Die häufigsten Stillprobleme – und ihre Lösung

Schmerzhafter Milchstau, wunde Brustwarzen: Am Anfang treten beim Stillen oft Schwierigkeiten auf. Unsere Expertinnen geben Tipps
von Julia Jung, Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 14.11.2016

Zu Beginn brauchen Mutter und Kind beim Stillen viel Zeit und Geduld

Thinkstock/Stockbyte

Stillen beginnt direkt nach der Geburt. Sobald das Baby auf dem Bauch der Mutter liegt und sich ein wenig von den Strapazen der letzten Stunden erholt hat, fängt das Kleine an zu suchen. Manchmal unternimmt es mit seinen Ärmchen und Beinchen sogar leichte Krabbelversuche in Richtung Brustwarze. Da will es hin. Es kann gar nicht anders.

Guter Start für das Stillen: Gleich nach der Geburt

"Mutter und Kind sollten nach der Geburt erst mal nicht getrennt werden", findet deshalb die Regensburger Hebamme Astrid Giesen, Erste Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes e.V. Sie rät, "beide so lange in Ruhe zu lassen, bis das Baby zeigt, dass es trinken möchte". Doch auch heute noch wird vielerorts das ­Kleine erst abgenabelt und sauber gemacht, bevor es sich auf den Weg zu seiner künftigen Nahrungsquelle machen darf. Hebamme Giesen erklärt das Problem: "Schmerzmittel während der Geburt führen dazu, dass Mutter und Kind manchmal müde sind."

Sie brauchen also einfach mehr Zeit – um sich kennenzulernen und um das Stillen gemeinsam zu beginnen. "Das sollten Eltern auch selbstbewusst einfordern." Auch danach sollten Mütter ihr ­Baby möglichst oft um sich haben: "Wenn das Baby die ersten Tage nach der Geburt regelmäßig angelegt wird, bringt das die Milch am schnellsten zum Fließen", sagt die Münchner Hebamme Saskia Greifenstein. Wenn das ­Kleine ­müde ist: es liebevoll wecken und ­immer wieder geduldig probieren, ihm die Brust schmackhaft zu machen. Wie das geht, zeigt die Heb­amme im Krankenhaus und später zu Hause.

Mit Selbstervertrauen und Geduld Stillen

Es klingt einfach – und ist dennoch manchmal schwierig: "Stillen hat ­in gewisser ­Weise ­seine Natürlichkeit verloren. Frauen heute machen sich zu viele Gedanken und lassen sich zu sehr hin­einreden, anstatt auf sich selbst und ihr Baby zu hören", beklagt Hebamme ­Giesen. Kein Wunder: Vorbilder für entspann­tes Stillen finden Frauen nicht mehr so einfach wie früher. Die ­eigene Mutter oder Großmutter, die einem dazu etwas erzählen könnte, wohnt weit weg oder hat, wie in den 1970er-Jahren nicht selten, mit dem Fläschchen gefüttert.

Dabei ist Stillen ­eine wunderschöne ­­Sache, "die nichts mit dem Kopf, sondern nur mit dem Bauch zu tun hat", sagt Hebamme ­Giesen. Wer sich einen ruhigen, gemütlichen Platz einrichtet, an den er sich zum Stillen zurückziehen kann, erleichtert sich den Start zu Hause. Das ­Baby wird nicht abgelenkt, und Mutter und Kind können sich besser aufeinander einlassen.

 

Tipps zu den häufigsten Stillproblemen

Dennoch bieten gerade die ersten Wochen allerlei Überraschungen, auf die Mütter innerlich oft nicht eingestellt sind. Dass ein Milcheinschuss zum Beispiel ziemlich wehtun kann. Dass manchmal zu viel Milch kommt – und manchmal zu wenig. Dass man vor allem eins braucht: Geduld und Vertrauen in sich und das Baby. Und ein bisschen Know-how für die ersten möglichen Hürden:

Milcheinschuss

Kurz nach der Geburt und die ers­ten Tage trinkt das Baby die soge­nannte Vormilch, das Kolostrum. Diese besonders eiweißreiche Milch ist zum Teil schon während der Schwangerschaft entstanden. Bis die ­eigentliche Muttermilch einschießt, kann es "zwei bis sieben Tage dauern", schätzt Giesen. Oft haben Mütter dann das Gefühl, ihr Kind hungert. "Wenn möglich, sollten Babys jetzt trotzdem kein Fläschchen bekommen, weil sie das verwirrt", sagt Hebamme Greifenstein. "Am besten legen Sie Ihr Baby so oft wie möglich an", rät sie jungen Müttern. Stilltees und zusätzliches Stimulieren mit ­einer Milchpumpe können helfen, dass die Milch leichter fließt.

