Interview: Ein U-Heft für gesunde Zähne?

Eltern mit Baby unterschätzen oft die Mundhygiene. Die nötige Aufklärung will Zahnarzt Dr. Markus Braun mit einem U-Heft für die frühe Zahnvorsorge verbessern. Im Interview erklärt er seine Mission

von Beatrice Sobeck, 17.05.2018
Dr. Markus Braun

Der Initiator Dr. Markus Braun ist seit 1993 Zahnarzt, seit 1995 in eigener Praxis in Celle


Dr. Braun, Sie sind ja kein Kinderzahnarzt. Woher rührt Ihr Interesse für die kleinen Patienten?

Vielleicht liegt es daran, wie ich aufgewachsen bin. Mein Vater war Pastor, meine Mutter Zahnärztin. Ich selbst habe auch zwei Kinder, und seit 2014 bin ich Vorsitzender des Ausschusses für Kinder- und Jugendzahnpflege der Zahnärztekammer Niedersachsen.
Kin­der liegen mir einfach am Herzen, und mit einer guten Zahnpflege kann man nicht früh genug beginnen.

Steht es denn so schlecht um die Zahngesundheit bei Kindern?

Überhaupt nicht. Dank der Einführung der Gruppen- und Individualprophylaxe verzeichnen wir seit den 1990er-Jahren eine stetige Verbesserung der Zahn­gesundheit. Statistisch gesehen hat zum Beispiel ein zwölfjähriges Kind nur noch 0,4 kariöse Zähne. Anfang der 80er-Jahre fanden wir in dieser Alters­gruppe noch sieben kariöse Zähne. Das
zeigt, wie erfolgreich die Prophylaxe ist, und diesen Status wollen wir noch weiter verbessern.

Ganz zufrieden wirken Sie trotzdem nicht …

Stimmt. Babys und Kleinkinder bereiten uns ein wenig Sorgen. In den Altersgruppen der Drei- und Sechs­­jäh­rigen stellen wir einen Kariesanstieg fest. Laut Sta­tistik hat etwa ein sechsjähriges Kind 1,7 kariöse Zähne. Jedes fünfte Kind unter drei Jahren ist von der Nuckelflaschenkaries betroffen. Tendenz steigend. Deshalb ist es wichtig, Familien sehr früh zu erreichen.

Und diese Entwicklung wollen Sie mit einem Zahnvorsorgeheft stoppen?

Mit dem Vorsorgeheft schaffen wir Anreize, dass Eltern frühzeitig mit ihrem Kind in die Praxis kommen. Der erste Zahnarztbesuch ist ab dem sechsten Lebens­monat vorgesehen und findet somit im gleichen Zeitraum statt wie die U 5 beim Kinderarzt, um den Eltern die Terminplanungen zu erleichtern.

Auch die weiteren Termine laufen parallel zu den U-Untersuchungen beim Kinderarzt. Inhaltlich setzen wir den Schwerpunkt auf Information. So erklären wir zum Beispiel, wie Zucker die Milchzähne angreift, geben Verhaltens- und Ernährungstipps, motivieren zum Zähneputzen und zeigen die richtige Putztechnik.

Wir wollen es Eltern leichter machen, von Anfang an darauf zu achten, dass die Kinder gesunde Zähne bekommen – und behalten. Gesunde Milchzähne sind wichtig für das Kiefer­wachstum, die Entwicklung des bleibenden Gebisses und für die Sprachentwicklung.

Babys haben doch noch gar keine Zähne. Warum ist Mundhygiene dann schon ein Thema?

Wir stellen fest, dass viele Eltern die Mundhygiene im Babyalter unterschätzen. Zu oft trinken Babys gesüßte Getränke aus Saugflaschen – die Ursache für die Nuckelflaschenkaries. Eltern kaufen sogenannte Kinderprodukte, weil ihnen suggeriert wird, diese seien gesünder. Dabei steckt ausgerechnet in diesen Nahrungsmitteln meist viel zu viel Zucker. Und in Familien mit älteren Geschwistern bekommen die Jüngsten häufig schon im Babyalter Süßigkeiten zu essen. Fehlt dann eine Alltagsroutine beim Zähneputzen, sind das denkbar schlechte Startbedingungen.

Optisch sieht das Zahnvorsorgeheft dem U-Heft sehr ähnlich. War das Absicht?

Ja. Das U-Heft ist für Familien ein wichtiges Gesundheitsdokument. Unser Ziel ist es, dass die Zahn­vor­sorge den gleichen Stellenwert bekommt wie die kinderärztlichen Untersuchungen. Das Zahnvorsorge­heft ist kleiner als das U-Heft und hat auf der Rück­seite einen Klebestreifen. So kann es auf die leere vordere Umschlagseite des gelben U-Heftes geklebt werden, und Eltern haben beide Dokumente immer zur Hand.

