Kindergarten: So finden Sie den Richtigen für Ihr Kind

Montessori-Kindergarten, Elterninitiative oder Waldorfeinrichtung? Bevor sich Eltern für einen Kindergarten entscheiden, sollten sie sich über die verschiedenen pädagogischen Konzepte informieren

von Sandra Schmid, aktualisiert am 09.03.2016

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Das musste auch Ruth Kaindler feststellen, als sie sich vor gut einem Jahr auf die Suche nach einem Kindergartenplatz für Tochter Luisa machte. "Mir war nicht im Entferntesten bewusst," erzählt die alleinerziehende Kölnerin, "was da auf mich zukommt." Allein in ihrem Stadtviertel gab es über 20 Kindergärten mit unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen. "Ich wusste damals wirklich nicht, was das Richtige für Luisa ist," erklärt sie ihre Ratlosigkeit. "Denn eigentlich machten alle Konzepte irgendwie Sinn." Sollte Luisa sich viel bewegen und in einen Sportkindergarten gehen? Oder doch lieber in eine Einrichtung mit musikalischen Schwerpunkt? Und: Waldorf- oder Montessorikindergärten haben auch ihre Vorteile.

Große Nachfrage, steigendes Angebot

So, wie Ruth Kaindler geht es vielen Müttern und Vätern – vor allem in urbanen Gegenden –, wenn sie sich auf die Suche nach dem geeigneten Kindergarten für ihre Kleinen machen. Denn das pädagogische Angebot der Betreuungsstätten wird aufgrund der großen Nachfrage immer vielfältiger. Immerhin gehen in Deutschland durchschnittlich 90 Prozent aller Kinder zwischen drei und fünf Jahren in eine Kindertagesstätte, bei den Fünfjährigen sind es inzwischen sogar an die 98 Prozent. "Das Kindergartenangebot in Deutschland ist grundsätzlich so groß, dass fast jedes Kind einen Platz bekommt," sagt Dr. Bernhard Nagel vom Institut für Frühpädagogik in München. Eltern stellen sich dann die Frage: Welcher Kindergarten ist für unser Kind der Richtige?

Diplom-Psychologe Nagel kennt die Punkte, die bei der Entscheidung meist eine Rolle spielen: Welcher Kindergarten liegt örtlich günstig? Wird das Mittagessen von weit her geliefert oder frisch gekocht? Was kostet die Betreuung? Und dann natürlich die Frage nach dem pädagogischen Konzept: Soll mein 3-Jähriger lieber Chinesisch lernen oder den ganzen Tag draußen im Wald spielen?

"Die Zeiten", so Nagel, "als Kindergärten nüchterne Tageseinrichtungen zur rein regelmäßigen Betreuung von Kindern waren, sind vorbei." Vielmehr geht es in den letzten Jahrzehnten verstärkt wieder um den eigentlichen Grundgedanken des Pädagogen Friedrich Fröbel, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Begriff "Kindergarten" prägte. Fröbel verstand den Kindergarten als einen Ort, an dem Kinder wie junge Pflanzen sprichwörtlich "gehegt, gedüngt und gepflegt" werden sollten, damit sie später in voller Pracht erblühen konnten. Damit schuf er schon sehr früh einen ganzheitlichen pädagogischen Ansatz. In dessen Mittelpunkt stand das eigenständige, selbstbewusste Kind, das sich spielend und entsprechend gefördert den Herausforderungen des Lebens nähern sollte.

Weiter entwickelt wurde die Idee Fröbels dann in den 1970ern, hin zum sogenannten Situationsansatz, der – so Nagel – inzwischen das zugrunde liegende pädagogische Modell vieler Kindergärten ist.  "Das Kind wird als Individuum wahrgenommen," erklärt Nagel. "Es soll in seiner Einzigartigkeit gefördert werden und zwar so, dass es eine bestmögliche Bildung erfährt." Unter Bildung wird dabei ausdrücklich nicht nur die Schulvorbereitung verstanden. Vielmehr rücken die Entwicklung des Sozialverhaltens, die persönliche Entfaltung, das Übernehmen von Verantwortung und der Erwerb verschiedener Kompetenzen in den Vordergrund.

