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Schlafprobleme: Darf man Babys schreien lassen?

Schläft das Baby schlecht, denken viele Eltern über ein Schlaflernprogramm nach. Die Ferber-Methode rät, das Baby auch mal schreien zu lassen. Was ist davon zu halten?

von Daniela Frank, 16.09.2016
Baby schreit

Für Eltern meist kaum auszuhalten: Zusehen, wenn ihr Kind schreit


Babys mit Schlafproblemen weinen viel. Immer gleich trösten oder auch mal schreien lassen? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Das zeigt auch die Diskussion um die sogenannte Ferber-Methode aus dem Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth. Richard Ferber, ein US-amerikanischer Kinderarzt und Leiter eines Schlaflabors rät Eltern unter anderem, ihr Kind in müdem Zustand ins Bett zu legen und nach einem kurzen Einschlafritual das Zimmer zu verlassen. Schreit es – wovon bei Kindern mit Schlafproblemen auszugehen ist – sollen die Eltern eine bestimmte Anzahl von Minuten warten, bevor sie kurz ins Zimmer gehen und das Kind durch Zureden und eventuell Auflegen einer Hand beruhigen. Dann sollen sie das Zimmer wieder verlassen und erst nach einer weiteren bestimmten Anzahl von Minuten zurückkehren. Innerhalb von wenigen Tagen, spätestens aber nach zwei Wochen, soll das Baby alleine einschlafen können.

Immer wieder kritisieren Eltern und Experten, dass das Schreien lassen – und somit die Ferber-Methode – Kindern psychisch schaden kann. Ihr Bedürfnis nach Nähe und Tröstung werde ignoriert, die Bindung zwischen Eltern und Kind gestört. Tatsächlich ist es für Eltern oft nicht einfach, das Programm durchzuhalten. Das eigene Kind im Nebenzimmer schreien zu lassen, ist eine nervliche Belastung und fühlt sich für viele falsch an. Vor einigen Jahren starteten Eltern sogar eine Petition gegen die Neuauflage des Buchs.

Studie entlastet die Ferber-Methode

Nun kam eine australische Studie jedoch zu dem Schluss, dass die Ferber-Methode nicht schädlich ist. Die Forscher verglichen drei Gruppen von Kindern zwischen sechs und 16 Monaten, die verschiedene Schlaflernhilfen erhielten. Eine die Ferber-Methode, die zweite eine Methode, bei der die Schlafenszeit jeden Tag etwas weiter nach hinten geschoben wird und bei der dritten, der Kontrollgruppe, bekamen die Eltern einige grundlegende Informationen zum Babyschlaf.

Nach einer Woche hatten beide Schlaftrainings einen nachweislich positiven Effekt: Die Kinder schliefen schneller ein und wachten nachts seltener auf als in der Kontrollgruppe, letzteres war besonders bei der Ferber-Methode der Fall. Außerdem maßen die Forscher während der Trainings den Cortisolwert bei Mutter und Kind, der ein Hinweis auf das Stresslevel ist. Bei den Kindern war er während der Schlaflernprogramme nicht erhöht, die Mütter waren im Anschluss etwas weniger gestresst als vorher. Zudem war die Bindung zwischen Mutter und Kind nach einem Jahr durch die Schlaftrainings nicht beeinträchtigt. Ist es also kein Problem, das Kind schreien zu lassen, damit es lernt, alleine einzuschlafen? Wir haben Dr. Margret Ziegler, Ärztliche Leiterin des Schwerpunkts "Frühe Entwicklung und Kommunikation" am KBO-Kinderzentrum in München, gefragt.

Dr. Margret Ziegler

Frau Dr. Ziegler, ist es wirklich nicht schädlich, wenn Eltern ihr Kind bei Schlafproblemen schreien lassen, wie die Ferber-Methode empfiehlt?

Das kommt darauf an. Die Ferber-Methode empfiehlt ja nicht, das Kind in den Keller zu sperren und sich selbst zu überlassen. Natürlich lassen es die Eltern dabei nicht einfach stundenlang schreien. Sie gehen nach ein paar Minuten zu ihm ins Zimmer, nach kurzer Beruhigung wieder raus. Oft schreit das Kind dann aber sofort wieder. Für Eltern ist das meist sehr belastend und für das Kind frustrierend. Deshalb empfehle ich diese Methode nicht. Falls Eltern sich entschließen, ein solches Programm durchzuführen, halte ich begleitend eine allgemeine Schlaf- und Entwicklungsberatung für sehr wichtig.

Warum ist das sinnvoll?

Viele Eltern besitzen zu wenig Wissen über die Schlafentwicklung von Kindern. Sie sollten sich darüber informieren, wie sich der Schlaf in den ersten Lebensjahren entwickelt. Kinder werden – genau wie Erwachsene übrigens – nachts regelmäßig wach. Zum einen ist es normal, dass sie in den ersten Lebensjahren dann die Rückversicherung der Eltern suchen. Kinder mit Schlafstörungen haben andererseits aber keine Strategien, dann wieder einzuschlafen. Sie fordern die Hilfe der Eltern – indem sie schreien. Kinder ohne Schlafstörungen schaffen das alleine.

