Meine Schwangerschaft: Alles klar, da drin?

Apothekerin und Baby-und-Familie-Redakteurin Julia Schulters ist schwanger. Kein Problem, sie ist ja top vorbereitet? Nicht auf alles...
von Julia Schulters, 01.04.2014

„Hat mein Kind Gliedmaßen?“ Julia Schulters ist keine gelassene Schwangere

iStock/Pliene, W&B/Forster&Martin

Wäre ich Elefant, hätte ich noch 500 Tage vor mir. Mindestens. Afrikanische Exemplare sollen es insgesamt auf fast zwei Jahre bringen. Unvorstellbar. Die armen Tiere. Meine verbleibende Trächtigkeitsdauer beträgt ab heute nur noch 136 Tage und ich ringe ernsthaft mit mir, meine Gynäkologin darum zu bitten, mich für die restlichen fünf Monate dauerhaft an ein Ultraschallgerät anzustöpseln. Nur so zur Sicherheit. Schließlich geht es in meinem Bauch quasi um Leben und Tod. Und ich habe zurzeit nicht mal ansatzweise unter Kontrolle, was da bei mir eigentlich gerade zwischen Busen und Schambein passiert.

Spannung? Halte ich nicht aus!

Unkalkulierbare Spannung ist mir von Natur aus ein Graus. Ich spule in der ZDF-Mediathek sogar bei Rosamunde Pilcher vor, um ja sicher zu gehen, dass der Duke von Cornwall am Ende seine schöne Jugendliebe heiratet und die böse Ex, das intrigante Miststück, abserviert. Ich lese die Sechs-Wochen-Lindenstraßen-Vorschau und habe bereits im letzten Dezember die Jahres-Wetter-Prognose des Garmischer Wetterpropheten für 2014 studiert, damit es innerhalb den nächsten Monaten zu keinen unangekündigten Überraschungen für mich kommt. Und mein Baby, das soll ich einfach so wachsen lassen? Ohne zu wissen, was es da quasi alleingelassen im Dunkeln und ohne meine mütterliche Aufsicht treibt?

Kommt gar nicht in Frage! Ich bin Kontrollfreak und zahle gerne meine 30 Euro Zusatzultraschall-Gebühr, um für die nächsten zwei bis 72 Stunden beruhigt zu sein. Wobei ich den letzten Verwendungszweck auf der Rechnung meiner Frauenärztin schon ein bisschen frech fand. "Babyfernsehen". Tsst. Ich hatte ernsthafte Beschwerden, die mir Grund zur Annahme gaben, dass irgendwas mit meinem Kind nicht in Ordnung sein könnte. Dieses Ziehen im Bauch war doch nicht normal! Nach eingehender Internetrecherche hatte ich meine Symptome zum Schwangerschaftszeitpunkt 13+3 bereits als vorzeitige Wehentätigkeit diagnostiziert – meine Frauenärztin als hysterische Anwandlung meinerseits.

Wo sind die Gliedmaßen?!

Nun gut, ich hatte mich erst eine Woche zuvor – da hatte ich ein blasenentzündungsähnliches Kribbeln in der Bikinzone – von den Vitalfunktionen meines Babys überzeugen lassen. Für 30 Euro gab es immerhin ein Foto, auf dem ich die nächsten zwei Tage voller Entzücken Rumpf und Köpfchen identifizierte. Ich war dermaßen verliebt und begeistert, dass ich das Ultraschallbild meines süßen, über alle Maßen präsentationswürdigen Babys gleich abfotografierte und meinen engsten Vertrauten per Kurznachrichtendienst zukommen ließ.

Selbstverständlich erwartete ich Applaus für das Abbild dieses überaus gelungenen Exemplars an Fötus. Zumal ja jeder weiß, wie es um meine praktischen Fähigkeiten normalerweise bestellt ist. Aber jetzt hatte ich, Julia Schulters, die für gewöhnlich nicht in der Lage ist einen Müllbeutel fachgerecht in den dafür vorgesehenen Abfalleimer zu installieren, einfach mal so ein Kind hergestellt! Mensch, Leute ist das nicht der Wahnsinn?

"Hat das Kind auch Gliedmaßen?" smste meine beste Freundin Mia mir völlig unsensibel nur wenige Minuten, nachdem ich mein Foto versendet hatte. Keine Gliedmaßen? Die spinnt doch! Mein Kind hat alles was es braucht! Ich war auf der Stelle beleidigt. Meiner Schwiegermutter glaubte auf ihrem Smartphone gar ein zweites Baby zu erkennen. "Das ist der Mutterkuchen", belehrte ich, nicht minder angefressen von so wenig Interpretationsfähigkeit.

Verdacht erhärtet sich: Fötus gelähmt!

Dann schaute ich mir das Bild nochmal genauer an – und sah Erstaunliches. Oh, mein Gott! Wie hatte ich es übersehen können. Tatsächlich. Das Gebilde rechts auf dem Foto, das die Frauenärztin mir als Plazenta erklärt hatte, zeigte durchaus menschliche Züge. Panisch tippte ich Zahlen und Fachbegriffe in die Suchmaschine. 13+3 Baby Sonographie. Es schadet in Notfallsituationen schließlich nie, mal zu sehen, wie andere Mutterkuchen so beschaffen sind. Das Internet sog mich in einen nicht enden wollenden Strudel an Videos, in denen werdende Väter mit ihren Kameras auf Ultraschallmonitoren heranzoomten. Was ich sah, ließ mir den Atem stocken: Da waren Babys, die Purzelbäume schlugen. Ich sah Kinder – kaum größer als ein handelsübliches Lineal –, die in der Nase popelten und verrückte Dinge mit Ihrer Nabelschnur anstellten. Ich sah werdende Babys, die mit ihren deutlich erkennbaren Füßchen strampelten und hörte werdende Eltern die das ganze mit leicht hysterischen "Aaahs" und "Oohs" kommentierten. Ich war am Boden zerstört.

"Unser Kind ist vom Hals abwärts gelähmt", schluchzte ich dramatisch als mein Freund die Wohnungstüre aufschloss. "Wie kommst du darauf?" "Alle Babys bewegen sich im Ultraschall und unseres hat letztes Mal allenfalls mit dem Kopf gewackelt!" Ich war untröstlich. Mein Liebster schaute ratlos. War er sich des Ausmaßes des Katastrophe gar nicht bewusst? Ich holte Luft: "Außerdem hat es keine Beine und wenn doch dann sind sie wahrscheinlich mit dem siamesischen Zwilling verwachsen." "Welcher siamesicher Zwilling?", sagte er. "Der Mutterkuchen ist wahrscheinlich gar kein Mutterkuchen, sondern ein siamesischer Zwilling!", erklärte ich ihm nunmehr gefasst.

Um es gleich vornweg zu nehmen. Bei der Ultraschalluntersuchung am nächsten Tag winkte Mini-Schulters lässig in die Kamera. "Äußerst hübscher Mutterkuchen", sagte meine Gynäkologin. Diesmal musste ich nicht mal 30 Euro zahlen.


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