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Schwangerschaftstagebuch: Letzter Urlaub vor der Pandemie

Eigentlich wollte unsere Autorin Julia Dettmer in Ruhe ihrem Babybauch beim Wachsen zusehen. Dann kam das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Folge #1: Urlaub ja oder nein?

von Julia Dettmer, 28.04.2020

Während die Morgennachrichten an einem Sonntag im Januar 2020 schon wieder von China, Wuhan und Coronainfizierten berichteten, erschien auf dem Display meines Schwangerschaftstests meine persönliche Schlagzeile: SCHWANGER stand da in Großbuchstaben, als ich gerade meine Zähne putzte. "Oh. Mein. Gott!!!", dachte ich nur, putzte aber wie ein Roboter zu Ende. So, jetzt kurz sammeln und Corona erst mal vergessen. Dass dieses neue Virus bald unser aller Leben beeinflussen würde, war an diesem grau-kalten Morgen Mitte Januar noch nicht abzusehen.

Zitternd vor Aufregung hielt ich meinem Mann wortlos den Test vors Gesicht. Er schaute mich mit großen Augen an. Zog mich sofort zu sich und freute sich wie ein Schnitzel. Dann ließen wir die frohe Neujahrsbotschaft erst mal sacken. Doch schon im nächsten Moment fiel mir siedend heiß ein, dass ich in ein paar Tagen in den Urlaub fliegen wollte. Ohne meinen Mann, der konnte sich nicht frei nehmen. Dafür mit meiner jüngeren Schwester. Gebucht waren längst zwei Wochen Sri Lanka, der Inselstaat südöstlich Indiens, weil ich dort schon mal war und seitdem immer wieder von diesem faszinierenden Land schwärmte. Strand, Palmen und Sonne – mehr Anforderungen an unser Urlaubsziel hatten wir nicht.

Zweifel an den Urlaubsplänen

Doch sollte ich in der achten Schwangerschaftswoche so weit fliegen? Der lange Flug würde zwar von einem Zwischenstopp in Muskat (Oman) unterbrochen werden, doch ganz ohne war die Flugstrecke nicht. Ich schmiss den Computer an und gab "Fehlgeburtsrisiko oder Fehlbildungen bei Langstreckenflug" in die Suchmaschine ein. Doch wie es oft ist, wenn man panisch nach eindeutigen Antworten sucht: Manche Websites rieten von weiten Flügen in der Frühschwangerschaft ab, andere schätzten das Risiko gering ein.

Und dann war da ja auch noch das Virus. Sollte ich fliegen, wenn in Asien bereits jetzt Menschen an den Folgen dieser Virusinfektion starben? Mein Bauch grummelte ein bisschen, mein Herz wurde beim Gedanken an eine Stornierung der Reise bleischwer. Ich vertagte sie auf den Besuch bei meiner Gynäkologin. Ich würde ihr einfach all meine Bedenken schildern und dann nach ihrem Rat entscheiden.

Sofort zur Gynäkologin

"Ich mache sofort einen Termin bei meiner Gynäkologin", platzte es aus mir heraus. "Ich bin gespannt, ob die Ärztin schon was sieht", antwortete mein Mann. Könnte die Ärztin etwa nichts sehen? Hieße das, das Baby sei ganz früh abgegangen? Solche Gedanken schossen mir durch den Kopf und raubten mir in der Nacht den Schlaf. Am Montagmorgen, um Punkt 8 Uhr rief ich meine Ärztin an und hatte Glück: Sie hatte für diese Woche noch einen einzigen Termin frei.

Bevor ich ihr meine Reisepläne vorstellte, stellte sie mir erst mal ein winzig kleines Etwas vor. Sie konnte tatsächlich die Schwangerschaft beim Ultraschall schon sehen. Dort, wo sonst immer eine leere Gebärmutter schlummerte, war jetzt eine dunkle Blase mit einem kleinen Punkt drin zu erkennen. Ich konnte es kaum fassen, sagte in Dauerschleife Satzfetzen wie: "Oh Gott!", "Wahnsinn!" und "So unglaublich". Jetzt war es wirklich real! Aus einem Wort auf dem Display eines Schwangerschaftstests war soeben ein sieben Wochen altes, kleines Wesen geworden, das ich schon jetzt mit meinem Leben beschützen wollte.

Also erzählte ich der Ärztin von meinem gebuchten Urlaub in einer Woche und meinen Bedenken wegen des neuartigen Coronavirus. "Ich kann Ihnen die Entscheidung nicht abnehmen. Aber wenn Sie keine Bedenken haben und sich diese Erholung wünschen, dann spricht aus meiner Sicht nichts dagegen. Für Sri Lanka liegt keine Corona-Warnung vor. Sie haben keinerlei Beschwerden und die Schwangerschaft ist intakt", sagte sie beruhigend.

Trotz Schwangerschaft und Corona-Ausbreitung nach Sri Lanka?

Hätte sie mir davon abgeraten, hätte ich ohne Zögern storniert, aber so hatte sie mir die Beantwortung dieser Gewissensfrage ganz alleine überlassen. Ich sprach mit eingeweihten Freundinnen darüber, die bereits Mütter von Kleinkindern waren. Das half leider auch nichts, denn die Meinungen waren gespalten. "Du kennst das Hotel, du weißt, was auf dich zukommt, du bist robust. Also flieg, sonst ärgerst du dich nur, dass du dir diese Erholung nach dem anstrengenden Job nicht gegönnt hast", riet die eine. "Puh, ich wäre zu ängstlich wegen der langen Reise. Und auch wegen dieses Virus’ da in Asien, aber gut, du bist da anders", zweifelte die andere.

