Wie gefährlich ist Zahnfleischbluten für Schwangere?

Viele Erwachsene haben Parodontitis. Besonders Schwangere sind anfällig für die Entzündung des Zahnbettes. Aber steigt damit wirklich das Fehlgeburtsrisiko?

von Nadja Katzenberger, aktualisiert am 20.06.2017
Frau bei der Zahnpflege

Das Zahnfleisch ist bei Schwangeren oft empfindlicher und blutet leichter


Als sich in den weißen Schaum der Zahnpasta bei jedem Zähne­putzen Blut mischte, wurde Andrea Bauer* aus Würzburg stutzig. Zahnfleischbluten ­­hatte sie vorher noch nie. Eigentlich ­hatte die 30-Jährige anderes im Kopf. Sie war in der 16. Woche schwanger mit ­ihrem ersten Kind, und noch ­immer war ihr täglich übel. Aber die Routine-Kon­trolle beim Zahnarzt stand ohnehin an, also vereinbarte Andrea ­Bauer ­einen Termin. Und bekam um­gehend die ­­Diagnose: Parodontitis, auch Parodon­tose genannt.

Zahnfleischbluten ist meist das einzige Anzeichen. "Bis es schmerzt oder Zähne locker werden, ist die Parodon­titis schon sehr weit fortgeschritten", sagt Dr. Chris­tof Dörfer, Professor an der Universitätsklinik in Kiel und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie. So weit ist es bei Andrea Bauer zum Glück nicht gekommen – bis zur Geburt ihres Sohnes sah sie ihren Zahnarzt regel­­mäßig, zur Zahnreinigung und Kontrolle.

Prof. Christof Dörfer

So entsteht Parodontitis

Hauptursache ist eine Infektion mit Bakterien. Schädliche wie unschädliche besiedeln die Mundhöhle. "Geraten die schädlichen Bakterien in die Überzahl, produzieren sie Giftstoffe und verur­­sachen eine Entzündung", erklärt Dr. Kristiane Wolters, Zahnärztin aus München. In der Schwangerschaft wird durch die Hormonumstellung das ­­Gewebe weicher, und die Bakterien dringen leichter ins Zahnfleisch ein. Es schwillt an und blutet beim Zähneputzen oder wenn man Zahnseide benutzt.

Bleibt die Entzündung unbehandelt, entstehen ­sogenannte Zahnfleischtaschen: das Zahnfleisch, das sonst wie ein fester Kragen den Zahn umschließt, löst sich, und es entstehen tiefe Furchen. Dort sammeln sich die Bakterien. Auch wer gründlich putzt, erreicht sie mit der Zahnbürste nicht. "Bei fortgeschrittener Parodontitis bildet sich das Zahnfleisch sogar zurück, die Zähne erscheinen dann größer, weil die Zahnhälse frei liegen", so Wolters. Langfristig droht Zahnverlust.

Dr. Kristiane Wolters

Welche Risiken drohen für Schwangere?

Nicht ­jede werdende Mutter ist gefährdet. Zu den Risiko­faktoren gehören vor allem Stress, Rauchen und mangelhafte Mundhygiene. "Dazu kommen genetische Faktoren. Einige Menschen reagieren stärker auf die Bak­terien in der Mund­höhle als an­dere", sagt Christof Dörfer. "Bei manchen Patienten bleibt es bei ­einer Zahnfleischentzündung, andere entwickeln schnell eine Parodontitis. Warum das so ist, können wir leider noch nicht genau sagen", fügt der Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie in Kiel hinzu.

Frü­here Studien sahen hier ­einen Zusammenhang zwischen ­Parodontitis und einem erhöhten Fehl- und Frühgeburtsrisiko. "­Neuere und größere Untersuchun­gen aber liefern keine Anhaltspunkte, dass ­eine Parodontitis Früh- oder Fehlgeburten auslöst", sagt Christof Dörfer. ­Immer wieder gibt es auch ­Hinweise, ­eine Paro­dontitis würde sich auf die Empfängnisfähigkeit aus­wirken – das konnten Studien bisher nicht be­legen. "Wer länger versucht, schwanger zu werden, justiert ­alles, da gehört auch die Kontrolle der Mundgesundheit dazu", sagt die Zahnärztin.

Wie der Zahnarzt Parodontitis behandelt

"Werdende Mütter sollten auf jeden Fall im ersten Drittel der Schwangerschaft eine Kontrolle beim Zahnarzt vereinbaren", sagt Kristiane Wolters. Dieser stellt fest, ob das Zahnfleisch geschwollen ist und blutet. Er kann mit speziellen Sonden Zahnfleischtaschen erkennen und messen, wie tief sie sind. Lautet die Diag­nose Parodon­titis, sollte sie im mittleren Schwangerschaftsdrittel behandelt werden, da sich die Entzündung in der Endphase der Schwangerschaft durch die hormonellen Veränderungen deutlich verschlimmern kann. "Eine Behandlung im zweiten Schwangerschaftstrimester gilt als unbedenklich", sagt Dörfer.  

Extrem wichtig ist die Nach­sorge, denn die Zahnfleisch­taschen bleiben. Sie sind durch die Behandlung zwar abgedichtet, doch mit einer neuen Entzündung geht alles wieder von vorne los. Wer schon einmal betroffen war, sollte abhängig vom individuellen Risiko Zähne und Zahnfleisch zwei- bis viermal im Jahr kontrollieren lassen.

Parodontitis konsequent vorbeugen

"Das Zahnfleisch ist immer ein Spiegel unserer Gesundheit und zeigt auch das Entzündungspotenzial des Körpers", sagt Zahnärztin Wolters. Jeder sollte alle zwei ­Jahre ein sogenanntes parodontales Screening machen lassen, bei dem der Gesundheitszustand des Zahnhalte­apparates überprüft wird – die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür.

Am wichtigsten ist gute Zahnpflege: Mindestens zweimal täglich die Zähne putzen und die Zwischenräume gründlich mit Inter­dentalbürsten und mit Zahnseide reinigen. Eine professionelle Zahnreinigung, ein- bis zweimal pro Jahr, gilt als sinnvoll: "Ihr Nutzen ist in ­Studien nicht vollends bewiesen, aber niemand putzt so perfekt, dass er im Mund ­jeden Winkel erreicht", sagt Ex­­perte Christof Dörfer.

Andrea Bauer achtet mittlerweile akribisch auf ihre Zahn­pflege. Das zahlt sich auch aus: Ihr Zahnfleisch ist gesund, das Blut im Zahnpasta-Schaum Vergangenheit.

 

*Name von der Redaktion geändert


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