Symphysenlockerung: Schmerz im Becken

Ein Ziehen im Becken tritt bei vielen Schwangeren auf. Doch manchmal ist eine Symphysenlockerung auch besonders schmerzhaft. Was Experten raten
von Marian Schäfer, aktualisiert am 17.01.2017

Viele Schwangere spüren ein Ziehen im Becken – manche sogar richtige Schmerzen

Fotolia/Monkey Business

Als der Schmerz sie zum ers­ten Mal aus dem Schlaf riss, war Stefanie Engelmann (Name von der Red. geändert) gerade im fünften Monat schwanger. "Wenn ich auf der linken Seite lag, stach und brannte es in der Schambeingegend", erinnert sich die 28-Jährige. Zunächst half einfaches Umdrehen. "Aber irgendwann war der Schmerz auf beiden Seiten", sagt sie. Im Fünf-Minuten-Takt wälzte sich die Berlinerin von Seite zu Seite, bekam kaum ein Auge zu. Auch tagsüber konnte sie sich immer schlechter bewegen: Treppensteigen und längeres Gehen wurden zur Qual, selbst das Sitzen schmerzte.

Schwangerschaft: Beckengürtel lockert sich

Ihr Frauenarzt fand den Grund für die Schmerzen schnell: eine übermäßige Lockerung der Symphyse, also der winzigen, bandscheibenartigen Verbindung zwischen den beiden Beckenhälften (siehe Grafik unten). Dass sich während der Schwangerschaft der gesamte Beckengürtel lockert, ist normal.

Ulla Henscher führt eine Praxis für Physiotherapie in Hannover und ist auf Funktionsstörungen im Becken spezia­lisiert

W&B/Privat

Der Körper stellt sich auf die Geburt ein und schüttet das Hormon Relaxin aus. Es wirkt auf ­alle Bänder im Becken und sorgt für Elastizität – insbesondere im Bereich der Symphyse. Das ist eine Knorpelverbindung vorne zwischen den beiden Beckenhälften, die auch Schambeinfuge genannt wird. Während der Schwangerschaft weitet sie sich durch den Hormoneinfluss. Gleiches gilt für die winzigen Fugen in den sogenannten Iliosakralgelenken zwischen Darm- und Kreuzbein.

"Schmerzhaft wird es, wenn die Stabilität des Beckens nicht mehr gegeben ist, die Beckenhälften also gewissermaßen zu viel Spiel haben, die Symphyse gedehnt wird und eine Reizung entsteht", sagt Doris Scharrel, die Frauen­ärztin in Kronshagen ist.

Dr. med. Doris Scharrel ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Sie hat ihre Praxis in Kronshagen

W&B/Privat

Vielen Schwangeren schmerzt das Becken

Schmerzen spüren bei diesem natürlichen Lockerungsprozess laut Studien bis zu 50 Prozent der Schwangeren. Weil der gesamte Beckengürtel betroffen ist, können die Beschwerden sowohl vorne am Schambein als auch im Rücken entstehen und bis in die Beine ziehen. "Bei mir fing es vorne an und wanderte dann nach hinten", erzählt Stefanie Engelmann. "Irgendwann fühlte ich mich wie eine Mischung aus Quasimodo und Pinguin."

So gravierend wie bei der Berlinerin sind die Schmerzen aber selten: Studien zufolge leiden zwischen zwei und fünf Prozent der Schwangeren so stark wie sie. "Nicht alle haben das volle Programm", meint auch Ulla Henscher. Die Physiotherapeutin aus Hannover sagt zudem, dass Schmerzen manchmal auch erst nach der Geburt auftreten. Etwa, wenn Frauen ein sehr großes Kind zur Welt bringen und sich die Symphyse dabei zu stark dehnt. Auch eine Geburt in Rückenlage gilt als belastend – anders als etwa im Vierfüßlerstand.

