{{suggest}}


Digitalisierung in Grundschulen: Chance oder Risiko?

Laptops und schnelles Internet – auch schon für Schulanfänger. Das soll das Ziel sein, um unsere Kinder auf technischen Fortschritt, modernes Lernen, aber auch Ausnahmesituationen wie die Corona-Pandemie vorzubereiten. Aber ist das wirklich eine gute Idee?

von Stephanie Arndt, 27.08.2020

Das Einmaleins per Mathe-App üben, erste Wörter auf dem Tablet erkennen und laut Vorlesen per Videokonferenz: So sah Unterricht in Zeiten des Homeschoolings bei vielen Kindern aus – oder auch nicht. Das Coronavirus wirkte gerade in punkto Digitalisierung in Schulen wie ein Brennglas und Katalysator: Gutes und Schlechtes wurde ungeschönt sichtbar, Prozesse angeschoben oder beschleunigt. In den nächsten Jahren sollen alle Schüler, auch schon die Kleinsten, flächendeckend mit schnellem Internet und Laptops ausgestattet werden. Das wünschen sich die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag und stellen dafür mit dem Digitalpakt Schule fünf Milliarden Euro zur Verfügung. Aber ist der immer stärkere Einsatz digitaler Medien in Schulen eigentlich gut für die Entwicklung von Lernanfängern?

Mareike Thumel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Nützliches Werkzeug?

"Eindeutig ja", sagt Mareike Thumel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. "Viele Lehrende haben während des Shutdowns gezeigt, dass eine gute pädagogische Bildungsarbeit mit Hilfe von Digitalisierung auch auf Distanz für eine begrenzte Zeit funktionieren kann. Sogar in den Klassen 1 bis 4."

So habe eine Lehrerin mit dem Klassenmaskottchen, einem Kuscheltier, kleine Erklär-Filme gedreht und an die Schüler verschickt. Eine andere Frühblüher fotografieren lassen und als Gemeinschaftsarbeit eine Collage erstellt. "Damit konnten Grundschulen neben der Wissensvermittlung ihre wichtigste Aufgabe erfüllen: die Beziehung zur Schülerschaft aufrecht erhalten", so die Medienpädagogin. "Aber auch der normale Schulalltag profitiert von Methodenvielfalt. Deswegen sollten wir diesen Fortschritt vorantreiben."

Ohne Unterstützung geht es nicht

Doch genau hier liegt die Herausforderung – das ist im Corona-Rückblick ebenfalls deutlich erkennbar. Der Großteil der Lehrenden musste private Laptops und Drucker benutzen. Kinder ohne Endgeräte blieben auf der Strecke. "Entscheidend für die Zukunft ist, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind oder werden", erklärt Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender der gemeinnützigen Stiftung "Haus der kleinen Forscher", die sich für frühe Bildung im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (kurz: MINT) einsetzt. "Wichtig ist auf beiden Seiten eine gute technische Ausstattung, sonst wird es schwierig. Gleichzeitig brauchen Pädagogen Konzepte, Ideen und natürlich die Fähigkeit, digital-unterstütztes Lernen auch umsetzen zu können – von der technischen, aber auch didaktischen Seite. Sprich: Wie binde ich digitale Tools in den Unterricht ein? Und auch die Unterstützung der Eltern – gewissermaßen als Lernbegleiter ihrer Kinder – ist von großer Bedeutung, etwa indem sie vermitteln, wie Lerntage gestaltet und Informationen dokumentiert werden." Fritz, der selbst lange als Schulleiter arbeitete, sieht die Grundschulen in erster Linie als Vorbereiter auf die Digitalisierung: "Wichtig ist, dass Kinder das System verstehen und Kompetenzen im Umgang mit digitalen Geräten erwerben."

Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender der gemeinnützigen Stiftung „Haus der kleinen Forscher“

Entdecken statt berieseln

Beide Experten sind sich einig, dass Digitalisierung nicht bedeutet, Kinder stundenlang Computerspiele spielen oder Videos gucken zu lassen – das sei eindeutig schädlich für die Entwicklung von Kindern. "Auch Fernunterricht von 8 bis 13 Uhr, bei dem die Kinder passiv vor dem Bildschirm sitzen, ist nicht der Sinn der Sache und hat mit digital-unterstütztem Lernen nichts zu tun", so Fritz. "Richtig umgesetzt kann es jedoch einen großen Mehrwert bringen und Kindern helfen, die Welt zu entdecken und zu verstehen. Zum Beispiel wenn beim Erforschen von Ameisen auch mal eine Digitalkamera mit Endoskop zum Einsatz kommt, mit der man in einen Ameisenbau hineinschauen kann. Und vielleicht danach noch mit Balkendiagrammen veranschaulicht wird, wie viele Ameisen wo im Garten unterwegs sind – das geht auch schon in der Grundschule mit Unterstützung."

Eine Frage des Blickwinkels

Auch Mareike Thumel sieht solche Ideen als Gewinn. "Digitale Lernangebote sind einfach eine andere Art der Informationsbeschaffung und nicht besser oder schlechter. Wir sollten nicht nur das Negative sehen und es ist klar, dass Lernplattformen niemals eine Lehrkraft oder Präsenzunterricht ersetzen können oder sollten." Wichtig sei nicht nur die Abwechslung zwischen analogem und digitalem Lernen, sondern auch das, was danach passiert. Thumel: "Wir sprechen von Anschlusskommunikation beziehungsweise Aktion, also dem Verarbeiten der Informationen durch Gespräche oder durch das Nachmalen, Spielen oder Basteln der visuellen Eindrücke." Fritz pflichtet ihr bei: "Digitale Angebote sind Mittel zum Zweck und können Pädagogen dabei unterstützen, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern in einer Klasse zu erfüllen. Dennoch gilt: Pädagogik vor Technik und Technik dient dem Menschen und nicht umgekehrt. Oberstes Ziel muss ein mündiger, das heißt verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien sein." Thumel wünscht sich zudem, dass Kinder die Fähigkeit erlernen, die digitale Welt kreativ kritisch zu nutzen und sich nicht in ihr zu verlieren.

Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte

Sozialisation kann nicht digital erworben werden

Das wünscht sich ebenfalls Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte (BVKJ) und appelliert auch an Eltern, Vorbild zu sein und immer einen kritischen Blick auf die Uhr zu werfen. "Bildschirmzeit – unabhängig von der Qualität der Angebote – geht immer zu Lasten der Bewegung und des realen Lebens. Die Pandemie hat die Situation erheblich verschärft. Wir stellen seit Jahren fest, dass Kinder immer inaktiver werden und auch weniger soziale Kontakte pflegen. Kommt zu der schulischen Bildschirmzeit noch am Nachmittag ein Film, ein Computerspiel oder das Chatten mit dem Smartphone dazu, kann das gerade jüngere Kinder schnell überfordern. Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Übergewicht und Antriebslosigkeit sind auch in dieser Altersgruppe keine Seltenheit mehr. Im Mittelpunkt sollten nach wie vor das Spielen mit Gleichaltrigen stehen und möglichst oft in der Natur."


Wer macht bei Ihnen mehr im Haushalt?
55.47%
23.23%
21.3%
Beide gleich viel
Er
Sie
Insgesamt abgegebene Stimmen: 5544
Haben Sie Ihr Kind taufen lassen?
Zum Ergebnis