Schwangerschaftsabbruch: Genau geregelt

Abtreibungen sind in Deutschland möglich, wenn bestimmte rechtliche und medizinische Bedingungen erfüllt werden
von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 22.09.2016

Die meisten Abtreibungen erfolgen aus persönlichen Gründen

iStock/laflor

Eine ungewollte Schwangerschaft kann für eine Frau sehr belastend sein. Unter bestimmten Bedingungen ist es daher in Deutschland möglich, die Schwangerschaft durch einen Arzt abbrechen zu lassen. Gleichwohl ist das auch "Abtreibung" genannte Verfahren ein ethisches Dilemma, weshalb es lange verboten war und zwischen Anhängern verschiedener Weltanschauungen oder Glaubensrichtungen nach wie vor äußerst umstritten ist. Auch der Gemeinsame Bundesausschuss weist darauf hin, dass ein Schwangerschaftsabbruch keine Methode zur Geburtenregelung sein soll.

In Deutschland muss jede Frau, die eine Schwangerschaft abbrechen will, eine Beratung in Anspruch nehmen und darauf hin eine dreitägige Wartezeit einhalten. Pro Jahr werden in Deutschland derzeit rund 100.000 Schwangerschaften abgebrochen, also etwa jede neunte. Die absolute Zahl der Abtreibungen geht seit Jahren zurück, was allerdings auch mit dem Rückgang von Schwangerschaften insgesamt einhergeht.

Unter welchen Bedingungen darf eine Schwangerschaft abgebrochen werden?

Der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches stellt den Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich unter Strafe. Es gibt aber im wesentlichen drei Ausnahmen:

  1. Die Frau hat eine Konfliktberatung wahrgenommen und befindet sich noch innerhalb der ersten zwölf Wochen nach Empfängnis. Besondere Gründe für die Abtreibung braucht die Frau nicht anzugeben. Diese soziale Indikation zum Schwangerschaftsabbruch stellt mit 96 Prozent die mit Abstand häufigste dar. Es handelt sich bei dieser Ausnahme um einen juristischen Kompromiss: Der Eingriff gilt in diesem Fall zwar als rechtswidrig aber nicht als strafbar.

  2. Durch die Schwangerschaft besteht eine Gefahr für das Leben oder die körperliche oder seelische Gesundheit der Frau. Diese medizinische Indikation wird üblicherweise auch angewandt, wenn das wachsende Kind eine schwere Erkrankung oder Behinderung aufweist. Allerdings bezieht sich die Begründung dann nicht auf die medizinische Störung des Kindes, sondern auf die resultierende Belastung der Frau im genannten Sinne. Der Abbruch kann dann auch deutlich später erfolgen – im Prinzip erst beim Einsetzen der Wehen nicht mehr. Sogenannte Spätabbrüche aus medizinischer Indikation werden allerdings üblicherweise bis zur 24. Schwangerschaftswoche durchgeführt.

  3. Die Schwangerschaft ist durch eine Vergewaltigung entstanden. In diesem Fall kann ebenfalls in den ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis der Abbruch erfolgen.

Im Falle der letzten beiden Ausnahmen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Bei der sozialen Indikation haben Frauen nur dann Anspruch auf Leistungen, wenn ihnen "die Aufbringung der Mittel für den Abbruch einer Schwangerschaft nicht zuzumuten ist" (Paragraph 19 Schwangerschaftskonfliktgesetz).

Wie läuft die Beratung ab?

Laut Strafgesetzbuch muss die Frau eine sogenannte Schwangerschaftskonfliktberatung (SKB) in einer staatlich anerkannten Stelle wahrnehmen, um den Abbruch straffrei vornehmen zu lassen. In diesem Gespräch kommt der emotionale, soziale oder partnerschaftliche Konflikt zu Sprache, der durch die Schwangerschaft besteht. Den Frauen soll geholfen werden, diesen aus alternativen Blickwinkeln zu beurteilen und eventuell andere Lösungen als den Abbruch zu finden. Die Frau erhält auf Wunsch Informationen zu sozialen und finanziellen Hilfen, welche die Mutterschaft erleichtern würden.