Bevor das Kind sechs bis acht Monate alt ist – manche Experten sagen sogar, vor dem zwölften Lebensmonat – sollten die Eltern kein Schlaflernprogramm durchführen. Viele Eltern, die in unserer Beratungsstelle kommen, haben die Ferber-Methode schon versucht und es nicht ausgehalten, dass ihr Kind so lange schreit. Sie möchten das nicht mehr machen. Stattdessen wünschen sie sich individuelle Unterstützung, viele haben ganz spezielle Fragen.

Wie gehen Sie in der Münchener Sprechstunde für Schreibabys vor?

Zunächst ist es wichtig, den Schlafbedarf des Kindes zu ermitteln. Denn dieser kann stark variieren. "Wenigschläfer" brauchen im Alter von zwölf Monaten zum Beispiel insgesamt nur 11 bis 12 Stunden Schlaf, "Vielschläfer" 14 bis 15 Stunden. Mithilfe eines Schlaftagebuchs zeichnen Eltern zwei Wochen lang den Tag- und Nachtschlaf auf und ermitteln dann den durchschnittlichen Schlafbedarf. Manche Kinder verbringen für ihren Schlafbedarf zum Beispiel zu viel Zeit im Bett, sie können nicht mehr schlafen. Der Schlafrhythmus, vor allem die Dauer des Tagschlafs, muss dann an den gesamten Schlafbedarf des Kindes angepasst werden. Meist bessert sich durch diese Veränderungen bereits die Schlafstörung. Falls nicht, muss in Schritten die Einschlafsituation verändert werden. Auch, wenn das Kind beim nächtlichen Erwachen schreit, ist das letztlich meist eine Wiedereinschlafstörung: Es schafft nicht, alleine in den Schlaf zu finden.

Was hilft dann?

Am besten entwöhnen die Eltern das Kind schrittweise von den Einschlafhilfen. Der erste Schritt ist meistens, Füttern und Schlafen zu trennen. Das Kind soll einschlafen können, ohne an der Brust oder Flasche zu nuckeln. Der zweite Schritt ist, dass die Mutter zwar beim Einschlafen dabei bleibt, aber höchstens noch eine Hand auf die Brust des Babys legt. Als dritten Schritt soll das Kind ohne Körperkontakt einschlafen lernen und schließlich ohne Anwesenheit der Eltern. Die Schritte können auch kleiner sein, je nachdem, wie gut Eltern und Kind mitgehen können. Bei der Ferber-Methode ist das alles zusammen ein sehr großer Schritt, der die Eltern, aber auch das Kind überfordern kann.

Ist Ihre Methode mit weniger Schreien verbunden?

Nicht unbedingt. Es ist wichtig, dass man die Eltern darauf hinweist. Wenn das Kind zum Beispiel gewohnt ist, beim Fläschchen trinken im Arm der Mutter einzuschlafen und sich diese Gewohnheit ändert, weiß es zunächst nicht, wie es einschlafen soll. Dann schreit es. Auch, wenn Eltern plötzlich nicht mehr beim Einschlafen kuscheln, sind Kinder unter Umständen frustriert und weinen.

Aber Eltern fällt es leichter, durchzuhalten, wenn sie beim Kind sein und ihm beistehen können. Denn zum Schlafen lernen brauchen Kinder die Rückversicherung der Eltern, dass sie nicht alleine sind. Und die Eltern brauchen das Zutrauen, dass das Kind es lernen kann. Und natürlich brauchen sie Regeln, an die sie sich halten, zum Beispiel einen klaren Rhythmus. Außerdem ist die therapeutische Begleitung entscheidend. Vor allem bei Kindern mit schweren Schlafstörungen brauchen Eltern und Kind eine gute Betreuung.

Ist die Ferber-Methode also nicht gefährlich?

Wenn die Eltern-Kind-Beziehung stabil ist und man die Ferber-Methode korrekt anwendet, wird das Kind nicht traumatisiert, das hat die Studie gezeigt. Allerdings wurde nur eine kleine Gruppe untersucht. Nach einem Jahr hatten die Kinder eine genauso sichere Bindung zur Mutter wie in der Kontrollgruppe. Was bei der Studie aber sicher eine Rolle spielt ist, dass die Eltern alle eine Schlafberatung bekommen haben.

Wann sollten Eltern die Ferber-Methode nicht durchführen oder abbrechen?

Wenn das Kind stundenlang schreit, ist es wichtig, abzubrechen – ich würde sagen, spätestens nach 60 Minuten. Auch wenn sich die Eltern überfordert und hilflos fühlen oder sogar wütend auf das Kind werden. Oder auch, wenn sich die Schlafprobleme des Kindes nach einigen Tagen, maximal zwei Wochen nicht deutlich bessern. Denn es können störende Umgebungsfaktoren oder eine Erkrankung des Kindes vorliegen. Deshalb sollten Eltern am besten mit dem Kinderarzt sprechen, bevor sie ein Schlafprogramm durchführen. Ungeeignet und schädlich ist die Methode, wenn die Beziehung zur Mutter oder den Eltern stark belastet oder gestört ist. Oft holen sich Kinder die Nähe, die sie brauchen, dann nämlich in der Nacht. Dann muss unbedingt zunächst in einer Therapie an der Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung gearbeitet werden.


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