Umgesetzt wird der Situationsansatz im Kindergarten natürlich auf kindgerechte, spielerische Weise. Die verschiedenen pädagogischen Konzepte wie die Montessori- oder Waldorfpädagogik bauen alle darauf auf. Gemeinsam ist ihnen die grundlegende Denkweise, "dass das Kind bereits von Geburt an eine gewisse Selbständigkeit hat, sich seine Welt konstruiert, selbst lernen will und durch entsprechende Lernarrangements dieses Lernen gefördert werden kann," so Nagel.

Jeder Kindergarten hat einen sogenannten Träger, der ihn verwaltet. Der Träger hat die Gesamtverantwortung für die Einrichtung inne und entscheidet über das pädagogische Konzept.

  • Konfessionelle Träger integrieren die Kinder traditionsgemäß in die Kirchengemeinde und die damit zusammenhängenden Aktivitäten.
  • Freigemeinnützige Träger orientieren sich meist an ähnlichen Werten wie die kirchlichen Einrichtungen und sind stark am Gemeinwohl interessiert. Die einzelnen Träger sind meist in freien Wohlfahrtsverbänden organisiert. Zu diesen zählen zum Beispiel die Caritas, das Diakonische Werk, das Rote Kreuz oder die Arbeiterwohlfahrt.
  • Elterninitiativen sind meist eingetragene Vereine, die sich häufig unter den paritätischen Verbänden vereinigen. Sie agieren selbständig und formulieren ihr eigenes Konzept.
  • Immer häufiger sind Einrichtungen privater Träger zu finden, die Kindergärten frei gewerblich, das heißt kommerziell, betreiben. Soweit diese die Vorschriften der jeweiligen Landeskindergartengesetze beachten, werden sie ebenfalls als Kindertagesstätten anerkannt und gefördert.

Wichtig für Eltern ist laut Nagel allerdings, dass sich "alle Kindergärten – je nach Bundesland mehr oder weniger verbindlich – an dem jeweiligen Bildungs- und Erziehungsplan orientieren müssen." Diese gesetzlichen Grundlagen enthalten beispielsweise Räumlichkeitsvorschriften, Betreuerschlüssel und vor allem Vorgaben, wie die Entwicklung und verschiedene Kompetenzen des Kindes gefördert werden sollen.

Wie das in der Praxis genau geschieht, legt der Träger im pädagogischen Konzept fest. Dieses kann auch eine Mischform aus verbreiteten Konzepten wie der Waldorf- oder der Montessori-Pädagogik sein. Das  macht es für Eltern nicht einfach, sich einen Überblick zu verschaffen. "Konzepte können sich miteinander vermischen, solange sie nur den gesetzlichen Vorgaben entsprechen und das Konzept schlüssig ist", sagt Nagel. Das heißt: Da gibt es Kindergärten kirchlicher Träger, die künstlerische Schwerpunkte haben. Oder Elterninitiativen, die verstärkt auf Bewegung setzen. Oder private Träger, die sich ganz dem Umgang mit der Natur verschrieben haben. Alles ist möglich.

Montessori: "Hilf mir, es selbst zu tun!" lautet das bekannte Motto der Montessori-Pädagogik. Ihr Grundsatz ist, dass die individuellen Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt stehen sollen. Es soll bereits früh in seiner Unabhängigkeitsbestrebung unterstützt und respektiert werden. Die Erzieher fungieren dabei nicht als aktive Führungspersonen, sondern als helfende Begleiter. Im freien Handeln und steten Ausprobieren entdecken die Kinder ihren eigenen Rhythmus sowie den der Gemeinschaft. Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 600 Kindertagesstätten, die das Prinzip der Montessori-Pädagogik verfolgen. Ein Drittel davon integriert behinderte Kinder in die Gruppen. Die Einrichtungen sind teils in öffentlicher, teils in privater Trägerschaft.

Waldorf: Eine große Rolle beim populären Waldorf-Konzept spielt der stets gleichmäßige Tagesablauf, der den Kindern Stabilität und Geborgenheit vermitteln soll. Außerdem ist ein grundlegender Gedanke, dass Kinder lernen, indem sie andere nachahmen. Im Waldorfkindergarten sind also die erziehenden Personen von entscheidender Bedeutung. Sie dienen als Vorbilder, die soziale Verhaltensweisen, Werte oder den Umgang mit der Natur vorleben. Vor allem im alltäglichen Spielverhalten wird viel Wert auf den Kontakt mit Naturmaterialien gelegt. In Deutschland gibt es momentan etwa 550 Waldorfkindergärten. Träger sind meist eingetragene Vereine, Elterninitiativen oder private Institutionen.

