Junge oder Mädchen – will ich das wissen?

Redakteurin Julia Jung wollte das Geschlecht ihres Babys erfahren, Kollegin Julia Schulters lässt sich überraschen. Zwei Meinungen

von Julia Jung, Julia Schulters, aktualisiert am 17.10.2016

Hellblau oder rosa? Wer sich überraschen lässt, wählt oft neutrale Farben


Ja, ich wollte das Geschlecht wissen, sagt Julia Jung

Meine Ungeduld begann in der siebten Woche. Genau zu dem Zeitpunkt, als meine Ärztin mein Baby im Ultraschall entdeckte. Beziehungsweise ein pulsierendes Herzchen und Strukturen, die ihr eindeutig zeigten: Diese Frau bekommt in ungefähr 33 Wochen ein Kind.

Wie schön, dachte ich. Aber was für eines? Eines, das mich mal so von Frau zu Frau ganz private Dinge fragt? Oder eines, dem ich in ferner Zukunft erklären muss, dass nicht alle Mädchen doof sind und die Mama ja auch eines ist, irgendwie, und er die Mama ja schließlich auch lieb hat.

Mein Problem war: kein Gefühl. Nicht im Bauch, nicht im Kopf. Manche Frauen wissen ja angeblich ohne Technik sofort nach dem Schwangerschaftstest, was es wird. Aber mal ehrlich: Bei einer Treffer­­wahrscheinlichkeit von 50 Prozent stehen die Chancen nicht schlecht. Und nach der Geburt, wenn sich doch herausstellt, dass die Dame ihr Gefühl getrogen hat, wird die ganze Sache nicht weiter thematisiert. Und alle rosa beziehungsweise blauen ­Bodys still und heimlich dem Baby der Schwägerin gespendet.

Überraschen lassen war für mich keine Option. Dabei­ hätte ich am Tag der Geburt kein Problem damit gehabt. Hätte­ ich nicht 33 Wochen bis dahin warten müssen. 33 Wochen, in denen ich "es" sagen müsste und Grün-Beige-Weiß die Farbe der Strampler-Wahl wäre. Ohne mich!

Ich musste diese Gefühls-Leere mit den Daten fortschrittlichster­ Medizingeräte füllen. Leider traute sich auch der feinste Ultraschall in der 11. Schwangerschaftswoche keine Prognose zu. Technikaffin, wie ich war, pfiff ich auf Bauchformen-Orakel und Übelkeits-Mythen. In der 17. Schwangerschaftswoche war ich sicher: Beim heutigen Termin erfahre ich es! Heute entscheidet sich meine Zukunft. Darum ging es doch. Jungen-Mutti: ständig im Visier einer Plas­tik-Pistole und gleichzeitig beste­ Lokomotiven-Kuchen-Bäckerin der Welt oder Mädchen-Mama, also Best friend mit dem eigenen Nachwuchs und glückstrahlend auf der Ponyweide an die eigene Kindheit denkend. Darauf musste ich mich doch vorbereiten!

In der 21. Schwangerschaftswoche wurde ich erlöst: Meine­ Zukunft sollte mit Röckchen durch den Pferdestall tanzen und sich mit mir kichernd das erste Mal schminken. Eindeutig weiblich.

Meine Zukunft randaliert nun abends wie ein Wikinger nach gewonnener Schlacht und würde mit ihrem dreckigen Lachen jedes Ponyfohlen verscheuchen. Eindeutig ein Mädchen!

 

Nein, ich will das Geschlecht nicht wissen, sagt Julia Schulters

Eigentlich ist Spannung überhaupt nicht mein Ding. Ich lese mir im Internet die Sechs-Wochen-Vorschau meiner Lieblingssoap durch und spule in der ZDF-Mediathek sogar beim "Traumschiff" vor, um ja sicherzugehen, dass der entführte Koalabär am Ende aus den Händen der skrupellosen Tierfänger gerettet wird.

Aber wenn es um das Geschlecht meines ­Babys geht, bin ich irgendwie anders gepolt: Ich will mich ­überraschen lassen! Und davon habe ich jetzt schon eine ganz genaue Vorstellung: Mein Kind wird zum ersten Mal schreien, die Hebamme wird es mir geben und sagen: "Herzlichen Glückwunsch, es ist …"

Zu viel Traumschifffaktor? Mag sein. Ich finde es trotzdem schön, in Zeiten von hochaufgelösten 3-D-Bildern und ­exakter fetaler Oberschenkelknochenvermessung wenigstens diese ­eine Sache nicht zu wissen. Und irgendwie steigert das Quäntchen Ungewissheit meine Vorfreude gleich noch einmal.

Wobei ich ja schwören könnte: Mein derzeitiger Bauchbewohner ist männlich. Ist nur so eine Intuition. Aber wenn ich mir Mini-Schulters in ein paar Jahren so vorstelle, dann ­sehe ich einen süßen, sommersprossigen Kindergartenan­­fänger mit Dinosaurier-Rucksack und Fußballerknien vor mir.

Trügt mich mein Gefühl, ist mir das auch egal. Ich war schon früher weltbeste Puppenmama und habe verdammt gute Flechtfrisuren auf Lager. Und wenn es sein muss, dann bastele ich zu Karneval eben Prinzessinnenkostüme statt Piratengewänder.

Zugegeben: Letztens wäre ich fast schwach geworden. Als mir meine Frauenärztin mit dem Ultraschallkopf über den Bauch fuhr, war die Versuchung groß. "Wollen Sie wissen, was es wird?", fragte sie. "Nö", sagte ich willensstark und blinzelte dann doch neugierig auf den Monitor. "Da ist doch ein Anhängsel", entfuhr es meinem Liebsten neben mir. "Das ist ein stattlicher Oberschenkelknochen", sagte die Fachfrau.

Nun ja. Schlauer sind wir nicht. Und das ist auch gut so. Überraschen lassen ist schließlich nicht nur an Weihnachten schön. Statt ­herumzuspekulieren, w­­idmen wir uns jetzt den wichtigen ­Dingen: Wir­ kaufen neutral grüne Strampler, streiten uns über Mädchen- und Jungennamen und ­freuen uns ­­riesig darüber, dass unser Baby schon jetzt überdurchschnittlich große Oberschenkelknochen hat.

 

(Anmerkung der Redaktion: Julia Schulters bekam ein Mädchen)


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