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Depressionen bei Schwangeren früh erkennen

Mit ihrem Projekt Mind:Pregnancy will die Gynäkologin Dr. Stephanie Wallwiener Depressionen bei Schwangeren frühzeitig feststellen. Warum das so wichtig ist und wie kleine Dinge Betroffenen helfen können

von Peggy Elfmann, 26.06.2019
Dr. Stephanie Wallwiener

Mit ihrem Projekt Mind:Pregnancy will die Gynäkologin Dr. Stephanie Wallwiener Depressionen bei Schwangeren frühzeitig feststellen


Frau Dr. Wallwiener, Sie leiten das Projekt Mind:Pregnancy, ein neues Programm für Achtsamkeit in der Schwangerschaft. Sind werdende Mütter nicht schon gut versorgt?

Ich beschäftige mich mit meiner ­Arbeitsgruppe seit zwölf Jahren mit dem Thema Psyche in der Schwangerschaft. In unseren Studien sehen wir immer wieder, dass viele Schwangere von Depressionen und Angststörungen betroffen sind. Die medizinische Versorgung ist in Deutschland sehr gut. Es gibt kaum ein Land mit so einer ausführlichen ­Schwangerenvorsorge. Aber die psychische Situation von Schwangeren wird vernachlässigt.

Warum ist die so wichtig?

Zum einen bedeutet eine Depression in der Schwangerschaft den größten Risiko­faktor für eine postpartale Depression, die die Beziehungsbildung zum Kind erheblich stört. Für mich aus gynäkologischer Sicht hat diese Patientengruppe ein enorm hohes Kaiserschnitt-Risiko. Die Kaiserschnittrate bei Schwangeren mit Depressionen und Geburtsangst ist deutlich erhöht. Ein Kaiserschnitt gehört zwar zu den häufigen Operationen, aber er stellt immer noch eine Operation dar, mit gewissen gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind. Deshalb sollte er nur gemacht werden, wenn er medizinisch notwendig ist.

Was genau ist das Ziel von Mind:Pregnancy?

Das Projekt wurde gezielt für Schwangere entwickelt. Es schließt eine Versorgungslücke, da die psychische Belastung bislang im Rahmen der Schwangerenvorsorge nicht systematisch erhoben und behandelt wird. Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen bleibt zu wenig Zeit, um die psychische Situation zu besprechen. Zudem gibt es keine Standards, sondern wird von den Frauenärzten sehr individuell gehandhabt. Das wollen wir ändern. Schwangeren, die an schweren Depressionen oder Angststörungen leiden, soll so frühzeitig und schnell geholfen werden. Und allen mit leichten Symptomen bieten wir mit dem Online-Programm Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie viele Schwangere leiden an einer Depression oder einer Angststörung?

Zwischen zehn und 20 Prozent der Schwangeren haben eine Depression. Angststörungen sind ebenfalls weit verbreitet. Etwa 15 Prozent der Frauen erleben moderate, sechs Prozent eine schwere Angst vor der Geburt.

Niedergeschlagen oder ängstlich ist ja jede Frau mal, woran erkennt man, dass mehr dahintersteckt?

In der Schwangerschaft ist ein Auf und Ab der Gefühle völlig normal. Die Hormone stellen sich um, und der Körper verändert sich. Man sollte jedoch unbedingt hellhörig werden, wenn die Stimmung dauerhaft, also über vier Wochen, schlecht ist, wenn die Frau sich zurückzieht, sehr traurig ist und sich gar nicht auf das Kind freuen kann.

Schaffen es die Betroffenen selbst, die Zeichen zu deuten?

Nur ein geringer Teil. Das Projekt läuft seit Januar, und bislang haben wir festgestellt, dass sich nur wenige Frauen direkt an uns wenden oder nach Hilfe suchen. Der Großteil der Frauen braucht dazu die Hilfe von anderen. Frühere Studien haben gezeigt, dass nur 20 Prozent der Betroffenen tatsächlich diagnostiziert werden.

Woran liegt das?

Sicher auch an unserer gesellschaftlichen Einstellung. Es wird erwartet, dass sich werdende Mütter immer glücklich fühlen und sich auf das Kind freuen. Aber dass die Erwartungen und Belastungen teilweise sehr hoch sind und es vielen nicht gut geht, darüber sprechen weder die Frauen noch ihr Partner oder das Umfeld.

Wie sehen Sie die Rolle des ­Partners oder der Familie?

Sie spielen eine wichtige Rolle. Halten die Symptome bei der Schwangeren länger an, sollten sie sie direkt darauf ansprechen. Je bewusster das Umfeld dafür ist und je offener es damit umgeht, umso schneller sucht sich die Schwangere Hilfe oder ist bereit, Hilfsangebote anzunehmen.  

Wie funktioniert das Projekt?  

Die Frauen füllen bei ihrem Frauenarzt einen Frage­bogen aus. Der wird an ­­eines der Studienzentren weitergeleitet. Bei akuter Gefahr meldet sich eine Psychologin sofort bei der Frau und vermittelt sie weiter. Zeigt der Fragebogen Hinweise auf psychische Probleme, laden wir die Frau zu einem Erstgespräch ein. Das findet entweder hier in Heidelberg, in Tübingen oder über Videotelefonie statt. Im Gespräch geht es darum herauszufinden:
Was hat die Patientin? Was braucht sie? Welche Therapie passt zu ihr? Der größte Prozentsatz der Betroffenen – bis zu 60 Prozent – leiden an leichten ­­Depressionen oder an Geburtsangst. Für sie ist unser Online-Achtsamkeitsprogramm gemacht.

