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Sollen Schwangere Vitamin D nehmen?

Eine gute Versorgung mit Vitaminen ist in der Schwangerschaft wichtig. Vitamin D einzunehmen ist aber nicht immer sinnvoll

von Daniela Frank, aktualisiert am 01.02.2019
Schwangere Frau

Sonnenlicht fördert die Bildung von Vitamin D im Körper


Sonnenstrahlen auf der Haut: Das fühlt sich nicht nur gut an, das ist in Maßen auch gesund. Denn unsere Haut bildet mithilfe von Sonnenlicht Vitamin D. Das braucht unser Körper für den Knochenaufbau. Fehlt es, droht Erwachsenen beispielsweise Osteoporose und Kindern die sogenannte Rachitis, die mit Knochenverformungen einhergeht. Deshalb bekommen Babys im ersten und gegebenenfalls auch noch im zweiten Lebensjahr Vitamin D verabreicht. Diskutiert wird immer wieder, ob Vitamin D außerdem das Risiko für Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes oder Krebs reduzieren kann. Wissenschaftlich bewiesen ist dies jedoch bisher nicht.

Wie viel Vitamin D braucht der Mensch?

Zumindest scheint es gut zu sein, wenn der Körper ausreichend mit Vitamin D versorgt ist. Doch was heißt ausreichend? Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) spricht man bei einem Wert von unter 30 Nanomol pro Liter (nmol/l) von einem Vitamin-D-Mangel. Für eine gute Vitamin-D-Versorgung ist laut BfR ein Spiegel von mindestens 50 nmol/l notwendig. Geht man von dem 30 nmol/l-Wert aus, hätten laut Robert Koch-Institut etwa 15,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung einen Mangel. Es beruft sich dabei auf die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS 1), die zwischen 2008 und 2011 durchgeführt wurde. Keine optimale Versorgung, also einen Wert unter 50 nmol/l hat demnach mit 56 Prozent mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland.

Weitgehend übereinstimmend sagen Experten: Der höhere Wert von 50 nmol/l ist wünschenswert – doch eben diesen erreichen die meisten nicht. "Bei Schwangeren liegt der Spiegel generell noch etwas niedriger", sagt Prof. Dr. Franz Kainer, Chefarzt der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Klinik Hallerwiese und Mitglied der Weiterbildungskommission der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG).

Eindeutige Ergebnisse fehlen noch

Legt man einen Vitamin-D-Spiegel von weniger als 50 nmol/l bereits als Mangel aus, erreichen laut deutschen Studien 80 bis 90 Prozent der Schwangeren den gewünschten Spiegel – besonders im Winter, wenn die Sonne wenig scheint – nicht. Was bedeutet das für die Praxis? Sollen nun alle Schwangeren vorsorglich Vitamin-D-Präparate einnehmen? Manchmal wird das derzeit wohl so interpretiert. "Leider wird in ärztlichen Lehrbüchern teilweise großzügig empfohlen, Vitamin D zu substituieren", sagt Kainer. Auch auf Kongressen werde das oft so wiedergegeben. "Wenn man sich aber praktische Studien anschaut, ist das so nicht haltbar. Eindeutige Ergebnisse, die man für eine solche Empfehlung bräuchte, gibt es nicht."

Vitamin D und Krankheiten: Was ist Henne, was Ei?

Es tauchen immer wieder Studien auf, die einen möglichen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel und einem höheren Risiko für bestimmte Schwangerschaftskomplikationen nennen. So wurde ein Mangel an Vitamin D bereits mit Schwangerschaftsdiabetes, Frühgeburten und der manchmal als Schwangerschaftsvergiftung bezeicheten Präeklampsie in Verbindung gebracht. Aber verursacht der Vitamin-D-Mangel auch diese Erkrankungen? Zunächst sind es lediglich Phänomene, die offenbar gehäuft zusammen auftreten. Gesicherte Belege für einen ursächlichen Zusammenhang gibt es nicht. Manche Studien kommen zu anderen Ergebnissen und oft ist nicht klar, was Henne, und was Ei ist.