Elterninitiativen: Diese Initiativen gründen häufig Gruppen von Eltern, wenn sie einen Kindergarten mit gewissen Schwerpunkten haben möchten, den es so in der unmittelbaren Umgebung nicht gibt. Das kann beispielsweise ein Waldkindergarten sein, in dem die Kleinen ihren Kindergartenalltag fast komplett außerhalb von Gebäuden (das heißt in und mit der Natur) verbringen. Oder eine Einrichtung nach dem Freinet-Prinzip, bei dem es in erster Linie um die Selbstbestimmung der Kinder geht: Die Kleinen haben in den sogenannten Kinderkonferenzen oft sogar die Möglichkeit mit abzustimmen, zu welchem Zweck Gelder verwendet werden sollen. "In den letzten Jahren", sagt Nagel, "sind vor allem Initiativen entstanden, die viel Wert auf Sprachen legen, da viele Eltern wollen, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen." Eine Elterninitiative kann gründen, wer eine Betriebserlaubnis vom Jugendamt hat und die Bedingungen des Kindergartengesetzes befolgt. Dann kann die Einrichtung auch eine öffentliche Förderung beantragen.

Bewegungs-, Kunst- oder Musikkindergarten: Diese Angebote steuern schon in früher Kindheit in eine bestimmte Richtung. Im Bewegungs- oder Sportkindergarten werden besonders die motorischen Fähigkeiten geschult. Die Kinder sollen den eigenen Körper kennenlernen. Dabei geht es nicht um ausgefeilte Trainingsprogramme, sondern darum, spielerisch Laufen, Springen, Klettern, Werfen und Koordination zu üben. Ähnlich wollen der Kunst- und der Musikkindergarten die entsprechenden Fähigkeiten des Kindes fördern und in den Kindergartenalltag einbauen.

"Eine Einrichtung mit einem bestimmten Schwerpunkt sollte natürlich Personal haben, das sich in diesem Bereich besonders qualifiziert hat", ist auch Nagel überzeugt. "Wenn ein Kindergarten den Schwerpunkt Musik hat, braucht er natürlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auch ein Instrument spielen können. Oder im Bewegungskindergarten jemanden, der eine zusätzliche Ausbildung in kindgerechter Bewegungserziehung hat."

Damit ein Kindergarten Fördergelder bekommt, muss er staatlich anerkannt sein. Die Voraussetzungen dafür sind in jedem Bundesland unterschiedlich. Neben dem Einsatz qualifizierten Personals sind zum Beispiel Kindergärten in Bayern verpflichtet, ihren jeweiligen pädagogischen Ansatz zu veröffentlichen und bestimmte Beobachtungsverfahren einzusetzen. Dies wird von der zuständigen Rechtsaufsicht, in der Regel das Jugendamt, geprüft. Nur, wenn die Einrichtung den Vorgaben entspricht, kann sie öffentliche Mittel bekommen.

Der Fördersatz unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Experte Nagel: "In Bayern bekommt die Einrichtung einen Betrag, der sich über einen Basiswert und die Buchungszeit, die das Kind im Kindergarten verbringt, errechnen lässt." Darüber hinaus gibt es mehr Geld, wenn das Kind unter drei Jahren ist, einen Migrationshintergrund oder eine anerkannte Behinderung hat. Die staatliche Förderung erfolgt also rein kindbezogen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Waldorfkindergarten oder eine Elterninitiative handelt.

Aber wie lassen sich dann die teilweise horrenden Beiträge erklären, die einige Kindergärten verlangen? "Das liegt zum einen an den unterschiedlichen Förderbeträgen in den einzelnen Ländern, was zu unterschiedlich hohen Elternbeiträgen führt. Zum anderen liegt es auch an speziellen Angeboten, die zusätzliche Kosten verursachen," sagt Nagel. Das kann der besonders gute Betreuungsschlüssel sein, das spezielle Bio-Essen oder individuelle Angebote wie zum Beispiel Sprachprogramme. "Montessori-Einrichtungen haben häufig besonders ausgebildetes Personal, das entsprechend mehr kostet", sagt Nagel. Diese zusätzlichen Kosten tragen dann natürlich die Eltern.