Interview: Warum Rauchverbot im Auto das Ungeborene schützt

Rauchen macht krank. Passivrauchen auch – besonders gefährdet sind Kinder. Nina Ohlmeier vom Deutschen Kinderhilfswerk erklärt, warum Deutschland beim Nichtraucherschutz bisher so nachlässig agiert

von Beatrice Sobeck, 30.10.2018
Nina Ohlmeier

Auch das Auto soll rauchfreie Zone sein. Dafür plädiert Nina Ohlmeier vom Deutschen Kinderhilfswerk in Berlin


Raucher in Österreich werden kaum eingeschränkt. Nur im Auto darf jetzt nicht mehr grenzenlos gequalmt werden – nämlich wenn Kinder mitfahren. Wer erwischt wird, zahlt 1000 Euro Strafe. Wie sinnvoll ist dieses Verbot?

Grundsätzlich ist jede Maßnahme gut, die den Nichtraucherschutz stärkt. Vor allem, wenn Kinder geschützt werden. Sie können sich nicht aussuchen, mit wem sie im Auto sitzen, und sie können auch nicht einfach aussteigen. Im Auto liegt die Schadstoffbelastung durch Tabakrauch fünfmal höher als in einer Raucherkneipe. 

Aber wer soll das kontrollieren?

Das ist natürlich schwierig. ­Trotzdem hat so ein Verbot auf jeden Fall eine Wirkung. Bevor die Gurtpflicht und das Handyverbot am Steuer eingeführt wurden, argumentierten Kritiker auf die gleiche Weise. Heute stellt niemand mehr infrage, dass Anschnallen sinnvoll ist.

Viele Länder machen es uns vor, Österreich ist hier kein Vorreiter. In Italien genießen sogar Schwangere einen besonderen Schutz vor Tabakqualm im Auto. Deutschland ist diesbezüglich das traurige Schlusslicht. In Kanada konnte sogar nachgewiesen werden, dass sich das Rauchverbot im Auto positiv auf das Rauchverhalten allgemein auswirkt. In den Teilen des Landes, wo im Auto nicht geraucht werden darf, sank die Raucherquote von 2004 bis 2012 von 26 auf 18 Prozent. In Deutschland fahren dagegen eine Million Kinder in Autos mit, in denen regelmäßig geraucht wird. Im Auto muss es qualmfrei werden.

Warum setzen Eltern ihre Kinder solchen Gesundheitsrisiken aus?

Viele unterschätzen die Gefahren des Passivrauchens. Da wird das Fenster runtergelassen, der Rauch zieht raus, das ist doch nicht so schlimm – glauben sie.

Aber das Gegenteil ist der Fall?

Ja. Kinder sind besonders gefährdet, da sie schneller atmen als Erwachsene und ihre Organe wie Lunge, Herz- Kreislauf-System, Entgiftungsappa­rat erst noch ausreifen müssen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat ermittelt, dass die Konzentration krebserzeugender Inhaltsstoffe des Tabakrauchs im Auto innerhalb von Minuten auf das über 200-Fache ansteigt – trotz geöffneten Fensters. Kinder, die regelmäßig Tabakrauch ausgesetzt sind, haben ein erhöhtes Risiko für Atemwegs­beschwerden und -erkrankungen, eine beeinträchtigte Lungenfunktion, häufige Mittel­ohr- und Lungenentzündungen sowie überdurchschnittlich viele Infekte. Bei Säuglingen erhöht Passiv­rauchen die Gefahr des plötz­lichen Kindstods. Die Weltgesundheits­organisation (WHO) hat ausgerechnet, dass jedes Jahr weltweit 165 000 Kin­der und Jugend­liche an den Folgen des Passivrauchens sterben.

Vor der Kita rauchen Erzieherinnen, Eltern qualmen auf dem Balkon, auf dem Spielplatz … Ist das denn unbedenklich für die Kinder?

Es ist nicht so dramatisch wie das Rauchen im Auto, trotzdem bleibt es gesundheitsschädlich. In so einem Fall sprechen Mediziner vom sogenannten Thirdhand Smoke. Die Rückstände bleiben auf der Oberfläche – auf Haut, Haaren und der Kleidung. Wird sogar in der Wohnung geraucht, lagern sich giftige Substanzen auf allen Textilien ab, auf Möbeln und auf Spielsachen. Kinder nehmen das alles auf, etwa wenn sie durch die Wohnung robben, beim Kuscheln oder wenn sie Spielzeug in den Mund nehmen. 

87 Prozent der Menschen ­wären für ein Rauchverbot im Auto, wenn Kinder mitfahren. Warum kommt das Verbot nicht?

Das hat die Zigarettenlobby bisher verhindert. Aber hoffentlich hat die Bundesregierung bald ein Einsehen.

Und das rechtfertigt, dass Kinder und Ungeborene weiter dem schädlichen Tabakqualm ausgeliefert sind?

Für uns hat die Gesundheit der Kinder immer Vorrang. Deshalb kämpfen wir auch dafür, dass ihre Rechte gemäß den UN-Kinderrechtskonventionen im Grundgesetz verankert werden. In Artikel 24 wird Kindern das Recht auf Gesundheit zugesprochen. Dazu gehört auch der Schutz vor den massiven gesundheitlichen Schäden durch Passivrauchen. Für Deutschland ­wünschen wir uns eine Regelung, die auch Schwangere mitberücksichtigt, wie in Italien. Eine aktuelle Studie der Uni­versity of Nottingham hat die ­Folgen des Passivrauchens bei Schwangeren untersucht. Das Ergebnis: Die Risiken für eine Totgeburt steigen um 23 Prozent und für Geburtsschäden um 13 Prozent.

Glauben Sie, eines Tages kommt das Verbot?

Ich denke schon. Im Vorfeld der Nichtraucherschutzkampagne vor gut zehn Jahren, als es darum ging, das Rauchverbot in Gaststätten, in Büros oder auf Bahnhöfen und Flughäfen einzuführen, war der Aufschrei auch groß. Heute regt sich niemand mehr auf. Gleichzeitig dürfen wir nicht leiser werden, brauchen Geduld und müssen weiter aufklären.

Wie klären Sie denn auf?

Das Deutsche Kinderhilfswerk hat zusammen mit vielen anderen Organisationen, Verbänden und Vereinen sowie mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung die Kampagne "Rauchfrei unterwegs" angeschoben. Damit verfolgen wir gemeinsam das Ziel, Kinder und Jugendliche vor den Folgen des Passiv­rauchens zu schützen und Eltern für das Thema zu sensibilisieren. Info­material liegt in Kinderarztpraxen aus, es gibt die Website rauchfrei-unterwegs.de, es werden Radiospots gesendet und auf Youtube Videos online gestellt. Darüber hinaus versuchen wir, ganz generell auch die Kinder über ihre Rechte aufzuklären, etwa auf der Website kindersache.de oder mit Vorlesegeschichten, in denen unterschiedliche Themen wie Gewalt oder Mitbestimmung kindgerecht aufbereitet sind. Eine Geschichte über das Rauchen haben wir allerdings noch nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie dürften den Nichtraucherschutz in Deutschland bestimmen. Wie sähe er aus?

Bundesweit gäbe es ein einheitliches Gesetz zum Nichtraucherschutz, und nicht so wie jetzt, einen Flickenteppich mit unterschiedlichen Regelungen. Rauchen wäre tabu auf dem Schulgelände, auf Spielplätzen, im Auto, in Kindertages­stätten und auf dem umgebenden Gelände sowie in allen öffentlichen Gebäuden. Gesundheitliche Aufklärung für Eltern und Kinder wäre Pflicht.


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