Schilddrüsenprobleme bei Schwangeren

Eine Schwangerschaft verlangt der Schilddrüse einiges ab. Kann das Organ den höheren Hormonbedarf nicht decken, drohen Entwicklungsstörungen beim Baby

von Christian Guht, aktualisiert am 02.10.2015

Mini-Organ am Hals: In der Schwangerschaft ist die Schilddrüse besonders gefordert


Schwangere befinden sich im hormonellen Ausnahmezustand: In ihrem Körper verändern sich die Konzentrationen verschiedener Hormone massiv. Das geht auch an der Schilddrüse nicht spurlos vorbei. Um mehr Energie für den Organismus der Mutter bereitzustellen, erhöht das schmetterlingsförmige Halsorgan den Ausstoß von Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4). Diese Hormone kurbeln den Stoffwechsel an, gelangen über die Plazenta außerdem direkt zum Embryo und fördern dessen geistige und körperliche Entwicklung.

Ist der Mechanismus gestört, kann dies die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Dies komme nicht selten vor, sagt die Endokrinologin Professorin Bettina Zietz: "Sieben Prozent aller gebährfähigen Frauen leiden unter einer Unterfunktion der Schilddrüse, die in Frühstadien oft unbemerkt vorliegt." Unter den Anforderungen einer Schwangerschaft könne eine unterschwellige Hypothyreose zu einem Mangelzustand bei Mutter und Kind führen. Eine von 200 Schwangerschaften sei davon betroffen. "Dennoch wird die Schilddrüsenfunktion von Schwangeren nicht routinehalber untersucht", kritisiert die Hormonspezialistin und Ärztliche Direktorin des Reha-Zentrums Mölln Klinik Föhrenkamp.

Was passiert während der Schwangerschaft mit der Schilddrüse?

Um bis zu 50 Prozent erhöht die Schilddrüse die Hormonproduktion während der Schwangerschaft, was auf die stimulierende Wirkung des Schwangerschaftshormons HCG zurückzuführen ist. Weil sie für die Synthese von T3 und T4 Jod benötigt, steigt der Bedarf der Schwangeren an. Üblicherweise empfehlen Frauenärzte daher die Einnahme von Jodtabletten während Schwangerschaft und Stillzeit, da die Zufuhr der erforderlichen täglichen Dosis von 230 bis 260 Mikrogramm über die Nahrung nicht immer gewährleistet ist.

"Zur Unterfunktion kommt es aber meist durch unbemerkte Entzündungen der Schilddrüse", sagt Bettina Zietz. Denn ein derart angeschlagenes Organ könne den Mehrbedarf nicht mehr decken. In so einem Fall hilft die Gabe von Jod auch nur bedingt, denn der Produktionsmangel liegt gewissermaßen an der defekten Maschine, nicht am fehlenden Baustoff.

Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse möglich

Einem drohenden Mangel an Schilddrüsenhormonen steuert der Körper zunächst noch selbst entgegen. Durch vermehrten Ausstoß von Thyreotropin (TSH) aus der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) wird die Schilddrüse angetrieben. Eine solche Konstellation nennen Ärzte eine "latente Hypothyreose": Die Schilddrüsenhormone liegen zwar noch im Normbereich, doch das erhöhte TSH zeigt die dafür nötige Mühe des Organismus an.

Fallen T3 und T4 ab, ist die Hypothyreose "manifest". Spätestens dann drohen Entwicklungsstörungen beim Baby. Studien haben gezeigt, dass unterversorgte Kinder eine Intelligenzminderung davontragen können, die sich beispielsweise in einer Leseschwäche äußert. Liegt der Schilddrüsenunterfunktion eine Autoimmunentzündung – die sogenannte Hashimoto-Thyreoiditis – zugrunde, besteht außerdem ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko.

Autoimmunerkrankungen können auch eine Überfunktion (Hyperthyreose) der Schilddrüse verursachen. Eine solche Situation gefährdet das Kind akut, da sie mit schweren Schwangerschaftskomplikationen einhergehen kann. Deshalb muss eine Hyperthyreose – etwa durch die Basedow-Krankheit – von einem Hormonspezialisten überwacht und behandelt werden. Meist harmlos verläuft hingegen eine vorübergehende leichte Überfunktion, die durch stark erhöhtes Schwangerschaftshormon – zum Beispiel bei Zwillingsschwangerschaften – entsteht. Nach der Schwangerschaft erleiden etwa fünf Prozent der Mütter eine Autoimmun-Entzündung der Schilddrüse, die verschiedene hormonelle Störungen bedingen kann.

Wie erkennt man eine Störung?

Eine Unterfunktion führt zu Abgeschlagenheit, Frösteln, Konzentrationsstörungen – alles wenig charakteristische Symptome, die bei einer Schwangerschaft ohnehin häufig auftreten. "Leider gibt es keine eindeutigen Anzeichen," sagt der Gynäkologe Professor Kai Bühling, der die Hormonsprechstunde am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf leitet. Zweifelsfrei lässt sich die Funktion der Schilddrüse nur über die Hormonspiegel abklären.

Um eine Autoimmunthyreoiditis zu diagnostizieren, muss der Arzt außerdem die entsprechenden Antikörper nachweisen. Einen Orientierungspunkt für die Schilddrüsenfunktion liefert der TSH-Wert, weshalb viele Ärzte diesen bei Schwangeren bestimmen. Eine Regelleistung der Krankenkassen ist das aber bislang nicht. "Spätestens bei einem bestimmten Verdacht, etwa bei Schilddrüsenerkrankungen in der Verwandtschaft, sollte man danach aber gucken", rät Bühling. Zusätzlich muss dann ein freies Hormon – also T3 oder T4 – bestimmt werden. Auch Zyklusstörungen vor der Schwangerschaft können auf eine Unterfunktion hinweisen. Eine Überfunktion hingegen führt zu Anzeichen wie beispielsweise Gewichtsverlust, Herzjagen und Unruhe. Bei bestehender Hyperthyreose kommt es oft gar nicht zu einer Schwangerschaft.

Wie wird eine Schilddrüsenstörung behandelt?

Die Behandlung einer Unterfunktion ist relativ einfach: Die schwangere Frau nimmt die fehlenden Hormone in Tablettenform ein. Allerdings muss der Arzt kontrollieren, ob die verschriebene Dosis auch tatsächlich ausreicht, zumal der Bedarf an Schilddrüsenhormonen während der Schwangerschaft ansteigt. Die Rückmeldung darüber leistet der TSH-Wert, der sich immer gegensinnig zur Konzentration der Schilddrüsenhormone verhält: Fällt er ab, ist zu viel T3 und T4 im Blut. Steigt er an, liegen die Hormonspiegel zu tief.

Viele Mediziner empfehlen, bereits bei einer latenten Unterfunktion – also wenn eigentlich noch genug T3 und T4 im Blut schwimmen – Hormone zu geben, um die Schilddrüse zu entlasten und ihrer Stoffwechselentgleisung vorzubeugen. "Ich würde in so einem Fall die Schilddrüsenwerte erst einmal engmaschig kontrollieren", sagt hingegen Bettina Zietz. Wenn eine Autoimmun-Thyreoiditis vorliegt, bleibt diese auch nach der Schwangerschaft weiter bestehen, was häufig eine lebenslange Behandlung erforderlich macht. Bei einer Überfunktion müssen Medikamente eingenommen werden, welche die Schilddrüse bremsen.


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