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Fruchtwassser: Menge, Farbe und Funktion

Was tun bei zu wenig oder zu viel Fruchtwasser? Was sagt die Farbe aus? Und wie laufen Tests im Fruchtwasser ab? Alles über das biologisches Wunderwerk

von Tanja Eckes, 03.07.2019
Schwangere Frau mit Babybauch unter Wasser

In der Wasserblase sind Babys bestens geschützt


Eigentlich schade, dass wir uns nicht erinnern können an die Zeit in dieser wohlig-warmen Blase, in der wir von nährender Flüssig­keit umschlossen waren. In völliger Geborgenheit. Denn so sicher verpackt und rundum versorgt ist der Mensch nach der Geburt nie wieder. "Man kann sich die Fruchtblase, das Amnion, wie einen mit Wasser gefüllten Ballon vorstellen", erklärt Dr. Mandy Mangler, Chefärztin der Gynäkologie im Berliner Auguste-Viktoria-Klinikum. "Diese Blase ähnelt vom Prinzip her einem Airbag, sie fängt Stöße ab. Und nur durch das enthaltene Fruchtwasser kann sich das Baby frei bewegen, trainiert seine Muskeln, bildet im Lauf der Entwicklung die Lungen­tätigkeit aus und lernt schlucken."

Wie entwickelt sich das Fruchtwasser?

Mit dem Beginn einer Schwangerschaft bildet der Körper Fruchtwasser, indem er klare Flüssigkeit aus dem Blut der Mutter filtert und die Flüssigkeit in die wachsende Fruchthöhle transportiert. "Schon nach der vierten Schwangerschaftswoche ist der Embryo vollständig von Flüssigkeit innerhalb der Fruchthöhle um­schlossen", erklärt der Human­genetiker Dr. Malte Spielmann vom Max-Planck-Institut für molekulare Ge­netik in Berlin. Dies ist physisch auch deshalb notwendig, damit der Fötus nicht an der Plazenta haften bleibt.

Anfangs besteht das kostbare ­Elixier hauptsächlich aus Wasser und Elektrolyten wie Natrium und Kalium, dazu kommen Nährstoffe wie Zucker, Fette und Eiweiße. Später reichern sich zusätzlich immer mehr Zell­­bestandteile des Fötus an, der Wasser­anteil nimmt ab. Auch die Menge des Fruchtwassers verändert sich: "Je länger die Schwangerschaft besteht, desto mehr wächst das Volumen an – von etwa 20 Milli­liter in der siebten Woche bis hin zu rund einem Liter um die 34. Woche herum", so Experte Spielmann.

Ab dem fünften Monat beginnt das Baby, Fruchtwasser zu schlucken und über die Niere auszuscheiden. Die Plazenta produziert immer wieder frische Flüssigkeit nach und transportiert alte ab. Wie viel Fruchtwasser sich gebildet hat, wird bei den vorgeburtlichen Kontrollunter­suchungen besonders genau unter die Lupe genommen.

Was tun bei zu wenig Fruchtwasser?

Eine zu geringe Menge kann im harmlosesten Fall bedeuten, dass die Schwangere schlicht zu wenig trinkt. "Manchmal weist zu wenig Fruchtwasser auch auf organische Erkrankungen des Embryos hin, etwa eine eingeschränkte Tätigkeit der Nieren oder Harnwege", sagt Mandy Mangler. Eine mangelnde Versorgung durch die Plazenta oder ein Leck in der Fruchtblase sind ebenfalls mögliche Auslöser. "Wird zu wenig Fruchtwasser gemessen, klären weitere Unter­suchungen wie zum Beispiel Ultraschall über die Ursache und die notwendige Behandlung auf", so die Gynäkologin.

Was sind Ursachen von zu viel Fruchtwasser?

Auch ein Überschuss an Fruchtwasser muss abgeklärt werden. Dann könnte etwa ein Schwangerschaftsdiabetes der Mutter dahinterstecken, der sich gut therapieren lässt. In vielen Fällen genügt eine engmaschige Über­wachung und ein besseres Ernährungs- und Trinkverhalten. Wissenschaftler konnten sogar nachweisen, dass Frucht­wasser den Geschmack bestimmter Speisen annimmt und sich auf diese Weise schon im Mutterleib kulina­rische Vorlieben prägen. Bevorzugt die Schwangere Brokkoli statt Sahnetorte, spart sie nicht nur Zucker ein, sondern darf auf einen späteren Gemüseliebhaber hoffen.

Was kann man im Fruchtwasser untersuchen?

Während Ärzte noch Mitte des letzten Jahrhunderts über keinerlei Möglichkeit verfügten, vor der Geburt etwas über den Gesundheitszustand des Babys zu erfahren, entwickelten Gynäkologen 1966 das Verfahren der Amniozentese. Dabei wird die Fruchtblase punktiert und Flüssigkeit entnommen. "So gewinnt man Zellen des Kindes und kann prüfen, ob ein chromosomaler Defekt besteht", erklärt Malte Spielmann. "Inzwischen lässt sich auf diese Weise rein technisch jedes Gen des Embryos untersuchen. Aber das ist kein Bestandteil der Routineunter­suchungen, sondern wird nur in medizinisch begründeten Fällen gemacht." Nachteile dieser aussagekräftigen Methode: Sie kann erst ab der 15. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden. Und es besteht durch den Eingriff ein leicht erhöhtes Risiko einer Fehl- oder Früh­geburt – im Gegensatz zu einem ­Bluttest. Der ist ab der zehnten Schwangerschaftswoche möglich, lässt jedoch nicht so genaue Aus­sagen zu. Deshalb sollten Eltern immer mit dem Arzt abwägen, welche Methode je nach vorliegenden Risiko­faktoren angemessen ist.

Was sagt die Farbe des Fruchtwassers aus?

Auch bei Einsetzen der Geburt liefert das Fruchtwasser wichtige Informationen. "Da die Flüssigkeit am Ende der Schwangerschaft von der Plazenta alle drei Stunden ausgetauscht wird, sollte sie klar und nahezu farblos aussehen", sagt Mangler. "Grünliche und bräunliche Verfärbungen deuten darauf hin, dass das Baby unter Stress steht und seinen Darm entleert hat, etwa aufgrund einer Mangelversorgung. Eine Ein­trübung weist oft auf eine bestehende Entzündung hin." In solchen Fällen müssen Ärzte schnell reagieren und eventuell einen Kaiserschnitt vornehmen, um Mutter und Kind nicht zu gefährden. "Ich bin sehr dankbar dafür, dass das Frucht­­wasser durch Aussehen und Menge so deutliche Signale sendet, denn das hilft uns dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen", meint die Gynäkologin.

Nicht jeder Stress schadet

Sie möchte ein wenig Druck von werdenden Müttern nehmen: "Man liest immer wieder von Stresshormonen, die aus dem mütterlichen Blut auf das Kind übergehen", sagt sie. "Tatsächlich erlebten Schwangere in früheren Zeiten viel mehr Stress, und die Produktion von Hormonen wie Cortisol treibt die Entwicklung, speziell die Lungenreifung des Babys voran." Hin und wieder schadet Stress also nicht. Allerdings: Nehmen die Belastungen überhand, sollten Schwangere das Gespräch mit ihrem Arzt oder ihrer Hebamme suchen und gemeinsam einen Weg finden für mehr Entspannung.


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