Viele Schwangere finden keine Hebamme

Gesetzlich versicherte Frauen haben nach der Geburt ihres Kindes Anspruch auf eine Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme. Nur: Viele finden keine. Wichtige Tipps
von Julia Schulters, 11.08.2016

Nachsorge: Schwangere müssen oft lange nach einer Hebamme suchen

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Wunde Brustwarzen, Babyblues, Nabelpflege – das alles klingt für die meisten Frauen noch weit weg, wenn sie gerade einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten. Aber irgendwann ist es da, das Wochenbett, und die meisten Mütter sind froh, wenn sie dann von einer Hebamme zu Hause betreut werden. Zweimal am Tag kann die Hebamme in den ersten zehn Tagen nach der Geburt kommen, danach zahlt die Krankenkasse weitere 16 Hausbesuche, bis das Kind zwölf Wochen alt ist. Bei Stillschwierigkeiten oder Ernährungsproblemen können sich Eltern auch später noch an ihre Hebamme wenden.

Nachsorge-Hebamme suchen: Je früher, desto besser

"Theoretisch klingt das alles wunderbar", sagt die Münchner Hebamme Claudia Lowitz. Fakt sei aber auch: Viele Frauen finden überhaupt keine Hebamme für die Wochenbettbetreuung. "Wer sich nicht früh in der Schwangerschaft meldet, hat in großen Städten oft keine Chance", ist Lowitz überzeugt. Früh genug bedeutet in Ballungszentren wie München, Frankfurt, Hamburg oder Berlin: Sofort nach dem positiven Schwangerschaftstest. "Aber auch in vielen kleineren Städten oder auf dem Land sollten sich Frauen spätestens bis zur 12. Schwangerschaftswoche eine Nachsorge-Hebamme suchen", sagt Lowitz. Und selbst dann könne es – etwa während der Ferienzeit – schwierig werden.

"Das Problem hat sich in den letzten Jahren verschärft", sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbands. Durch die enormen Haftpflichtprämien in der Geburtshilfe haben sich viele Hebammen ganz aus ihrem Beruf zurückgezogen. "Viele Kolleginnen arbeiten nur wenige Stunden, um nicht sozialversicherungspflichtig zu werden", sagt sie. Gemessen am Mehraufwand, den hohen Kosten und der vergleichsweise geringen Vergütung sei das für viele mittlerweile lukrativer, als Vollzeit zu arbeiten und sich selbst zu versichern. Dazu kommt: Hohe Mieten, wie etwa in München, lassen sich mit einem Hebammengehalt nicht mehr finanzieren. Und das, obwohl es gerade in vielen Großstädten derzeit einen regelrechten Babyboom gibt.

Dilemma der Nachbetreuung: Weniger Lohn für mehr Aufwand

Dabei habe sich die Zahl derer, die sich in der Wochenbettbetreuung engagieren, in der letzten Zeit sogar erhöht, sagt Giesen. Nicht zuletzt, weil viele wegen der hohen Haftpflichtkosten aus der Geburtshilfe ausgestiegen sind und sich auf die Nachsorge konzentrieren. Aber: "Die Wochenbettbetreuung ist zeitaufwendiger geworden", erklärt die Verbandsvorsitzende. "Noch vor zehn Jahren blieben die Frauen nach der Geburt sechs Tage im Krankenhaus." Die frühe Wochenbettbetreuung inklusive Stillberatung habe damals in der Klinik stattgefunden. "Früher sind Hebammen im Schnitt sechs Mal bei einer Wöchnerin gewesen. Heute machen sie mehr als das Doppelte an Hausbesuchen."

Claudia Lowitz, Partnerin in einer Münchner Hebammenpraxis, kennt dieses Zeitproblem. "Wir können uns nicht zerreißen", sagt sie. Mehr als sechs Wöchnerinnen gleichzeitig kann sie nicht betreuen. Rund eine Stunde plant die Hebamme für einen Hausbesuch ein, oft dauert es länger. Dazu kommen die Anfahrt und Wochenendarbeit – Arbeitszeit, "die in unseren Augen kaum leistungsgerecht bezahlt wird", sagt Lowitz. Täglich bekommt sie zurzeit neue Anfragen von Schwangeren, die händeringend nach einer Hebamme fürs Wochenbett suchen – fast allen muss sie absagen. "Viele haben bis dahin 30, 40 Hebammen erfolglos abtelefoniert und sind richtig verzweifelt", erzählt Lowitz. Nicht selten fließen Tränen.

Keine Hebamme gefunden: Was tun, wenn die Geburt ansteht?

Sie rät Frauen, die bis zur Geburt keine Wochenbettbetreuung gefunden haben, das Problem im Kreißsaal anzusprechen. "Viele Kolleginnen in der Klinik machen zusätzlich Wochenbettbetreuungen", weiß sie. Auch in Hebammenpraxen stehen die Chancen nicht schlecht. Die Geburtshelferinnen sind untereinander vernetzt und vertreten sich. Manche Hebammenlandesverbände führen Listen mit Telefonnummern von Hebammen oder haben auf ihrer Internetseite eine Suchfunktion eingerichtet. Unter: www.hebammensuche.bayern etwa können Hebammen auch ihre Verfügbarkeiten eintragen. Dort lohne es sich immer mal wieder nachzuschauen, ob sich was verändert hat, sagt Giesen.

Findet sich keine Betreuung, können ambulante Hebammensprechstunden in Familienzentren oder Hebammenpraxen eine Lösung sein. "Dort können Frauen ihr Kind wiegen lassen oder bei Stillproblemen um Rat fragen", sagt Giesen. Optimal findet sie die Lösung nicht: "Mutter und Kind gehören die ersten Tage nach der Geburt nach Hause und sollten nicht durch die Gegend fahren." Auch befürchtet Giesen, dass psychische Probleme unerkannt bleiben. "Zehn Prozent aller Wöchnerinnen haben eine Wochenbettdepression", sagt sie. "Diese Frauen werden sich sicher nicht an eine ambulante Hebammensprechstunde wenden." Claudia Lowitz hält eine fehlende Wochenbettbetreuung zudem für gefährlich. "Was ist, wenn die Gelbsucht eines Neugeborenen zum Beispiel nicht erkannt wird oder der Nabel sich entzündet?"

Wie Astrid Giesen appelliert sie an betroffene Frauen, Politik und Krankenkassen auf ihre Not aufmerksam zu machen – durch einen Brief, einen Anruf oder eine E-Mail. Der Deutsche Hebammenverband hat eine Landkarte der Unterversorgung erstellt. Unter www.unsere-hebammen.de/ mitmachen/unterversorgung-melden können sich Schwangere eintragen, wenn sie keine Hebamme gefunden haben. Rund 5300 an über 1500 Orten haben das bisher getan. Täglich kommen mehr dazu.


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