Schwangerschaft: Der Rhesus-Faktor

Ist das Blut einer Schwangeren Rhesus-negativ, kann es für ihr zweites Baby gefährlich werden. Eine Prophylaxe schützt
von Daniela Frank, aktualisiert am 29.08.2016

Ob ein Kind Rhesus-negativ oder -positiv ist, wird von Mutter und Vater vererbt

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Das heranwachsende Ungeborene ist 40 Wochen lang Teil des Körpers einer Schwangeren. Und bleibt doch auch ein Fremdkörper. Denn es trägt zur Hälfte die Gene des Vaters. Damit es der Organismus der werdenden Mutter nicht abstößt, ist ihr Immunsystem etwas gedrosselt. Doch in manchen Fällen kann es trotzdem Probleme geben: Wenn das Blut der Schwangeren Rhesus-negativ ist, das des Babys aber Rhesus-positiv.

Was bedeutet Rhesus?

Neben den Blutgruppen A, B, AB und 0 hat Blut weitere Eigenschaften, zum Beispiel den Rhesusfaktor, auch Faktor D genannt. Das sind Proteine, die auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen sitzen. Fehlen sie, gilt das Blut als Rhesus-negativ. "Das trifft auf 16 bis 18 Prozent der Bevölkerung in Europa zu", sagt Professor Willy Flegel, Facharzt für Transfusionsmedizin an den National Institutes of Health im US-amerikanischen Bethesda, nahe Washington D.C. "Diese Zahl unterscheidet sich von anderen Bevölkerungen, in den USA sind zum Beispiel weniger Menschen Rhesus-negativ."

Im Alltag spielt das kaum eine Rolle. Aber der Rhesusfaktor wird dominant vererbt: Ist die Mutter Rhesus-negativ und der Vater Rhesus-positiv, besteht die Möglichkeit, dass das Baby Rhesus-positiv ist. Und sich darin von der Mutter unterscheidet. Das Problem: Tritt Blut des Kindes in das der Mutter über, beurteilt ihr Organismus den ihm unbekannten Rhesusfaktor als unerwünschten Eindringling. Der Körper der Mutter bildet Abwehrstoffe dagegen.

Erste Schwangerschaft verläuft meist normal

Da die Bildung der Antikörper Zeit benötigt, besteht in der ersten Schwangerschaft meist keine Gefahr für das Kind. Es gibt nur wenige Situationen, in denen das Blut der Mutter mit dem des Kindes in ausreichender Menge in Kontakt kommt, dass eine Antikörperbildung angeregt wird. "Die Wahrscheinlichkeit einer Blutübertragung ist bei der Geburt am größten", erklärt Professor Klaus Vetter, Frauenarzt und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes-Klinikum in Berlin-Neukölln. Aber zum Beispiel auch bei Blutungen kann es zu einer Vermischung kommen.

Außerdem ist der erste Kontakt noch nicht schädlich: Denn der Organismus der Mutter bildet dann zunächst Antikörper der Immunglobulinklasse M. Sie können die sogenannte Plazentaschranke nicht passieren, also nicht zum Baby vordringen. Der Körper allerdings behält das Rezept für deren Produktion ein Leben lang. Das kann bei einer weiteren Schwangerschaft für das Ungeborene gefährlich werden.

Der Grund: Wird die Frau später erneut mit einem Rhesus-positiven Kind schwanger, kann ihr sensibilisiertes Immunsystem nach diesem Musterrezept dann neue Abwehrstoffe der Immunglobulinklasse G bilden. Diese können über die Plazenta zum Kind vordringen.

"Sie greifen die roten Blutkörperchen des Ungeborenen an und zerstören sie", erklärt Flegel. Abbaustoffe der Blutkörperchen sammeln sich in Leber und Gehirn an. Dem Kind droht eine Blutarmut. In der Folge wird sein Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, den es jedoch für seine Entwicklung dringend braucht. "Je nachdem, in welchem Ausmaß die Blutarmut auftritt, kann der Fetus schwere Schäden davontragen oder sogar absterben", sagt Experte Flegel.

Anti-D-Prophylaxe bei Rhesus-negativen Schwangeren Standard

Noch vor 60 Jahren war eine Rhesus-Unverträglichkeit eine ernste Gefahr. "Oft ist das erste Kind gesund zur Welt gekommen, beim zweiten Kind traten meist schon Schäden auf und das dritte und alle weiteren waren dann Fehl- oder Totgeburten", sagt Flegel. "Man wusste lange nicht, warum das so war." Heute wird bei allen Rhesus-negativen Schwangeren die sogenannte Anti-D-Prophylaxe durchgeführt. Falls Blutgruppe und Rhesusfaktor einer Schwangeren noch nicht bekannt sind, bestimmt sie der Arzt bei der Erstuntersuchung zusammen mit anderen Blutwerten. Außerdem macht er zu Beginn der Schwangerschaft und noch einmal zwischen der 24. und 28. Woche einen Antikörper-Suchtest. Dieser zeigt, ob der Körper der Schwangeren bereits Abwehrstoffe gebildet hat.

Ist ihr Blut frei von Antikörpern, spritzt ihr der Arzt zwischen der 28. und 30. Schwangerschaftswoche Immunglobuline. Das sind Antikörper gegen den Rhesusfaktor, die aus Spenderblut gewonnen werden. Sie besetzen die vom Kind stammenden Rhesus-positiven Blutkörperchen, sobald sie ins Blut der Mutter gelangen. Diese werden zerstört, bevor sie das Immunsystem der Mutter sensibilisieren können.

