Eine Fehlgeburt verarbeiten

Sie kommen häufig vor und sind doch ein Tabuthema: frühe Fehlgeburten. Kerstin Bachmann verlor ihr ungeborenes Kind – und kämpfte lange mit dem Schmerz

von Sabine Hoffmann, aktualisiert am 18.01.2018
Müde Frau

Wie und wie lange eine Frau nach einer Fehlgeburt trauert, ist sehr unterschiedlich


Es war nur ein Blick, doch Kers­tin Bachmann (Name von der Redaktion geändert) wusste sofort, dass etwas nicht stimmte – obwohl sich alles so gut an­fühlte. Sie war glücklich verheiratet, ­­hatte bereits eine einjährige Tochter und war nun in der neunten Woche schwanger. Der Traum vom perfekten Familienglück mit zwei Kindern schien in greifbare ­Nähe zu rücken. Jetzt lag sie auf der Untersuchungsliege, starrte auf den Monitor des Ultraschallgeräts und konnte nicht glauben, was die Frauenärztin ihr mit ernster Miene mitteilte: "Es tut mir leid, aber das Herzchen schlägt nicht mehr!"

Erste Reaktion: Unglauben

Wie sehr hatte sie sich dieses Kind gewünscht. Und jetzt sollte plötzlich alles vorbei sein? "Im ers­ten Moment konnte ich das nicht glauben", erinnert sich die ­heute 37-Jährige. "Es war, als ­würde mich das Ganze nicht betreffen. Ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen. Deshalb habe ich zunächst auch rein gar nichts gespürt."

Erst später, als sie die Arzt­praxis schon längst verlassen ­hatte, realisierte die Verkäuferin, was passiert war: Sie ­hatte ­eine Fehlgeburt oder – wie man es bis zur zwölften Schwangerschafts­woche in der Fachsprache auch nennt – ­­einen frühen Abort.

15 Prozent der Schwangeren erleiden eine Fehlgeburt

Für Kerstin Bachmann und ihren Mann brach mit dieser Diag­nose, wie für die meisten Betroffenen, eine Welt zusammen. Sie hatten sich schon die Zukunft mit dem kleinen Wesen ausgemalt – und wären nicht auf die Idee gekommen, dass eine Fehlgeburt diesen Traum beenden würde.

Dabei erleiden sehr viele Frauen ­frühe Aborte. Etwa 10 bis 15 Prozent beträgt die ­Rate der Fehlgeburten. Besonders schmerzhaft ist der Verlust, wenn der Kinder­wunsch sehr stark und der Weg zur Schwangerschaft lang war. "Ein Abort kann sehr unterschiedliche Gründe haben und ist nur in wenigen Fällen auf ein Fehlverhalten der Mutter zurückzuführen", sagt Dr. Thilo Gröning, Frauen­arzt aus Moers. "­Häufig ist die befruchtete Eizelle aufgrund ­einer Chromosomenmuta­tion nicht überlebensfähig."

Die Suche nach der Schuld

Ein paar Tage später sollte sie zur Ausschabung ins Kranken­haus. Weil ihr Mann noch in der Arbeit war, fuhr Kerstin Bachmann gleich nach dem Termin bei der Frauen­ärztin zu ihrer Mutter. "Als ich ihr erzählte, dass ich mein ­­Baby ver­loren habe, kam die ­Trauer mit voller Wucht, und ich musste weinen", erzählt die Brandenburgerin. "Ich habe mir schreckliche Vorwürfe gemacht, denn kurz vorher war ich im Urlaub in Spa­nien. ­Immer habe ich mich gefragt, ob der Flug und die damit verbundene Strahlenbelastung die Fehl­geburt ausgelöst haben."

Obwohl ihre Frauenärztin das für unwahrscheinlich hielt und ­eine Gewebeuntersuchung nach der Ausschabung auf eine Miss­bildung des Embryos hindeu­tete, zermarterte sich Kerstin Bachmann weiterhin den Kopf. Sie suchte, wie die meisten Schwangeren nach ­einer Fehlgeburt, die Schuld bei sich. Ihre ­Trauer fraß sie in sich hinein, versuchte aber nach außen hin normal zu wirken. Doch tief in ihrem Inneren war sie verzweifelt. Nur mit ihrem Mann und mit ­ihrer Mutter sprach sie offen über ­ihre Gefühle.

Die Trauerphase kann lange anhalten

"Bewusste Trauer nach einer Fehlgeburt ist wichtig, um die schmerzhaften Erlebnisse zu verarbeiten", sagt die auf unerfüllten Kinderwunsch spezia­­lisierte Paar- und Familientherapeutin Dr. ­Petra Thorn. "Am besten ist, mit Menschen zu sprechen, die Mitgefühl haben, empathisch sind und die Situation verstehen. Das Vertrauens­verhältnis sollte so gut sein, dass die Betroffene auch die Möglichkeit hat, offen über mögliche Schuldgefühle zu sprechen. Das hilft in der Regel, das Erlebte zu bewältigen und die Gefühle ­aktiv zu verarbeiten."

