Geschenke-Tipps: Altersgerechtes Spielzeug

Das Angebot an Spielsachen ist riesig, das Passende fürs Kind auszuwählen nicht immer leicht. Die Altersangaben der Hersteller bringen einen hier nur bedingt weiter, sagt Spielzeug-Testerin Ingetraud Palm-Walter

aktualisiert am 31.01.2020

Geschenke für ihr Baby bekommen Eltern manchmal bereits vor seiner Geburt. Neben winzigen Strampelhosen kaufen künf­tige Großeltern, Tanten und Onkel in Vorfreude auf das neue Familien­mitglied gerne auch schon erste Spielsachen wie süße Kuscheltiere, Rasseln oder Bilder­bücher.

Lieb gemeint. Nur: Bis die Kleinen damit überhaupt ­etwas anfangen können, dauert es. Zunächst nutzen sie zum Spielen einfach ihre Hände und ­Füße. Ist ein Kind älter, ist es für Schenkende aber nicht viel leichter, in der Fülle des Angebots ­etwas Passendes zu finden.

Altersangaben der Hersteller oft unrealistisch

Als Entscheidungshilfe vermerken Hersteller auf den meisten ihrer Spielsachen das Alter, in dem diese für ein Kind geeignet sein sollen. Eigent­­lich praktisch – aber nur ­eigentlich, wie Ingetraud Palm-Walter sagt: "Wir haben festgestellt, dass Hersteller die Altersangaben immer weiter heruntersetzen und diese oft überhaupt nicht realistisch sind."

Die Erzieherin arbeitet im Vorstand des Vereins spiel gut in Ulm, der un­­abhängig von Industrie und Handel Spielzeug testet. Sie erklärt das Phänomen vor allem mit Konkurrenzdruck: "Preist ein anderer Hersteller etwa einen Kaufladen für Zweijährige an, findet der, auf dem ‚ab 3 Jahren‘ steht, keine Abnehmer mehr."

Spielzeug nicht zu früh anbieten

Für ein Kind macht es durchaus einen Unterschied, wenn es Spielsachen bekommt, für die es noch zu jung ist: "Natürlich können auch Zweijährige schon mit dem Kaufladen spielen, aber bei ihnen steht meist noch das Haptische, also das Anfassen von Dingen, im Vordergrund, während zum Beispiel Fünfjährige richtig ins Rollenspiel eintauchen", erklärt Palm-Walter.

Während Zweijährige am Kauf­laden also zum Beispiel "nur" Obst oder Teller ein- und ausräumen, spielen ältere Kinder – je nachdem, ob sie mit Freunden, Mama, Papa oder ­alleine sind – in verschiedenen Rollen, wodurch jedes Mal eine neue Szenerie entsteht. "Für sie bleibt der Kaufladen über lange Zeit spannend, während zu junge Kinder ihn schnell als langweilig empfinden", erklärt Ingetraud Palm-Walter.

Die Gefahr: Steht der Kaufladen (oder was auch immer zu früh geschenkt wurde) lange ungenutzt he­rum, kann es sein, dass auch später, wenn das Alter passen würde, nicht mehr damit gespielt wird. Der Tipp der Expertin: Sachen, die im Moment noch unpassend sind, wegräumen und sobald Sohn oder Tochter so weit sind, wieder hervorholen.

Überforderung vermeiden – aber auch Unterforderung

Das Spielen mit nicht altersgemäßen Sachen verursacht nicht nur Langeweile und Desinteresse, sondern auch Frustration. Beispiel Konstruktionsmaterialien: Kann ein Kind Dinge nicht zusammenbauen, weil es feinmotorisch noch nicht soweit ist, fühlt es sich überfordert. Es ist enttäuscht, frustriert – und verliert schlimmstenfalls sein Interesse daran ganz. Auch für das Selbstwertgefühl ist so eine Erfahrung nicht gut: Das Kleine meint, es liege an ihm, dass das Spiel nicht klappt, und ist entmutigt. "­Ältere Kinder entwickeln manchmal sogar dem Schenker gegenüber ein schlechtes Gewissen. Schließlich hat der ja die Spielsache ausgesucht und gedacht, es passe zum Kind. Und nun erfüllt es diese Erwartung nicht", erklärt Ingetraud Palm-Walter.