Ein Beispiel: Einige Studien haben gezeigt, dass bei Frauen mit niedrigem Vitamin-D-Spiegel häufiger Gestationsdiabetes auftritt. Stellt sich die Frage: Ist fehlendes Vitamin D dafür mitverantwortlich? Das lässt sich derzeit nur schwer beantworten. Man weiß, dass zum Beispiel Übergewichtige und Raucher eher einen niedrigeren Vitamin-D-Spiegel aufweisen. Und Schwangere, auf die diese Faktoren zutreffen, haben ein höheres Risiko für Gestationsdiabetes. Ob wenig Vitamin D und höheres Diabetesrisiko aber nur zusammen auftreten, weil sie dieselben Risikofaktoren haben, oder ob sie sich gegenseitig beeinflussen, ist nicht klar.

"Es wäre schön, wenn man sagen könnte: Du brauchst dich nicht bewegen oder gesund ernähren – nimm einfach ein bisschen Vitamin D, dann hast du kein Risiko für Schwangerschaftsdiabetes", sagt Kainer. Aber es ist genau andersherum: Um Schwangerschaftsdiabetes vorzubeugen, sind gesunde Ernährung, Nichtrauchen und regelmäßige Bewegung wichtig. "Ob dann eine zusätzliche Vitamin-D-Einnahme etwas bringt oder nicht, dazu fehlen noch Studien", sagt der Experte. Dabei muss untersucht werden: Treten die Krankheiten seltener auf, wenn Schwangere ein Vitamin-D-Präparat einnehmen? Und wenn ja, welche Dosis bietet den größten Effekt?

Hat Vitamin D Nebenwirkungen?

Es gibt auch Hinweise, dass ein hoher Vitamin-D-Spiegel unerwünschte Folgen haben könnte. Zum Beispiel hat eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aus dem Jahr 2013 ergeben, dass Kinder von Schwangeren, die einen hohen Vitamin-D-Spiegel aufwiesen, später häufiger unter Nahrungsmittelallergien litten als andere. "Ob da wirklich ein Zusammenhang besteht und welcher, muss man noch genauer untersuchen", sagt Kainer. Aber das Ergebnis macht klar: "Wenn wir jetzt Schwangeren flächendeckend empfehlen, Vitamin D einzunehmen, könnte es sein, dass sich in fünf Jahren herausstellt, dass das doch keine gute Idee war." Bevor die Zusammenhänge nicht ausreichend geklärt sind, plädiert er für Zurückhaltung.

Klar ist: Studien müssen her, die Daten liefern, ob und in welchem Maß eine Vitamin-D-Einnahme für Schwangere sinnvoll ist. Zu demselben Ergebnis kommt die 2013 im Fachmagazin Gesundheitswesen erschienene Arbeit "Medikamentöse Krankheitsprävention mit Vitamin D – Epidemiologische Evidenz am Beispiel von Komplikationen im Verlauf der Schwangerschaft und bei der Geburt". Die Forscher Kirschner und Dudenhausen fordern darin "dringend belastbare epidemiologische Studien" sowie "klare Handlungsanleitungen im Interesse der Schwangeren". "Eine entsprechende Studie ist derzeit an der Uni Gießen geplant", sagt Kainer.

Vitamin D nehmen oder nicht – was gilt derzeit?

Und in der Zwischenzeit? "Ich rate – und diese Haltung vertritt auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe – allen Schwangeren zu gesunder Ernährung und regelmäßiger Bewegung im Freien. Das ist sinnvoller, als einfach Vitamin D einzunehmen." Ihr Gynäkologe könne sie dazu im Einzelnen beraten. "Menschen, die ein erhöhtes Risiko für Krankheiten haben, die mit einem Vitamin-D-Mangel assoziiert sind, sollten eventuell zusätzlich ein entsprechendes Präparat einnehmen. Das sind zum Beispiel Übergewichtige, Raucher – die es ja unter Schwangeren nicht geben sollte – und solche, die sich wenig bewegen oder die bereits unter Schwangerschaftsdiabetes leiden." Zur Dosierung könne der behandelnde Arzt Auskunft geben. Mit ihm sollten Schwangere die Einnahme grundsätzlich abstimmen, denn er kann auch zu eventuell notwendigen sonstigen Nahrungsergänzungsmitteln in der Schwangerschaft beraten und geeignete Präparate verordnen.


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