Milchstau

Wenn die Milch einschießt, wird das Gewebe stark durchblutet und mit Lymphflüssigkeit geflutet. Das Resultat: ­Brüste wie ein Busenwunder, die leider oft schmerzen. Jetzt hilft es, die Brust vor dem Stillen anzuwärmen, etwa mit einem feuchtwarmen Waschlappen und nach dem Stillen zu kühlen, zum Beispiel mit Quarkwickeln. "Dazu eine Mullbinde
in ­einen breiten Streifen falten, fetten Quark daraufgeben und alles auf die Brust legen", erklärt Greifenstein. Das kühlt und kann einer Entzündung vorbeugen.

Das Allerwichtigste jedoch: das Baby häufig anlegen, damit es die Milch abtrinkt. "Milchstaus passieren oft, wenn die Mütter im Stress sind", sagt Astrid Giesen. Halten die Probleme länger als 24 Stunden an, kommt Fieber oder Unwohlsein dazu, sollten Frauen ihre Hebamme oder ihren Frauenarzt um Rat fragen. Es könnte sich um eine Brustentzündung handeln, die gegebenenfalls mit Antibiotika behandelt werden muss.

Probleme mit den ­Brustwarzen

Entzündete Brustwarzen tun weh. Am besten sorgt man dafür, dass es gar nicht passiert. "Das Kind muss ordentlich andocken", sagt Heb­amme Giesen. Richtig machen es Mama und Baby, wenn man nichts hört. "Schmatzt das Baby, ist Luft zwischen Mund und Warze. Das reizt das empfindliche Gewebe", erklärt Greifenstein.

Und wenn sich die Warzen doch entzünden? Dann hilft es, möglichst viel Luft an die wunde Stelle zu lassen. "Bestimmte Salben, ­etwa mit Wollwachs, unterstützen den Heilprozess", erklärt Apothekerin ­Stephanie Nettersheim aus Nürnberg. Manchen Frauen helfen spezielle Kompressen für die Brust, die für ein feuchtes Milieu sorgen.

Und was tun bei zu flachen Brustwarzen? "In der Regel klappt es trotzdem. Das Baby passt sich an", sagt Greifenstein. Manchmal hilft es, die Brust vor dem Anlegen etwas auszustreichen und die Warze sanft herauszuzwirbeln. Funk­tioniert das nicht, gibt es Stillhütchen. Gut zu wissen: Die Größe muss passen, deshalb nachfragen.

Zu wenig oder zu viel Milch

Eigentlich ist der Körper schlau. Er produziert genau so viel, wie das Baby braucht. Aber das kann, ­gerade in Wachstums­schüben, ein bisschen dauern. Ein Tee aus Fenchel, Kümmel und Anis kann milchfördernd wirken. Ebenso hilft viel trinken, das Baby oft anlegen und ­beide Brüste leer trinken lassen. In seltenen Fällen kann es tatsächlich sein, dass eine Frau zu wenig Drüsengewebe besitzt. Dann muss sie zufüttern.

Manchmal haben Frauen aber auch zu viel Milch. Bis sich die Milchmenge reduziert, tun kalte Wickel und Salbeitee gut. Bekommt man das Problem ­­allein nicht in den Griff, "kann der Arzt in seltenen Fällen Prolaktinhemmer verschreiben", so Giesen. "Fast immer genügen Mittel aus der Natur."

 

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Erkältungskrankheiten

"Zum Fiebersenken eignen sich Paracetamol und Ibuprofen", sagt Dr. med. Corinna Weber-Schöndorfer vom Beratungszentrum für Embryonal­toxikologie an der Charité Universitäts­­medizin in Berlin (www.embryotox.de). Bei ­Schnupfen gehen notfalls und kurzfris­tig abschwellende Nasentropfen. Achtung vor pflanzlichen Medikamenten! Salbei ­etwa gilt als milchreduzierend. "Häufig gibt es auch keine Erfahrung mit pflanzlichen Mitteln", so Weber-Schöndorfer. Deshalb sollte man grundsätzlich vor jeder Medikamenten­ein­nahme den Arzt oder Apotheker fragen.

Infektionskrankheiten

"Viele Medikamente sind gut untersucht. Penicilline und Cephalosporine sind die Antibiotikagruppen der Wahl in der Stillzeit", sagt die ­Expertin. Mütter müssen also nicht immer abstillen, wenn sie ein Antibiotikum brauchen. "Manchmal hat das Baby während der Behandlung ­einen ­etwas weicheren Stuhl", so die Ärztin.

Chronische Erkrankungen

"Für die meisten chronisch erkrankten Patientinnen findet man ein geeignetes Medikament, das auch in der Stillzeit einsetzbar ist", sagt Weber-Schöndorfer. "In seltenen Fällen, etwa bei Kombination bestimmter Psychopharmaka, müssen Mütter aber abstillen." Die Expertin rät dazu, möglichst Medikamente zu nehmen, die schon länger auf dem Markt sind, weil es damit mehr Erfahrungen gebe.



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