Ist Stillen in der Öffentlichkeit okay?

Zu offenherzig? Oder ganz natürlich? Stillen in der Öffentlichkeit sorgt immer noch für Aufregung und Kritik. Warum eigentlich?

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 27.01.2016

Brust raus! Stillen in der Öffentlichkeit ist völlig in Ordnung – wenn es diskret passiert


Seinen Nachwuchs zu stillen ist das Natürlichste auf der Welt. Und eine bessere Nahrung als Muttermilch gibt es für die Kleinen nicht. Also sollte es doch auch kein Problem sein, ein Kind in der Öffentlichkeit zu stillen, wenn es Hunger hat – dachte ich, bis ich selbst ein Baby hatte. Dann saß ich auf der Parkbank, gab meiner Tochter die Brust und erntete schiefe Blicke. Immer wieder werden stillende Mütter aufgefordert, das Café zu verlassen, weil sich andere Gäste belästigt fühlen könnten. Als dies vor einiger Zeit in Kopenhagen passierte, wandte sich die junge Mutter an den Rat für Gleichberechtigung. Doch er wies ihre Klage ab mit dem Argument, man müsse das Schamgefühl der anderen respektieren. Daraufhin organisierte die junge Mutter auf dem Rathausplatz ihrer Stadt ein "Still-in", ähnlich wie es eine andere Frau bereits 2011 im englischen Brighton getan hatte.

Jede vierte Frau würde nicht öffentlich stillen

Als Stillende fühlt man sich bei schiefen Blicken rasch beschämt und gekränkt. Kein Wunder, dass sich jede vierte Frau nicht vorstellen kann, öffentlich zu stillen. Sind wir zu verklemmt? Wohl kaum. Schließlich gehört der Anblick nackter Brüste zur Alltagserfahrung. In München zum Beispiel hängt in Bahnhöfen und an jeder zweiten Litfaßsäule Werbung für Erotikmessen. In Cafés liegen Zeitschriften mit halbnackten Damen auf dem Titel. Das regt niemanden auf. Warum dann die Empörung, wenn die Brust nicht zu werbe- oder voyeuristischen Zwecken enthüllt wird, sondern zum Stillen eines Babys im Restaurant oder Park?

"Das Problem ist unsere westliche Doppelmoral", sagt die Hamburger Hebamme Regine Gresens. "Weibliche Brüste gelten vor allem für Männer als Sexobjekt. Demzufolge wird auch Stillen als sexueller Akt angesehen." Ein Still-Busen als Sexspielzeug? Meinen Töchtern die Brust zu geben gehörte zu den intimsten Momenten in meinem Leben, aber nie war ich weiter entfernt von Sex. "Manche öffentlich Stillenden bekommen sogar zu hören, das sei eklig oder obszön", sagt Gresens.

Lokalbesitzer darf Stillen untersagen

Wer gestillt hat, weiß, dass man nie genau planen kann, wann ein Baby Hunger hat. Den bekommt es – egal, ob man zu Hause sitzt, spazieren geht oder gerade Windel-Nachschub besorgt. Und wenn die Winzlinge etwas gar nicht aushalten, dann ist es Hunger.

Gesetzlich sind Stillende unzureichend geschützt. Der Deutsche Hebammenverband fordert seit Jahren ein Gesetz zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit wie in Schottland oder Australien. Eine entsprechende Online-Petition beim Deutschen Bundestag fand kaum Unterstützung. Deshalb gilt weiter: In Cafés, Museen oder Kaufhäusern darf der Besitzer sein Hausrecht ausüben und Stillen untersagen.

Zum Stillen aufs Klo? Nicht einschüchtern lassen!

Häufig werden Mütter auch in die Wickelräume verwiesen. Aber zum Stillen aufs Klo gehen? Muss das sein? Schließlich geht es so diskret, dass man oft nicht erkennt, ob das Baby an der Brust trinkt oder im Arm schläft. Eine Vielzahl von Shirts, Blusen und Kleidern erlaubt das Stillen ganz unauffällig. Ich hatte immer ein dünnes Tuch dabei, das ich mir über die Schulter gelegt habe. Regine Gresens empfiehlt Müttern, sich im Restaurant in eine ruhige Ecke zu setzen. "Ich bin oft in die Bücherei gegangen oder habe die Umkleidekabinen in Kaufhäusern genutzt", erzählt sie. "Auch in vielen Apotheken gibt es ein Zimmer, das man nutzen darf." Auf keinen Fall aber, meint sie, sollte man sich einschüchtern lassen. "Unsicheren Müttern empfehle ich, daheim vor dem Spiegel oder mit dem Partner das diskrete Stillen zu üben und zunächst an Orte zu gehen, wo Stillen normal ist, wie in Stillgruppen oder Rückbildungskursen." Und dann selbstbewusst in die Öffentlichkeit zu gehen. Denn wer seinem Baby die Brust gibt, braucht sich nicht zu verstecken.

Hebammen-Tipps: So vermeiden Sie Still-Probleme

Ob öffentlich oder privat – Mütter können nur entspannt stillen, wenn sie keine Schmerzen haben. Viele Frauen spüren gerade bei den ersten Versuchen, dem Baby die Brust zu geben, ein unangenehmes Ziehen. "Schmerzen sind nicht normal", sagt die Hebamme und Stillberaterin Regine Gresens. "Dann sollte man schnell Hilfe suchen, etwa bei der Hebamme oder einer examinierten Stillberaterin." Ihre Tipps für eine schöne Stillzeit:

1. Die Stillposition: "Viele versuchen anfangs ihr Kind in der Seitenlage zu stillen. Doch das ist die schwierigste Position", sagt Gresens. Besser: "Lehnen Sie sich im Sitzen bequem nach hinten, und legen Sie das Baby bäuchlings auf Ihren Bauch, dann kann es mithilfe seiner Reflexe die Brust selbst gut ergreifen." Ihre Hebamme zeigt Ihnen, wie es geht!

2. Die Technik: Die häufigste Ursache für Schmerzen ist, dass "die Brustwarze nicht tief genug im Mund liegt", sagt die Expertin. Zum korrekten Saugen muss das Baby viel Brust in den Mund bekommen.

3. Die Pflege: Besonders gereizte Brustwarzen brauchen gute Pflege. "Reinigen Sie sie zweimal täglich mit einer pH-neutralen Seife", rät Gresens. Reines Lanolin (Wollfett) kann ebenfalls guttun.

4. Der Milchfluss: "Bei einem Milchstau fließt die Milch besser, wenn Sie die Brust vor dem Stillen mit Wärme behandeln, etwa mit feuchtwarmen Wickeln, Rotlicht oder einer heißen Dusche", rät Gresens. Nach dem Stillen sind kühle Wickel mit Quark oder Weißkohlblättern angenehm.

5. Die Entspannung: "Stillprobleme verursachen Stress, und Stress löst wiederum neue Stillschwierigkeiten aus", sagt Gresens. Aus diesem Kreislauf kommen Mütter nur heraus, wenn sie sich schnell kompetente Hilfe suchen, etwa bei einer Stillberaterin, und kleine Auszeiten gönnen.


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