Kita: Wie funktioniert die Eingewöhnung?

Mama ist weg, stattdessen überall fremde Menschen: Für Kinder bedeutet eine neue Kita Stress. Sanftes Eingewöhnen ist wichtig

von Sandra Schmid, aktualisiert am 09.07.2018

Kann ich mein Kind vorbereiten?

Wie gut eine Eingewöhnung funktioniert, hängt von mehreren Faktoren ab, etwa dem Charakter des Kindes. Aber manches können Eltern beeinflussen. "Kinder, die Kontakt mit anderen haben, etwa mit Geschwistern, die zu einer Spielgruppe gehen oder oft bei der Oma sind, gewöhnen sich meist leichter ein", sagt Johanna Schneider, Kinderpflegerin im Haus für Kinder der Glockenbachwerkstatt in München. Förderlich sei auch, wenn sich beide Eltern gleichermaßen um das Kind kümmern und es nicht nur auf die Mutter fixiert ist. "Noch wichtiger ist aber, dass sich die Eltern selbst auf die Trennung einstellen und positiv damit umgehen", sagt Psychologin Sabine Kowatsch aus München.

Wie läuft die Eingewöhnung ab?

Die meisten Krippen orientieren sich am sogenannten Berliner Modell. Am Anfang steht ein Auf­nahme­gespräch, in dem Fragen zur Entwick­lung des Kindes geklärt werden. In den ersten zwei, drei Tagen besucht das Kind die Gruppe mit Eltern für ein bis zwei Stunden. "Das Kind darf einfach zugucken. Ich beobachte es und seine Eltern und nehme vorsichtig Kontakt auf", sagt Johanna Schneider. Am vierten oder fünften Tag versucht man eine erste Trennung. Mutter oder Vater gehen für maximal eine halbe Stunde aus dem Raum. Hat dies funktioniert, wird die Zeit Tag für Tag gesteigert.

Wie gewöhnen sich Eltern ein?

"Wenn das Kind in die Krippe kommt, ist das eine emotionale Ausnahmesituation", sagt Sabine Kowatsch. Sie berät Münchener Kitas und hat schon viele Mütter und Väter weinen sehen. "Die Kita ist lange abstrakt für die Eltern. Wenn dann die erste Trennung erfolgen soll, merken viele, dass es ihnen schwerer fällt als gedacht, ihr Kind abzugeben", erzählt die Psychologin. "Das Loslassen gelingt, wenn man Vertrauen zu den Er­ziehern hat. Je kleiner das Kind, desto größer muss das Vertrauen sein." Daher rät sie, jede Gelegenheit zu nutzen, die Kita kennen­zulernen und sich auf eine gleichberechtigte Erziehungspartnerschaft einzulassen.

Wie lange dauert das?

Laut Berliner Modell ist das Kind nach drei Wochen eingewöhnt. "Das be­­deutet aber nicht, dass die Eingewöhnung dann voll­endet ist. Zwar bleibt das Kind dann meist schon allein in der Kita und hat eine Bin­dung zur Erzieherin aufgebaut, aber bis es sich an alle Kinder, Abläufe und Räume ge­wöhnt hat, dauert es oft meh­rere Monate", sagt Psychologin Kowatsch. Deshalb rät sie Eltern, sich möglichst viel Zeit für die Eingewöhnung zu nehmen und den Job-Einstieg nicht zu knapp zu kalkulieren. Gut ist, wenn in dieser Phase keine anderen stressigen Dinge wie ein Umzug stattfinden.

Was braucht mein Kind für die Krippe?

Mit diesen Dingen ist es gut ausgerüstet (am besten mit Namensetikett versehen oder mit Permanentmarker beschriften):

  • Feuchttücher und Windeln zum Wickeln
  • drei Paar Wechselkleidung (Bodys, Shirt, Hose, Socken), falls ein Malheur passiert
  • Hausschuhe oder Stoppersocken, damit es gut zu Fuß ist
  • Kuscheltier und Schnuller für das Mittagsschläfchen
  • Gummistiefel, Regenjacke und Matschhose zum Spazierengehen und Pfützenhüpfen
  • Trinklerntasse oder Fläschchen, falls es das noch braucht, evtl. auch Frühstücksbox
  • bei Allergien oder für Babys: Spezial- bezie­hungsweise Säuglingsnahrung

Wie schlimm ist Weinen?