Also machte ich eine Pro- und Contra-Liste, wie ich es immer mache, wenn mir etwas durch den Kopf geht. Verschriftlichen und Visualisieren hilft!

Pro: Die Strahlenbelastung während des Fluges ist gering, ich habe keine Probleme mit Jetlag, das Hotel kenne ich vom letzten Mal und es ist supersauber, wir machen keine gefährlichen Sachen, ich empfinde Reisen nicht als anstrengend, meine Ärztin hat grünes Licht gegeben, das Auswärtige Amt hat keine Warnung ausgesprochen und ICH BRAUCHE URLAUB!

Contra: Das Risiko eines Abgangs ist im ersten Trimester am höchsten, vielleicht ereilt mich dort die Schwangerschaftsübelkeit (wobei, meiner Mama war bei keiner ihrer drei Töchter übel und ich habe viel von ihr geerbt, toi toi toi), die medizinische Versorgung in Sri Lanka ist nicht so gut wie in Deutschland.

Schließlich hörte ich auf mein – nun ja – Bauchgefühl und entschied mich dafür. Also stieg ich mit meiner Schwester und der süßen Baby-News in den Flieger. Sie, die noch keine Kinder hat, freute sich riesig über ihre baldige Premiere im Tantendasein und behandelte mich im Urlaub wie ein rohes Ei. Ich durfte nicht mal zwei 1,5-Liter-Flaschen Wasser auf einmal tragen und sie linste immer streng auf meinen Teller, damit ich auch ja nichts Gefährliches zu mir nahm. Ich sagte immer brav: "Ja, Mama", nahm’s aber mit Humor.

Natürlich hatte ich mich vor der Reise schon ausgiebig mit der Ernährung in der Schwangerschaft beschäftigt. Frühstückseier ließ ich also von beiden Seiten anbraten, Gemüse aß ich nur gut gegart und um das Salatbüffet machte ich sicherheitshalber einen großen Bogen (Toxoplasmose- und Listeriose-Gefahr!).

Schon nach wenigen Tagen am Strand wusste ich, dass es richtig war, herzukommen. Die Sonne, das Meer, der Blick auf die Palmen – alles tat sooo gut, und ich konnte endlich mal richtig schlafen. Wir ließen es uns von morgens bis abends gutgehen, lasen ein Buch nach dem anderen weg, machten ein paar schöne Tagesausflüge. Mein Highlight: unser Tagestrip zum Udawalawe-Nationalpark, in dem wir auf einer Safari Elefanten und viele andere Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten konnten. Beim Anblick der Babyelefanten streichelte ich instinktiv meinen Bauch und lächelte selig in mich hinein. Meine Schwester knuffte mich in den Arm und kommentierte trocken: "Zum Glück musst du dein Baby nicht 22 Monate austragen."

Weder die Hitze noch das Essen machten mir Probleme. Keine Spur von Müdigkeit oder Übelkeit, und wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich schwanger bin, hätte mein Körper mir keinerlei Signale gegeben. Schon nach wenigen Tagen waren wir herrlich entschleunigt und entspannt.

Das einzige, was sich nicht entspannen ließ, war unser Smartphone-Verhalten. Obwohl wir uns vorgenommen hatten, möglichst wenig online zu sein, verfolgten wir jede News. Täglich prasselten neue Schreckensmeldungen auf unsere Displays ein: "Erster Corona-Fall in den USA", "Auswärtiges Amt gibt offizielle Reisewarnung für China heraus", "WHO erklärt Ausbruch des Coronavirus zu gesundheitlicher Notlage von internationaler Tragweite".

Kommen wir noch heim? Und: Baby, bist du noch da?

Meine Schwester ist Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin sowie Pflegepädagogin. Ihr schwante schon Böses: "Das wirkt jetzt noch weit weg, aber wirst sehen, das wird der Horror!", prognostizierte sie, als die angsteinflößendste Meldung eintraf, dass der erste Fall einer Infektion mit SARS-CoV-2 in Bayern registriert wurde. "Hoffentlich kommen wir noch gut heim", bangte ich.

Gleichzeitig machte ich mir plötzlich riesige Sorgen um mein Baby. Der letzte Arzttermin war mittlerweile zehn Tage her – eine gefühlte Ewigkeit. Ich suchte online kurz nach einem guten Gynäkologen in unserem Ferienort, fand jedoch keinen. Dann rief ich mich selbst zu Ruhe und meinen Mann an – unser tägliches Ritual. Er beruhigte mich. Solange es mir gut ging und es keine Blutung gab, würde schon alles okay sein.

Ich zählte die Nächte: Noch vier Mal schlafen, dann hast du deinen nächsten Gyn-Termin und bestimmt ist alles gut. Jetzt lass dir nicht die letzten Urlaubstage versauen, bläute ich mir mit Blick auf den Indischen Ozean ein und schnappte mir einen meiner Lieblingskekse aus dem gegenüberliegenden Supermarkt.

Zurück auf dem Boden der Corona-Tatsachen

Dann war der Tag der Heimreise gekommen und mit ihm die größte Hiobsbotschaft: "Der sechste Coronafall in Deutschland ist ein fünfjähriges Kind". Betreten packten wir unsere Koffer und ließen uns zum Flughafen fahren. Plötzlich kam mir der Urlaub wie ein Aufenthalt in einem Paralleluniversum vor. Ich wollte nur noch nach Hause – zu meinem Mann und in die Praxis zu meiner Gynäkologin …


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