Verdrängte Schwangerschaft: Nicht selten

Manche Frauen merken erstaunlich spät, dass sie schwanger sind. Wie sie damit klarkommen, erklärt Gynäkologe und Psychotherapeut Dr. Peter Rott im Interview
von Annett Zündorf, 09.02.2017

Stress im Job und privat: Manche Frauen verdrängen da, dass sie schwanger sind

W&B / Claudia Meitert

Herr Rott, wann kommen Frauen im Durchschnitt zu Ihnen, weil sie vermuten, schwanger zu sein?

Die meisten Frauen kommen ­zwischen der siebten und der neunten Woche zu uns. Dann ist die Menstruation ausgeblieben, und viele ­haben schon einen Schwangerschaftstest zu ­Hause gemacht. Die wissen schon Bescheid.

Manche Frauen bemerken aber nichts. Wie häufig kommt das vor?

Unerkannte oder verdrängte Schwangerschaften sind gar nicht so selten. Eine von 500 Frauen bemerkt erst nach der 20. Woche, dass sie schwanger ist. Bei manchen dauert es sogar bis zur Geburt. Dann werden Frauen mit Bauchschmerzen in der Notaufnahme eingeliefert und halten kurz darauf ein Kind im Arm. Das passiert bei einer von 2500 Geburten und kommt damit häufiger vor wie die Geburt von Drillingen.

Dr. Peter Rott arbeitet als Gynäkologe und Psychotherapeut in Berlin

W&B/Privat

Was sind das für Frauen, die so eine einschneidende Veränderung nicht mitbekommen?

Da gibt es keinen Stempel. Man ist nicht un­normal, wenn man diese Veränderungen nicht bemerkt. Das gibt es bei ­jungen und älteren Frauen, bei Lehrerinnen, bei Verkäuferinnen und welchen Beruf Sie sich vorstellen ­mögen – diese Frauen kommen aus allen sozialen und intellek­tuellen Schichten. Studien zeigen nur, dass es sehr ­junge Frauen und Frauen, die denken, sie wären schon in den Wechsel­jahren, etwas häufiger trifft. Die meisten ­leben in einer Partnerschaft und haben schon Kinder.

Aber der wachsende Bauch, die Bewegungen des ­Babys, die Gewichtszunahme, die ausbleibende Periode – wie kann man das übersehen?

Wir alle versuchen, Dinge rational zu erklären. Die meisten Frauen mit einer unerkannten oder verdrängten Schwangerschaft denken erst an andere Lösungen: Das Gewicht steigt, und die Hose wird enger – ,Mist, zu viel gegessen, schnell eine Diät‘. Das Kind tritt und bewegt sich – ,Bestimmt verursacht eine Laktose­intoleranz oder das ungesunde Essen diese schrecklichen Blähungen‘. Die Periode bleibt aus – ,Das macht der Stress, und außerdem war die schon immer unregel­mäßig‘. ­

Eine Schwangerschaft passt nicht in ihren Lebensplan. ­Wegen des Berufs, der Ausbildung, weil sie ge­rade vom Partner getrennt leben oder schon mehrere Kinder haben. Zudem haben einige der Frauen noch sehr lange eine Art Periode, etwa sehr unregelmäßige Blutungen. Der Bauch wird unbewusst eingezogen. Das Kind ist kleiner, weil sie rauchen oder sich nicht gesund ernähren. Manche sind übergewichtig, sodass eine Schwangerschaft gar nicht auffällt. Und kommt doch ein Gedanke an eine mögliche Schwangerschaft auf, verdrängen ihn die meisten gleich wieder.

Und Familie, Partner, Ärzte bekommen auch nichts mit?

Es ist nicht, was nicht sein darf. Selbst wenn jemand fragt: ,Bist du vielleicht schwanger?‘ – und die Frau sagt: ,Nein, auf keinen Fall‘ –, dann ­glauben die Leute das. Auch Ärzte sind davor nicht gefeit. Wenn die Patientin sagt, sie ist nicht schwanger, dann ist sie es nicht. Dann sucht man nach anderen Ursachen für ihre Beschwerden.

Oft bleibt nicht viel Zeit, sich mit der ­Rolle als Mutter anzufreunden. ­­Entscheiden sich die Frauen öfter dafür, ihr Baby zur Adoption freizugeben?

Nein. Mehr als 80 Prozent der Frauen behalten es.

Wie ist die Beziehung zu ihrem Kind nach der Geburt?

Für die meisten Frauen wird alles gut. Sie hatten ein biss­chen Zeit, sich an den Gedanken, Mutter zu werden, zu gewöhnen. Und von der Geburt wird jede Frau über­fallen, egal wie lange sie sich vorbereiten­ kann. Meist läuft dann ­alles harmonisch. Frauen, die erst ­während der Geburt von ihrer Schwangerschaft erfahren, benötigen aber Unterstützung. ­Ihnen hilft vor allem eine Psychotherapie, um die Geburt und die plötzliche Mutterschaft besser zu verarbeiten.


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