Warum ist die Anti-D-Prophylaxe erst im letzten Schwangerschaftsdrittel vorgesehen? "Weil sich die Blutkörperchen beim Ungeborenen erst relativ spät fertig ausbilden", sagt Flegel. Außerdem überdauern die gespritzten Immunglobuline lediglich rund zwei bis drei Monate. "Bei der Geburt sind nur noch wenige Antikörper vorhanden", sagt Vetter. Deshalb bekommt die Mutter ein weiteres Mal Abwehrstoffe gespritzt – aber nicht in jedem Fall: Sofort nach der Geburt wird das Blut des Kindes getestet. Ist es Rhesus-positiv, benötigt die Mutter die Immunglobuline. Bei der nächsten Schwangerschaft verfährt der Frauenarzt nach demselben Schema.

Es gibt einige weitere Gelegenheiten, bei dem ein Kontakt zwischen dem Blut der Schwangeren und des Ungeborenen stattfinden kann. Auch dann spritzt der Arzt einer Rhesus-negativen Frau Antikörper – zum Beispiel nach einer Fehlgeburt, vor einer Chorionzottenbiopsie oder einer Fruchtwasseruntersuchung.

Immunglobuline aus Spenderblut hergestellt

Immunglobuline werden aus einem Pool mit dem Blutplasma Hunderter Spender hergestellt. Obwohl der Vorgang sehr genau kontrolliert wird, besteht ein geringes Restrisiko für eine Verunreinigung. Zuletzt passierte das allerdings in den 1970er-Jahren, als in der DDR und in Irland einige mit Hepatitis-C-Viren verunreinigte Impfstoffe verwendet wurden. "So etwas würde heute nicht mehr passieren, das Verfahren ist gut kontrolliert", sagt Flegel.

Trotzdem solle die Immunisierung nur bekommen, wer sie unbedingt brauche. "Etwa fünf Prozent der Rhesus-negativ-getesteten Frauen sind eigentlich sogenannte weak-D-Typen", erklärt Flegel. "Sie bräuchten die Prophylaxe nicht." Die Blutkörperchen dieser Frauen tragen den Rhesusfaktor – allerdings nur so wenig davon, dass der vorgeschriebene Test dies nicht erfasst. Ein zweiter, genauerer Test – aus derselben Blutprobe, die der Schwangeren bei der Erstuntersuchung abgenommen wird – könne dies laut Flegel leicht zum Vorschein bringen. "Er wird von den Laboren zwar schon häufig mitgemacht, ist jedoch leider noch nicht in den Mutterschafts-Richtlinien vorgeschrieben", sagt Flegel.

Kann man den Rhesusfaktor beim Kind feststellen?

Und weitere Frauen könnten auf die Anti-D-Prophylaxe verzichten: Denn eigentlich ist sie nur nötig, wenn eine Rhesus-negative Frau ein Rhesus-positives Baby bekommt. Etwa vier von zehn Rhesus-negativen Schwangeren erwarten ein Rhesus-negatives Kind. Trotzdem bekommen alle Rhesus-negativen Schwangeren die Immunglobuline. Der Rhesusfaktor des Kindes ließ sich bis vor kurzem nur durch invasive Methoden wie eine Fruchtwasseruntersuchung feststellen. Sie wurden selten angewendet, weil sie mit einem Fehlgeburtsrisiko einhergehen. Die Immunglobuline gelten als ungefährlicher.

Seit einiger Zeit können Labore mithilfe einer molekularbiologischen Analyse aus dem Blut der Mutter den Rhesusfaktor des Ungeborenen bestimmen. Mit dem Test bräuchten etwa 40 Prozent der Rhesus-negativen Frauen keine Prophylaxe. "Der Test wird bei uns zurzeit allerdings nur in ganz speziellen Fällen eingesetzt", sagt Prof. Dr. Karl Oliver Kagan, Leiter der Abteilung für Pränataldiagnostik an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Nämlich dann, wenn Ärzte im Blut einer Schwangeren bereits Antikörper gegen den Rhesusfaktor finden. Das ist eher selten der Fall. "Wahrscheinlich ist die Frau dann schon einmal mit Rhesus-positivem Blut in Kontakt gekommen", sagt Flegel. "Oft findet man aber gar nicht heraus, wie es passiert ist." Klar ist aber: In diesem Fall nützt eine Prophylaxe nichts mehr. Dann bestimmt der Arzt den Rhesusfaktor des Kindes – unter anderem mithilfe des DNA-Tests aus dem Blut der Mutter. Ist das Ungeborene Rhesus-negativ, besteht keine Gefahr. Ist es Rhesus-positiv, überwacht der Arzt genau, wie es sich im Mutterleib entwickelt. Tritt die gefürchtete Blutarmut tatsächlich auf, kann es sein, dass der Fetus eine Bluttransfusion benötigt.

Flächendeckend wird der Rhesusfaktor der Ungeborenen mit Rhesus-negativen Müttern, die bisher keine Antikörper gebildet haben, derzeit nicht bestimmt. Der Vorteil läge dabei darin, dass bei Rhesus-negativen Ungeborenen auf die Anti-D-Prophylaxe verzichtet werden könnte. "Dafür bedarf es zunächst einer positiven Kosten-Nutzen-Analyse", sagt Kagan. "Da sich die Kosten für DNA-Tests im freien Fall befinden, ist aber absehbar, dass das neue Verfahren bald günstiger sein wird als die Immunglobuline." Außerdem sei es generell wichtig, unnötigen Medikamenteneinsatz zu vermeiden. In der Uniklinik Wien wird der Test schon standardmäßig eingesetzt, in England darüber diskutiert. "Bald wird nichts mehr daran vorbeiführen", sagt Kagan.


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