Den Verlust nicht herunterspielen

Wesentlich sei aber auch, sich Gesprächspartner zu wählen, die nicht von einem erwarten, dass die ­Trauer schnell überwunden ist. ­Diese Trauer­phase kann mehrere Monate bis über ein Jahr dauern. Dennoch verstehen viele Außenstehende Fehlgeburten nicht als Traueranlass. Oft heißt es: "Das war ja noch keine richtige Schwangerschaft und ist deshalb auch nicht so schlimm!" Oder: "Ihr könnt es ja noch mal ver­suchen!" Der Verlust des ungeborenen Kindes wird herunter­gespielt – obwohl er für die Betroffenen sehr schwerwiegend ist. Ein Mensch in dieser Situa­tion kann nicht glauben, dass sein Schmerz jemals leiser werden wird.

Kerstin Bachmann ging es in der ersten Zeit nach der Aus­schabung schlecht. Mal war sie erleichtert, weil sie nicht länger das Gefühl ­hatte, ihr totes Kind unter dem Herzen zu tragen. Aber wenn sie auf der Straße ­eine junge ­Mutter mit Kinder­wagen sah, hätte sie am liebsten wieder losgeheult.

Zeit zum Abschiednehmen

Für viele Eltern ist die Be­erdigung ein wichtiger Schritt des Abschiednehmens. Viele Kliniken bieten auch schon bei einer frühen Fehlgeburt Sammel­bestattungen an. In ­einigen Bundesländern sind auch in­­dividuelle Bestattungen möglich. Allerdings ist das Bestattungsrecht Ländersache. Ob ein Anrecht auf ­eine Be­stattung besteht, erfahren Sie
über die Initiative Regebogen "Glücklose Schwangerschaft e.V.".

Männer trauern anders als ihre Frauen

Auch ihr Mann war traurig. Doch wie so viele Männer zeigte er ­seine Emotionen nicht so deutlich. "Männer und Frauen trauern auf unterschiedliche Weise", erklärt die Familientherapeutin. "Während Frauen immer wieder mit dem Partner über ihre Gefühle reden wollen, reagieren Männer mit Aktivität: Sie verarbeiten, indem sie Dinge angehen und umsetzen, sich manchmal in Arbeit stürzen. Das ist ihre Art, die Trauer zu bewältigen."

Gerade in solchen Situationen empfiehlt die Familientherapeutin, viel mit­­einander zu reden, um Verständnis für die Trauerbewäl­tigungsmechanismen des Partners zu entwickeln. Ihr Rat: "Fragen Sie konkret: Was tut dir gut?" Gerade für Männer sei es wichtig, von den Frauen zu hören, was sie tun können und welche Aktivitäten eben nicht gut seien. Thorns Empfehlung: "Schildern Sie ganz pragmatisch Ihre Wünsche. Sagen Sie zum Beispiel ganz direkt zu Ihrem Partner: Mir tut es gut, wenn ich ­heute Abend eine Viertelstunde in deinen Armen weinen darf und du mir keine Fragen stellst, sondern mich nur festhältst!"

Klare Kommunikation ist wichtig

Für viele Frauen mag es ungewohnt sein, sich so deutlich auszudrücken. Aber für die Männer ist das meist hilfreich. Gerade in den ersten Wochen und Monaten nach einer Fehlgeburt drehen sich die Gedanken immer wieder um diesen Verlust. "Langfristig", so die Familientherapeutin, "sollte ­jedoch das Auf und Ab der Emotionen weniger werden, und das Gefühlschaos sich wieder normalisieren." Darauf sollten insbesondere die Vertrauenspersonen achten und gegebenenfalls den Mut haben, Betroffenen anzuraten, sich professionelle Hilfe zu holen.

Ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Kind

Gerade rund um den errechneten Geburtstermin im September 2002 dachte Kerstin Bachmann sehr viel an ihr verlorenes Kind. Als Trauerritual pflanzte sie auf dem Balkon eine Hyazinthe, denn diese blüht jedes Frühjahr aufs Neue: "Das war für mich ein Zeichen der Verbundenheit zu meinem Kind."
Erst vier Jahre später, 2006, wurde sie wieder schwanger. Inzwischen ist Kerstin Bachmann Mutter von drei Mädchen – und hatte 2014 noch ­eine weitere Fehlgeburt. Der Verlust der beiden ungeborenen Kinder schmerzt sie heute noch manchmal. Doch mittler­weile kann sie offen über ihre Gefühle sprechen. Wohl auch, weil sie froh und dankbar ist, trotz der beiden Fehlgeburten drei gesunde Kinder zu haben.


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Klar, im Frühling/ Sommer/ Herbst/ Winter Geburtstag zu haben, ist doch viel schöner
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