Die Entscheidung für oder gegen den Abbruch wird der Frau aber wertfrei überlassen. Das Gespräch unterliegt der Schweigepflicht. Dritte Personen – etwa der Kindsvater – dürfen nur teilnehmen, wenn die Frau das wünscht. Nach der Beratung erhält die Frau eine Bescheinigung, mit welcher der Eingriff beim Arzt durchgeführt werden darf.

Im Falle der medizinischen Indikation muss die Schwangerschaftskonfliktberatung nicht durchgeführt werden. Es ist allerdings gesetzlich vorgeschrieben, dass die Indikation zum Schwangerschaftsabbruch nicht von dem Arzt gestellt werden darf, der den Eingriff vornimmt, das heißt es müssen Gespräche mit mindestens zwei Medizinern erfolgen.

Wie wird der Abbruch vorgenommen?

Es gibt verschiedene Techniken eines Schwangerschaftsabbruchs. In Deutschland wird das Kind meist abgesaugt. Der Arzt dehnt dabei den Muttermund etwas auf und entfernt den Embryo mit einer sogenannten Saugkürettage. Der Eingriff erfolgt üblicherweise in einer kurzen Vollnarkose.

Eine Ausschabung (Kürettage) wird hingegen in der Regel nur noch gemacht, wenn größere Gewebereste zu entfernen sind.

Außerdem gibt es die Möglichkeit eines medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs: Der Wirkstoff Mifepriston führt dazu, dass die befruchtete Eizelle abgestoßen wird. Darauf in ärztlicher Aufsicht eingenommene Prostaglandine lösen die Wehen aus. Es kommt zum Frühabort. Absaugung und Kürettage können bis zur 14. Schwangerschaftswoche eingesetzt werden, bei den medikamentösen Methoden wird je nach Schwangerschaftswoche die Dosierung angepasst.

Welche Risiken bestehen für die Frau?

Die Komplikations- und Todesrate bei einer illegal und unsachgemäß durchgeführten Abtreibung ist ausgesprochen hoch, was ein maßgeblicher Grund dafür war, die entsprechende Rechtslage schrittweise zu liberalisieren. Denn bei einem regelrecht durchgeführten Eingriff bestehen nur geringe Risiken für die Frau.

Allerdings kann es durch die Abtreibung per Absaugung oder Ausschabung bei folgenden Schwangerschaften zu Problemen kommen: Das Risiko für Frühgeburten steigt. Werden bei der Kürettage außerdem tiefere Schichten der Gebärmutter verletzt, kann das Verwachsungen und Verklebungen auslösen. Dadurch erhöht sich bei späteren Schwangerschaften das Risiko für Fehlgeburten. Wie bei anderen chirurgischen Eingriffen auch kann es außerdem zu Infektionen, Nachblutungen und länger dauernden Unterleibsschmerzen kommen.

Beim medikamentösen Schwangerschaftsabbruch erfolgt üblicherweise eine starke Regelblutung. Darüber hinaus kommen Bauchkrämpfe und Übelkeit vor. Gelegentlich ist eine Nachkürettage nötig. 
Und natürlich kann jede Art von Schwangerschaftsabbruch eine enorme psychische Belastung für die Frau sein. Beratungsstellen, die eine psychologische Begleitung im Falle eines Schwangerschaftsabbruchs anbieten, können von jedem Gynäkologen vermittelt werden.

W&B/Privat

Beratende Expertin: Dr. med. Mareike Pöllmann, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Praxis für Pränatale Diagnostik München, Qualifikation Pränataldiagnostik / gynäkologische Sonographie (Degum II). Bis 2010 Oberärztin in der Universitätsfrauenklinik Düsseldorf, zuvor in der 1. Frauenklink der LMU München.


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