermien produzieren. Zudem ist bei einem Hodenhochstand die Gefahr, später an einem Hodentumor zu erkranken, erhöht. Durch eine Verlagerung des Hodens in den Hodensack kann dieser gut ertastet und mithilfe von Ultraschalluntersuchungen beurteilt werden, wohingegen bei einem Hodenhochstand eine Geschwulst wahrscheinlich erst zu spät erkannt werden würde.

Andere Bezeichnungen für einen Hodenhochstand sind "Retentio testis" und "Hodendystopie".

Besondere Formen des Hodenhochstandes

Besondere Formen des Hodenhochstands sind Pendelhoden, Gleithoden und die Hodenektopie:

  • Pendelhoden

Pendelhoden befinden sich zeitweise von ganz allein im Hodensack, können sich aber durch den Zug eines bestimmten Muskels im Schambereich, dem sogenannten Hodenheber, auch in den Leistenkanal zurückziehen. Dies geschieht insbesondere als Reaktion auf äußere Reize wie Kälte oder Berührung. Daher ist es oft gar nicht leicht, bei der ärztlichen Untersuchung festzustellen, ob es sich um einen Pendelhoden oder tatsächlich um einen Hodenhochstand handelt. Hier muss der Arzt sich teilweise auf die Aussagen der Eltern verlassen, ob sie den Hoden bereits einmal im Hodensack getastet haben. Alternativ kann er das Kind auch mehrmals zu verschiedenen Zeitpunkten und in einem möglichst entspannten Zustand untersuchen. Ein Pendelhoden muss nicht behandelt werden.

  • Gleithoden

Gleithoden lassen sich zwar in den Hodensack hinunter ziehen, schnellen dann jedoch rasch wieder zurück nach oben. Sie finden sich niemals spontan im Hodensack. Bei einem Gleithoden ist eine Operation notwendig, weil er nicht von selbst im Hodensack bleibt.

  • Hodenektopie

Eine Hodenektopie besteht, wenn der Hoden nicht auf seinem normalen Abstiegsweg zurück geblieben ist, sondern sich an einer Stelle befindet, an der er eigentlich nichts zu suchen hat.

  • sekundärer Hodenhochstand

Bei einem sekundären Hodenhochstand hat sich ein Hodenhochstand nachträglich entwickelt. Das bedeutet, der Hoden war nach der Geburt zunächst schon spontan im Hodensack tastbar, findet sich dort aber nun nicht mehr spontan und verbleibt auch nicht mehr dort, wenn er heruntergezogen wird. Ein behandlungspflichtiger Gleithoden hat sich entwickelt.

  • sekundärer Hodenhochstand nach Operation einer Leistenhernie

Ein sekundärer Hodenhochstand kann auch bei Kindern oder erwachsenen Männern nach einer Leistenbruchoperation entstehen, wenn sich der Hoden in der Narbe verfängt. Bei dieser Form des sekundären Hodenhochstandes warten Ärzte zunächst drei bis sechs Monate ab, ob sich der Hoden im Rahmen der Heilung spontan wieder löst. Falls nicht, ist eine erneute Operation nötig.

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Symptome

Ein Hodenhochstand ist für die neugeborenen Jungen nicht schmerzhaft. Er ist nur daran zu erkennen, dass ein oder beide Hoden sich nicht im Hodensack befinden und daher dort nicht tastbar sind.

Wichtig: Eine Behandlung ist bei einem Hodenhochstand trotzdem notwendig, wenn das betroffene Kind älter als sechs Monate ist. Denn sonst kann das Risiko für Hodenkrebs und eine spätere Unfruchtbarkeit steigen.

Ursachen

Die Ursache für einen primären Hodenhochstand lässt sich selten eindeutig bestimmen. Meist steckt wohl eine Störung im hormonellen Regelkreis dahinter. In einigen Fällen sind anatomische Hindernisse schuld. Auch verschiedene Einflussfaktoren in der Schwangerschaft, wie eine Zuckerkrankheit, Alkohol - oder Nikotinkonsum der Mutter kommen als Ursachen infrage. Wenn ein Hodenhochstand kombiniert mit anderen Auffälligkeiten auftritt, kann er eventuell eine genetische Ursprung haben. Dann können eine Chromosomenanalyse oder eine genetische Untersuchung empfehlenswert sein.

Diagnose: Einen Hodenhochstand erkennen

Ob die beiden Hoden sich im Hodensack befinden, überprüft der Kinderarzt bereits bei der ersten Untersuchung des Neugeborenen (U1), indem er das Skrotum abtastet. Ein Hodenhochstand wird daher meist früh erkannt.

Später tastet der Arzt den Hodensack des Kindes in liegender, sitzender und aufrechter Stellung ab, da die Hoden sich dabei jeweils in unterschiedlicher Lage befinden. Die Mutter oder der Vater des Kindes kann hierbei helfen. Finden sich nicht beide Hoden im Hodensack, liegt entweder eine Lageanomalie oder ein Hodenhochstand vor.

Die Formen des Hodenhochstandes und der sogenannte Pendelhoden unterscheiden sich im Tastbefund wie folgt:

  • Bauchhoden: Hierbei liegt der Hoden noch im Bauchraum und ist deshalb nicht tastbar.
  • Leistenhoden: Der Hoden liegt im Leistenkanal und ist damit im Leistenbereich tastbar.
  • Gleithoden: Der Hoden befindet sich nicht im Hodensack. Er lässt sich in den Hodensack hinunterziehen, schnellt dann aber rasch wieder zurück nach oben.
  • Pendelhoden: Der Pendelhoden findet sich manchmal von allein im Hodensack. Durch den Zug des Hodenhebers, zum Beispiel als Antwort auf einen Kältereiz, kann er aber auch aus dem Hodensack nach oben gezogen werden.
  • Hodenektopie: Hierbei befindet sich der Hoden an einer Stelle abseits des üblichen Abstiegwegs.