Bei der U 5 gibt es nun eine Empfehlung für den Zahnarztbesuch. Warum genügt Ihnen das nicht?

Dieser Hinweis ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Im besten Fall kommen Eltern mit ihrem sechs Monate alten Baby das erste Mal in die Zahnarzt­praxis. Trotzdem bleibt es nur eine Empfehlung, Eltern sind nicht verpflichtet, mit ihrem Kind zur Zahnvorsorge zu gehen.

Sie wollen, dass der Zahnarztbesuch für Kinder verpflichtend wird?

Ja. Das wäre aus meiner Sicht die Idealvorstellung. Die Kinderzahnvorsorge sollte für Eltern ebenso verbindlich sein, wie es bei den kinderärztlichen Vor­sorge­untersuchungen der Fall ist, um auch in diesem Bereich potenzielle Kindeswohlgefährdung zu ver­meiden. Auch ich musste schon Drei- bis Fünfjährige unter Vollnarkose behandeln, deren Front- und Seitenzähne voll­­kommen vergammelt und zerstört waren.

In Bayern, Baden-Württemberg und in Hessen sind die U-Untersuchungen beim Kinderarzt schon Pflicht. In allen anderen Bundesländern gibt es zumindest ein Kontroll- und Erinnerungssystem, wenn Eltern die U-Termine nicht wahrnehmen.

Und das ist schwierig durchzusetzen, weil …?

Unser Gesundheitssystem dezentral und selbstver­waltet funktioniert. Gesundheit ist Ländersache. Der Staat gibt zwar wesentliche Rahmenbedingungen zur medizinischen Versorgung vor, doch die Aus­­gestaltung, Organisation und Finanzierung geschieht auf Länder­ebene in diversen Verbänden, Ärzte- und Zahnärztekammern und Interessengemeinschaften.

Im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) – er ist das zentrale Organ auf Bundesebene, wo alles zusammenläuft – werden alle Themen diskutiert und im besten Fall irgendwann auch beschlossen. Da der G-BA aber aus den unterschiedlichsten Interessenvertretern aus Gesundheit und Politik besteht und jeder zu seinem Recht kommen möchte, vergeht oft sehr viel Zeit.

Dann dient das Zahnvorsorgeheft also auch der Motivation auf politischer Ebene?

Tatsächlich hoffen wir, dass das zahnärztliche Kinderuntersuchungsheft viele Fans findet und irgendwann in ganz Deutschland verteilt werden kann.

Wie viele Fans hat es denn bis jetzt?

Seit Veröffentlichung im Juli 2017 wurden über 81 000 Exemplare abgerufen. Diese Zahl übertrifft bei Weitem unsere Erwartungen. Wir haben auch Anfragen aus anderen Bundesländern.

Heißt das, in anderen Bundesländern, zum Beispiel Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern bekommen Eltern das Vorsorgeheft nicht?

Leider ist das so. Ja. Dieses Zahnvorsorgeheft wird bis­her nur in Niedersachsen verteilt. Über die Zahnärzte­kammer Niedersaschen können im Prinzip nur hiesige Kinderärzte, Zahnärzte, Hebammen, Krankenhäuser und auch Privat­personen das Heft kostenlos bestellen.

Das U-Heft für den Kinderarzt gibt es bundesweit. Worin besteht der Unterschied?

Das kinderärztliche U-Heft wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss herausgegeben. Eine flächen­deckende Verteilung muss hier erfolgen, da die Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenkassen sind.

Für die Zahnvorsorge gilt das nicht?

Nur bedingt. Die gesetzlichen zahnärztlichen Frührkennungsuntersuchungen beginnen tatsächlich erst ab dem dritten Lebensjahr. Allerdings erkennen einige gesetzliche Krankenkassen die Notwendigkeit der frühen Prophylaxe und zahlen diese auch. Trotzdem sind das bisher frei­willige Zusatzleistungen und keine Regelleistungen. Im Zweifel müssten Eltern die Kontrolle beim Zahn­arzt für ihr Kind unter zwei Jahren selbst zahlen.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Wir knüpfen Kontakte zu Ärztekammern über ­unsere Landesgrenzen hinaus. Es wäre ein großer Erfolg, wenn auch andere Zahnärztekammern das Heft in Eigenregie herausbringen. Die Daten stellen wir gerne zur Verfügung.

Leser-Bestell-Service

Sie können das zahnärztliche Kinder­untersuchungsheft kostenlos bestellen. Schreiben Sie an: Zahnärztekammer Niedersachsen, Zeißstraße 11 a,
Stichwort: Baby und Familie, 30519 Hannover. Oder Sie nutzen das Kontaktformular.


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