Ruhiger Schlaf statt Albträume

Schlechte Träume ­quälen viele Kinder. Ein Schlafforscher erklärt, was Eltern tun können, um die Angst in der Nacht zu zähmen

von Marian Schäfer, 08.09.2015

Die Zweijährige plappert im Bett noch vor sich hin, dann schläft sie ein. Plötzlich fängt sie panikartig an zu schreien und sitzt senkrecht im Bett, halb wach, halb schlafend. Eine typische Situa­tion bei Kleinkindern. "Viele ­Eltern beunruhigen solche Szenen aber", sagt Professor Michael Schredl, Traumforscher und wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. "Manche denken gar, ihr Kind sei psychisch krank." Er beruhigt: "Die Nachtangst, wie wir das Phänomen nennen, ist so normal, wie Albträume es sind – und wird oft mit ihnen verwechselt." Aber was unterscheidet beides voneinander – und wie können Eltern die nächtliche Angst zähmen?

Nachtangst oder ­Albtraum: Wo ist der Unterschied?

"In der Praxis lässt sich beides leicht voneinander abgrenzen", sagt Schredl. Nacht­angst trete vorwiegend in der ers­ten Nachthälfte auf, oft ­etwa ­eine Stunde nach dem Einschlafen. "Albträume passieren eher in der zweiten Nacht­hälfte." Kinder, die einen Albtraum haben, wachen meist auf, sind ansprechbar – und können sich in der Regel morgens daran erinnern. "Bei der Nachtangst", so Schredl, "wacht das Gehirn nicht komplett auf." Die Kinder wirken benommen, sind nicht ansprechbar und erinnern sich morgens kaum an etwas.

Wie viele Kinder sind ­betroffen?

Beide Phänomene sind weit verbreitet. "Je jünger die Kinder sind, desto wahrscheinlicher ist aber Nachtangst", sagt Michael Schredl. Am häufigsten trete sie im ­Alter von drei bis sieben Jahren auf. ­Etwa 20 Prozent der Kinder litten etwa einmal im Monat unter ihr. Die Häufigkeit von Albträumen sei hingegen bei Sechs- bis Zehnjährigen am größten: 50 bis 70 Prozent von ihnen hätten etwa einmal im Monat einen Albtraum.

Woher kommen Ängste und schlechte Träume?

Bei der Nachtangst lässt sich das nicht genau sagen. Bei Albträumen sind mögliche Auslöser etwas besser bekannt: So legt zum Beispiel ­eine finnische Zwillingsstudie ­nahe, dass die genetische Veranlagung ­eine ­Rolle spielt: "Besonders betroffen scheinen sen­sible, krea­tive, fantasievolle Menschen zu sein", so Schredl. Auch Stress ist wohl ein Faktor – und könnte wiederum mit der Veranlagung zu­sammenhängen: "Bei hoher Veranlagung reicht wenig Stress aus, um Albträume zu begünstigen – und umgekehrt." Manchmal stecken hinter Albträumen auch Traumata – etwa durch sexuelle Gewalt oder Todesfälle in der Familie. "Ungeklärt ist die Wirkung des Medien­konsums", sagt Schredl. Zwar könnten Inhalte, etwa aus Kino­filmen, in Albträumen eine Rolle­ spielen. "Unklar ist aber, ob sie Auslöser sind."

Wie reagiert man jetzt richtig?

Wichtig ist hier, zwischen Nacht­angst und Albtraum zu trennen: "Kinder mit Nachtangst können die Person, die ihnen helfen will, nicht erkennen", so Schredl. Er rät davon ab, das Licht anzumachen, die Kinder zu berühren oder gar zu wecken: "Das verängstigt sie meist noch mehr. Eltern bleiben am besten bei ihnen, warten ab und sprechen allenfalls beruhigend und leise mit ihnen", sagt der Experte. "Meist legt sich das Kind wieder hin und schläft einfach weiter." Bei Albträumen ist das anders: Wachen Kinder davon auf, sind sie meist voll orientiert. "Gerade ­kleine Kinder haben dann oft große Angst", sagt Schredl. Hier hilft es, das Licht anzumachen, mit ­ihnen zu sprechen und ihnen etwa zu zeigen, dass weder im Schrank noch unter dem Bett ein Monster lauert. Bis das Kind wieder einschläft, kann es eine Weile dauern.

Können Eltern vorbeugen?

Beeinflussen können Mütter und Väter am ehesten den Faktor Stress. "Eltern sollten schauen, welchen Belastungen das Kind ausgesetzt ist", rät Schredl. Gibt es etwa Probleme in der Schule oder Spannungen in der Familie? Je jünger Kinder sind, desto sensibler reagieren sie auch auf Kleinigkeiten: auf Veränderungen in der Schlafumgebung etwa oder darauf, dass das Abendessen später stattfindet als sonst. "Kinder profitieren von einem festen Tagesrhythmus", sagt Schredl. Er emp­fiehlt, entspannende Einschlafrituale einzuführen, etwa noch gemeinsam zu kuscheln und eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. "Je entspann­ter der Schlaf, desto seltener treten Nachtangst und Albträume auf."

Wann sollten Albträume therapiert werden?

Professionelle Hilfe ist nur sehr selten nötig. "Erst wenn Kinder einmal oder öfter pro Woche unter Nachtangst oder Albträumen leiden, sollte sie in Erwägung gezogen werden. Da bewegt man sich aber im Ein-bis-fünf-Prozent-Bereich", sagt Schredl. In jedem Fall könnten ­Eltern versuchen, das Problem selbst zu lösen: mit der "Imagery Rehearsal ­Therapy" (siehe unten). Sie ist eine Art Konfrontations­therapie; gut erforscht, leicht anwendbar und hilft auch Kindern, die nur ab und zu Alb­träume haben. "Die Kinder stellen sich ­ihren Träumen und lernen ­einen konstruktiven Umgang damit", so Schredl. Er hält das für wichtig: "Bei 50 Prozent der Erwachsenen, die wegen Albträumen zu mir kommen, hat das Problem schon in der Kindheit begonnen."

Imagery Rehearsal ­Therapy: Albträume entschärfen

1. Schritt – Konfrontation: ­Lassen Sie Ihr Kind den Albtraum malen. Ältere Kinder können ihn auch aufschreiben.

 

2. Schritt – Bewältigung: Fragen Sie, was Ihr Kind in das Bild einzeichnen kann, um die Angst zu reduzieren (z. B. einen Zauberer, der das Mons­ter verjagt). Wird der Traum aufgeschrieben, sollten Sie gemeinsam mit ihm ein neues Traum­ende schreiben. Wichtig ist, ­die Kreativität anzuregen.

 

3. Schritt – Training: Üben Sie mit Ihrem Kind die neue Version circa fünf bis zehn Minuten täglich über zwei Wochen.


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