Genauso schlecht übrigens: Spiel­sachen, die unterfordern. Schnell landen diese in der Ecke, werden als langweilig und unbrauchbar abgestempelt. "Kinder sollten sich auch im Spiel hin und wieder anstrengen müssen. Sie sollten erleben, dass sie etwas geschafft haben, sonst geben sie bei schwierigeren Dingen zu schnell auf."

Das Kind genau beobachten

Es ist ein Spagat, den Eltern, Groß­eltern und andere Schenker zu schaffen haben: etwas finden, was das Kind zwar fordert, aber weder unter- noch überfordert. Nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Entscheidend dabei: das Kleine genau beobachten.

Welche Themen beschäftigen es gerade? Welche Zusammenhänge erfasst es bereits? Wie weit ist es in seiner motorischen Entwicklung? Interessiert es sich gerade mehr für Materialien, mit denen es kreativ sein kann, oder will es sich am liebsten den ganzen Tag lang bewegen?

Welches Spielzeug für welches Alter?

0 bis 6 Monate: Etwas zum Schauen, Horchen und Greifen wie Mobile, Rassel, kleines Stofftier/-püppchen

ab 6 Monaten: Badewannenspielzeug, Stoffbälle, erstes Steckspielzeug, Stofftiere, erstes Buch aus dicker Pappe oder Stoff 

ab 1 Jahr: Nachzieh- und Schiebespielzeug, einfachste Fahrzeuge, Kugelbahn, Schaukelpferd

ab 2 Jahren: Dreirad, Holzeisenbahn, Brummkreisel, Fingerfarben, Schubkarre, Babypuppe, erste ­Puzzle, Geschirr, Holzbau­klötze

ab 3 Jahren: einfaches Baumaterial mit Steckverbin­dung, Material zum Legen, Stecken, Nageln, Knete, Roller, Laufrad, Aufstellspielzeug (Menschen, Tiere), Fädelperlen, Wachsfarben, Schere, Stempel, Schaukel

ab 4 Jahren: Holzkonstruktionsmaterial, Kugelbahn zum Bauen, Traktor zum Treten, Puppen­stube, Handspielpuppen, Zubehör für Rollenspiel und Verkleiden, Lupe

Siegel gibt mehr Sicherheit

"Wer sich unsicher ist, kann in der Krippe nachfragen oder schauen, womit das Kind bei Freunden spielt", so Palm-Walter. Ganz ähnlich laufen die spiel gut-Tests ab, um Spielsachen mit dem spiel gut-Siegel auszuzeichnen.

Circa 600 Produkte wählt der Verein im Jahr aus, nur gut die Hälfte erhält das ­Siegel. "Kinder im entsprechenden Alter spielen mit den Sachen, ihre Eltern erhalten von uns einen Fragebogen und beobachten das Spiel über mehrere Wochen", erklärt Palm-Walter. Dabei achten sie darauf, ob:

  • der Nachwuchs gerne mit dem Produkt spielt,
  • seine Kreativität angeregt wird, 
  • das Kind seine Umwelterfahrungen widergespiegelt findet, 
  • das Spielzeug vielseitig verwendbar ist,
  • Größe und Gewicht zum Kind passen,
  • Konstruktion und Mechanik verstanden werden und
  • die Altersangabe den Fähigkeiten entspricht.

Schließlich beraten Pädagogen, Psychologen, Ingenieure, Chemiker, ­Ärzte, Designer und Architekten über die Ergebnisse und diskutieren, welches Produkt das Siegel bekommt. Hersteller, die leer ausgehen, erhalten eine schriftliche Begründung.

Kinder brauchen heutzutage kein völlig anderes Spielzeug als früher. ­Etwas zum Liebhaben, für Bewegung und Geschicklichkeit, zum Gestalten und Bauen, dazu Gesellschaftsspiele und Rollenspielmaterial – eine gute Mischung eben. Auch wichtig: Bei ­neuen Sachen erst einmal dabeibleiben und das Spiel begleiten. "Manchmal braucht es anfangs ein bisschen Unterstützung", sagt Palm-Walter.

Warnhinweis ernst nehmen

"Nicht für ­Kinder unter drei Jahren geeignet" – Diesen Hinweis unbedingt ernst nehmen! Das Spielzeug enthält Kleinteile, die von Babys und Kleinkindern verschluckt werden können.