Lässt sich nur ein Hoden nicht tasten, ist zunächst eine Ultraschalluntersuchung der Leiste und des Bauchraums sinnvoll, um zu ermitteln, ob sich die Keimdrüse dort irgendwo befindet. Ist dem nicht der Fall, so kann eine Magnetresonanztomographie oder eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) weiterhelfen. Der Vorteil der Bauchspiegelung ist, dass Schrumpfhoden, die meist nicht funktionstüchtig sind, gegebenenfalls gleich entfernt werden können und der Arzt beurteilen kann, ob die Gefäße, die den Hoden versorgen, lang genug sind, so dass die Keimdrüse ohne weitere Maßnahmen im gleichen Eingriff in den Hodensack verlegt werden kann. 

Lässt sich der Hoden mit diesen Methoden nicht finden oder sind beide Hoden nicht tastbar, sollte ein Hormontest klären, ob die Keimdrüsen überhaupt entwickelt und angelegt sind. Hierzu bestimmt der Arzt den Testosteron-Spiegel im Blut nach Stimulation mit HCG (humanes Choriongonadotropin), der beim Vorhandensein von Hodengewebe nach 72 oder 96 Stunden ansteigt.

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Therapie

Das Behandlungsziel bei einem Hodenhochstand besteht darin, durch eine Verlagerung des Hodens in den Hodensack innerhalb des ersten Lebensjahres Schäden am Hoden zu verhindern. Falls der Hoden nicht von selbst in den Hodensack hinabwandert, bis das Kind ein halbes Jahr alt ist, sollte daher eine Hormonbehandlung beginnen oder eine Operation geplant werden.

Hormontherapie

Die Hormontherapie soll erreichen, dass die Hoden ihre Wanderung in den Hodensack antreten beziehungsweise fortsetzen. Dazu wird in der Hirnanhangdrüse die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Gonadotropin angeregt, das die Geschlechtsorgane beeinflusst. Um die Ausschüttung von Gonadotropin anzustoßen, kommen zwei Medikamente in Frage:

  • GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon) ist ein Hormon, das der Körper auch über die Schleimhaut aufnimmt. Es kann daher als Nasenspray über vier Wochen verabreicht werden.
  • Humanes Chorion-Gonadotropin (HCG) spritzt der Arzt einmal wöchentlich in den Muskel. Die Behandlung geht über drei Wochen.

Die beiden Medikamente können auch aufeinanderfolgend kombiniert werden: Zunächst bekommt der Säugling dann das GnRH-Nasenspray, daran anschließend HCG als Spritze. 

Der Erfolg einer Hormontherapie liegt abhängig vom Alter und den anatomischen Gegebenheiten bei etwa 20 Prozent. Bringt die Hormonbehandlung nicht das gewünschte Ergebnis, ist eine Operation notwendig. Es ist auch möglich, dass eine Hormontherapie zunächst erfolgreich ist, der Hoden dann aber wieder nach oben gleitet und eine Operation trotzdem erforderlich macht. Dies ist bei etwa jedem vierten, zunächst erfolgreich mit Hormonen behandelten Kind der Fall. Nach dem ersten Lebensjahr sollte keine Hormontherapie mehr durchgeführt werden, da ab diesem Zeitpunkt durch die Behandlung Schäden im Hodengewebe entstehen können.

Operation

Ist der Hoden tastbar und liegt er entlang des normalen Aufstiegsweges maximal im Bereich der Leiste, erfolgt die Operation offen über einen kleinen Schnitt im Leistenbereich. Der Arzt verlagert den oder die Hoden in den Hodensack und näht sie dort fest.

Sind die Hoden nicht tastbar oder liegen sie oberhalb des Leistenbereiches, ist eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) erforderlich. Je nach Befund kann der Hoden dann gleich in den Hodensack verlagert und dort festgenäht werden oder es ist eine separate Operation zu einem anderen Zeitpunkt erforderlich.

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Kontrolluntersuchungen und Folgen

In jedem Fall sind regelmäßige Nachkontrollen innerhalb des ersten Jahres nach der Therapie und ab dem 15. Lebensjahr wichtig. Dabei geht es zunächst darum, zu überprüfen, ob die Behandlung erfolgreich war und sich die Hoden in der richtigen Lage befinden. Ab dem 15. Lebensjahr sollten die betroffenen Jungen ihre Hoden dann regelmäßig selbst abtasten. Wie das geht, kann der Kinder-, Hausarzt oder der Urologe erläutern. Die Buben müssen darüber aufgeklärt sein, dass Vergrößerung der Hoden oder Veränderungen ihrer Beschaffenheit unbedingt zum Arzt führen sollten. Ein kleiner Anteil der Jungen mit Hodenhochstand wird trotz einer Behandlung zeugungsunfähig.

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Beratender Experte

Herr Professor Dr. med. Rainer Hofmann ist Facharzt für Urologie und spezielle urologische Chirurgie. Er habilitierte sich 1989 an der Technischen Universität München. Anschließend war er von 1990 bis 1991 Associate Professor an der University of California in San Francisco und danach Leitender Oberarzt der Urologischen Klinik des Klinikums Rechts der Isar in München. Seit Dezember 1998 ist er Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie der Philipps-Universität Marburg.

Quellen:

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH): Hodenhochstand - Maldescensus testis, Leitlinie 08/2016. Online: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/006-022l_S2k_Hodenhochstand_Maldescensus-testis_2017-10.pdf (Abgerufen am 06.11.2017)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.