Wie kann ein Online-Programm bei Depressionen helfen?

Das Programm geht über acht Wochen. Es wurde von Psychologen und Medizinern entwickelt und schult umfassend für den Umgang mit Ängsten und Depressionen. Die Module sind abwechslungsreich und beinhalten ­­Texte mit Hintergrundwissen, Tipps aus der Verhaltenstherapie sowie Videos und Anleitungen zu Atem- und Yogaübungen. Teilnehmen kann man über Smartphone, Tablet oder Computer. Jede Woche wird für die Patientin ein neues Modul freigeschaltet.

Im Zentrum des Programms steht Achtsamkeit. Wie hilft sie?

Dieses Projekt ist gleichzeitig eine Studie, die zeigen soll, inwieweit Achtsamkeit bei leichten Depressionen nützt. Wir haben vorher schon kleinere Studien und Befragungen durchge­führt. Da waren die Effekte durchweg ­positiv. Achtsamkeit, also das bewusste Konzentrieren auf sich selbst und das Lernen von Wegen, mit Stress umzu­gehen, hat gut funktioniert. Große Studien mit über 1000 Patienten, so wie unsere jetzt angelegt ist, gab es zum Beispiel mit Patienten mit chronischen Schmerzen. Da gab es fast ausschließlich positive Rückmeldungen. Interessanterweise haben die Ergebnisse gezeigt, dass Achtsamkeitstraining ähnlich wirkt wie Psychotherapie.

Was passiert beim Achtsamkeits­training?  

Es geht darum, sich bewusst Zeit für sich zu nehmen, die eigenen Prob­leme und Ängste wahrzunehmen, sich damit auseinanderzusetzen, auch mit konkreten Anleitungen und Tipps.

Ihr jüngstes Kind ist erst ein paar Monate alt. Haben Sie persönlich auch von dem Projekt profitiert?  

Während meiner zweiten Schwanger­schaft habe ich die Ideen dazu entwickelt und jetzt in der dritten die Yoga- und Atemübungen ausprobiert. Mir persönlich hat das sehr geholfen, auch jetzt noch. Wenn man ruhig und bewusst atmet, kann man in dem Moment gar nicht mehr gestresst sein.

Spielt Bewegung auch eine Rolle oder geht es nur ums Innehalten?

Es ist schwierig, hier Kausalitäten herzuleiten, aber wir sehen, dass Schwangere, die sich viel bewegen, seltener an Depressionen und Angststörungen leiden. Dabei geht es nicht um Sport, sondern um Alltagsbewegung. Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung: Bewegung, am besten an der frischen Luft, hilft mir, zu entspannen und achtsamer mit mir umzugehen.

Ist das eine Strategie, damit ­Depressionen oder Angststörungen gar nicht erst entstehen?  

Es gibt Risikofaktoren wie Schlafmangel und Hormonschwankungen. Man weiß auch, dass das Risiko erhöht ist, wenn die Frau bei einer vorhergehenden Schwangerschaft eine Depression hatte. Diese Faktoren kann man nicht beeinflussen. Beeinflussen lässt sich aber der eigene Umgang mit Stress.

Worauf kommt es an?  

Aus Erfahrung wissen wir, dass Schwangere, die nur wenig Unterstüt­zung haben, häufiger von Depressionen und psychischen Störungen betroffen sind. Die depressive Störung entwickelt sich hauptsächlich über eine dauerhafte Überlastung und bleibt durch sie aufrechterhalten. Viele Schwangere denken, sie müssten alles alleine erledigen und trauen sich nicht, um Hilfe zu bitten, oder wissen nicht, wen sie fragen können. Ich kann nur Mut machen, sich im privaten Umfeld mit den eigenen Ängsten und Sorgen zu öffnen. Das senkt zum einen die Stresshormone, zum anderen ermöglicht es Unterstützung von anderen.

Wie geht es mit dem Projekt Mind:Pregnancy weiter?

Die Studie läuft bis 2020, und erst nach der Evaluation wissen wir, ­welchen Nutzen Achtsamkeit hat und welche Maßnahmen genau hilfreich sein können. Ich wünsche mir, dass die psychologische Unterstützung in die Regelversorgung für ­Schwangere eingeht und dass entsprechende Ange­bote allen Schwangeren zugute­kommen. Hier in Heidelberg gehören unsere Psychologinnen bereits zum Team der Frauenklinik, als normaler Teil der Schwangerenversorgung.

Hilfe finden
Mind:Pregnancy läuft als Studienprojekt nur in Baden-Württemberg. Mehr Infos unter:
www.mindpregnancy.de.

Bei Sorgen kann sich jede ­Schwangere an die kostenlosen Hilfetelefone "Schwangere in Not" unter Tel. 08 00/40 40 020 oder die "Nummer gegen Kummer"
unter 08 00/11 10 550 wenden oder an den Selbsthilfeverein Schatten und Licht: www.schatten-und-licht.de

Psychotherapeuten haben oft lange Wartelisten. Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen vermitteln freie Plätze:
www.bundesgesundheitsministerium.de/?id=368


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