Zunächst einmal: Weint das Kind, weil es sich nicht wohlfühlt? Oder beim Abschied? "Anfangs weinen viele Kinder morgens beim Abgeben. Fünf Minuten später sind sie vergnügt und spielen den ganzen Tag fröhlich", sagt Johanna Schneider. "Für die Eltern ist das Weinen oft schlimm, aber für das Kind ist es ein Ausdruck der Gefühle", erklärt Kowatsch. "Und warum sollte sich das Kind freuen, wenn Mama oder Papa weggehen?"

Wichtig: Das Kind darf seine Gefühle äußern und wird damit nicht allein gelassen. Nie sollten sich Eltern davonschleichen, um das Weinen zu umgehen. "Das löst beim Kind große Verunsicherung aus. Es versteht nicht, warum Mama oder Papa plötzlich weg sind."

Scheitert die Eingewöhnung?

Weint das Kind tagsüber viel, will nicht essen und schlafen, sind das Zeichen, dass es noch nicht eingewöhnt ist. "Ich rate dann, dass das Kind jeden Tag nur für ein oder zwei Stunden kommt", meint Kinderpflegerin Schneider. Und man sollte auf Ursachensuche gehen. "Häufig liegt es daran, dass die Eltern große Zweifel und Unsicherheiten bezüglich der Kita haben oder sie etwas anderes belastet", erklärt Psychologin Kowatsch. "Kleinkinder haben ein Riesen-Gespür für Atmosphäre und Emotionen." Damit die Kleinen sich auf eine neue Situation einlassen können, sei es notwendig, dass ihre Eltern sie loslassen können. "Reden Sie mit dem Krippenteam, und sprechen Sie Ihre Zweifel an", so Kowatsch.

Muss das Kind geimpft sein?

Impfungen dürfen in Deutschland kein Auf­nah­mekriterium sein. Aber: "Es ist sinnvoll, dass ein Kind geimpft ist, wenn es in eine Krippe geht", sagt Kinder- und Jugendärztin Barbara Mühlfeld aus Bad Homburg. Sie rät, sich an die Empfeh­lun­gen der Ständigen Impfkommission zu halten. "Eventuell kann der Arzt eine Impfung vor­ziehen, etwa die Masern ab neun Monaten", so Mühl­feld. Um Krank­heitsausbrüche zu verhindern, dürfen Kitas ungeimpfte Kinder in bestimmten Fällen vom Besuch der Kita ausschließen.

Ständig erkältet – was hilft?

Kaum ist das Kind in der ­Kita, bringt es eine Erkältung nach der anderen nach Hause. "Das ist leider normal", beruhigt die Kinder- und Jugendärztin Mühlfeld. "In der Kita trifft das un­reife Immunsystem eines Kleinkindes auf viele neue Krankheitserreger." Kleiner Trost: "Das Immunsys­tem ist ein lernendes System. Es reift durch das Auseinandersetzen mit den Erregern", sagt die Ärztin. Wie lange das ­dauert, ist indi­viduell verschieden. Manche Kinder er­kranken vor allem in den ersten Kita-Monaten, ­andere deutlich länger. "Viel im Freien spielen, regel­mäßiges Stoßlüften und gründliches Hände­waschen stärken das Immunsystem", rät Mühlfeld.

Eingewöhnung bei ­der Tagesmutter?

Auch in der Tagespflege geht es nicht ohne Eingewöhnung. Erzieherin Uschi Lehmann aus Berlin berichtet: "Im Vorgespräch klären die Eltern und ich, ob wir überhaupt zusammenpassen und eine Erziehungspartnerschaft eingehen wollen. Das ist die Voraussetzung. Nur wenn die Eltern ein gutes Gefühl haben, wird sich das Kind wohlfühlen können. Mir liegt viel daran, dass es für das Kind ein sanfter Übergang wird. Deshalb gibt es keinen strikten Plan. Die Eltern dürfen so lange dabei sein, wie es das Kind braucht.

Ich rate, sich vier bis acht Wochen Zeit für die Eingewöhnung zu nehmen. Anfangs sind Eltern und Kind ein bis zwei Stunden hier. Das Kind darf bei allem erst mal zuschauen, auch beim Essen und Schlafen, ich fordere nichts. So lernt es den Ablauf kennen. Es zeigt von allein, wann es für die einzelnen Schritte bereit ist. Langsam steigert sich seine Zeit bei mir, je nach Bedarf und Durchhaltevermögen des Kindes. Ich besuche die Eltern auch zu Hause, um eine enge Bindung zu dem Kind aufzubauen."