Zu locker: Die Ilio­sakralfugen und die Sym­physe halten die Beckenhälften zusammen. In der Schwanger­schaft weiten sich diese Verbindungen. Ist die Lockerung zu stark, bereitet das heftige Schmerzen (zum Vergrößern der Grafik auf Lupe klicken)

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Lockere Symphyse: Risikofaktoren

Lediglich einige Risikofaktoren gelten für Schwangere als belegt: frühere Rückenprobleme, Verletzungen der Hüfte und arthritische Gelenksentzündungen. Zu möglichen anderen Faktoren wie zum Beispiel Rauchen, körperlich harter Arbeit, Übergewicht oder der Gewichtszunahme während der Schwangerschaft kommen Studien hingegen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

"Oft wiederholen sich die Probleme in der Folgeschwangerschaft, treten oft sogar schneller und heftiger auf", sagt ­­Doris Scharrel. Die Gynäkologin hält auch die Fitness der Frauen für ­einen wichtigen Faktor und rät vor und während der Schwangerschaft zu regelmäßigem Sport. Zudem warnt sie davor, zu schnell und zu viel an Gewicht zuzulegen – besonders dann, wenn Frauen vor oder nach einer Geburt schon einmal Probleme im Beckenbereich hatten.

Sport könnte Hüftschmerzen vorbeugen

Belegt ist der schützende ­Effekt von Bewegung nicht. "Aber dass Sport die Durchblutung fördert, sich oft positiv auf das Binde­gewebe auswirkt und ­­Muskeln den Körper stabilisieren, weiß man", sagt Physiotherapeutin Henscher. Für sie ist Stabilisation ein "großes Thema" und für Frauen, die bereits unter Schmerzen leiden, auch eine Möglichkeit der Therapie. Helfen könnten zum Beispiel Übungen, mit denen sich die Beckenboden-, Gesäß- und Rumpfmuskulatur auch zu Hause stärken lässt (­siehe unten). Henscher und ­Scharrel raten auch dazu, Schwimmen, (Wasser-)Gymnas­­tik oder ­eine indi­viduelle Physiotherapie auszuprobieren. "Stabilisie­rend und oft schmerzlindernd können auch Beckengürtel sein", sagt Frauenärztin Scharrel. Ebenso kann Akupunktur positiv wirken.

Bei Schmerzen bestimmte Bewegungen vermeiden

Worauf Frauen außerdem achten sollten: "Bestimmte Dinge vermeiden", betont Ulla Henscher. Zwickt es in der Symphysengegend, sind häufiges Treppensteigen und schweres Heben schlecht. Unterlassen sollten Frauen dann auch Spreiz- und Scherbewegungen. Der Schneidersitz und große ­­Schritte sind also tabu. Um die ­Symphyse zu entlasten, legen ­Schwangere beim Schlafen einfach ein Still­kissen zwischen die Beine.

Stefanie Engelmann vermied nicht nur das Schleppen des Wocheneinkaufs – sie stellte anfangs auf totale Schonung um. "Ein Fehler", meint sie. "Es ist eine Spirale: Wegen der Schmerzen macht man weniger, wodurch die Schmerzen noch schlimmer werden und man noch weniger macht." Und zu den körperlichen Problemen kamen mit der Zeit psychische: "Ich hatte­ Angst, dass bei der Geburt die Symphyse und das Becken reißen und ich wochenlang ausfalle", sagt die junge Mutter.

Nach der Geburt: Rückbildung dauert etwas

Horrorgeschichten gab es im Internet schließlich genug. Frauenärztin Scharrel hält diese aber für Humbug: "Das kann bei einer natürlichen Geburt nicht passieren", sagt sie. In jedem Fall aber vergehe eine längere Zeit, bis die Frauen wieder beschwerdefrei seien: "Es dauert locker ein halbes Jahr, bis sich allein das Binde­ge­webe wieder zurückgebildet hat."

Die Geburt verlief bei Stefanie Engelmann schließlich problemlos, und auch die Symphysenschmerzen waren schnell besser. "Aber auch eineinhalb Jahre nach der Entbindung zwickt es manchmal noch."


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