Kind aus Samenspende: Ein Erfahrungsbericht

Leni, 25, hat vor zwei Jahren erfahren, dass sie ein Kind aus einer anonymen Samenspende ist. Seitdem sucht sie ihren Erzeuger, nicht ihren Vater. Denn einen Papa hat sie schon. Ein Interview

von Bettina Dobe, 06.05.2013
Samenspende

Sperma: Früher war das alles, was der Spenderpapa gab. Heute haben die Kinder ein Recht darauf zu erfahren, wer der Erzeuger ist


Mehr als 100 000 Kinder sollen Schätzungen zufolge in Deutschland leben, die aus einer anonymen Samenspende entstanden sind. Früher war anonymes Spenden möglich, heute hat sich die Rechtslage geändert. Für die Kinder bedeutet es, dass sie ihren Erzeuger womöglich nie kennenlernen. Auch wenn ihre Familien intakt sind: Viele Kinder wollen wissen, mit wem sie die Gene teilen. Eine von ihnen ist die 25 Jahre alte Leni. Auch sie ist ein Spenderkind.

Sie haben erst mit 23 Jahren durch einen Zufall erfahren, dass Sie aus einer anonymen Samenspende gezeugt wurden. Wie kam es dazu?

Ich studiere Medizin und in einer Vorlesung kam ich darauf, dass mein Papa zeugungsunfähig ist: Er sitzt im Rollstuhl. Ich fragte den Professor nach der Vorlesung, ob es 23 Jahre zuvor alternative Arten der Samengewinnung gab. Er riet mir, mit meinen Eltern zu sprechen. Und von den Mendelschen Gesetzen wusste ich: Aus braunen Augen und grünen Augen werden keine blauen. Meine Mutter hat grüne Augen, mein Vater braune – und ich habe blaue Augen.

Haben Sie mit Ihren Eltern darüber gesprochen?

Ich bin sofort nach Hause gefahren und habe meine Eltern damit konfrontiert. Ich dachte bis zu diesem Moment, dass ich adoptiert sei. Aber dann haben meine Eltern mir und meiner Schwester gesagt, dass wir beide aus einer anonymen Samenspende stammen. Mein Papa ist nicht mein leiblicher Vater.

Wie ging es Ihnen mit dieser Aussage?

Natürlich war ich geschockt. Und ich dachte, ich könnte den Erzeuger nun kennenlernen. Aber die Spende war ja anonym. Ich war enttäuscht und sauer, dass meine Eltern mir nie etwas von der Samenspende erzählt haben und dass sie einer anonymen Spende zugestimmt haben. Es ist schwierig, das zu akzeptieren. "Anonym", das klingt so, als hätte jemand was zu verbergen. Der ganze Akt ist so steril und hat für mich wenig mit Liebe zu tun. Das ist keine schöne Vorstellung. Trotzdem dachte ich mir: "Ich hatte Recht."

Wieso das denn?

Endlich hatte ich eine Antwort. Ich habe schon seit ich klein war, geahnt, dass da was nicht passt. Ich habe mir schon immer gedacht: "Ich bin anders." Einmal fragte ich meine Mutter, ob ich adoptiert sei. Sie sagte: "Nein, du bist nicht adoptiert. Du bist mein Kind." Sie hat ja nicht gelogen – aber ich habe nicht kombiniert, was mit Papa ist.

Wie haben Sie denn gemerkt, dass was nicht stimmt?

Meine Eltern sind sehr überlegt, ich dagegen bin sehr empfindsam. Mein Vater und ich sind sehr unterschiedlich. Er ist sehr stringent und logisch – und ich bin der kreative Wuschelkopf. Da gab es sehr viel Konfliktpotenzial in der Pubertät. Auch meine Schwester ist anders als ich, sie hat einfach ein dickeres Fell.

Wie geht Ihre Familie nun damit um, dass Sie und Ihre Schwester das wissen?

Die letzten zwei Jahre waren nicht einfach. Mein Eltern haben emotional sehr darunter gelitten. Meine Mama hat sicherlich Schuldgefühle gegenüber meinem Papa: Sie ist biologisch mit uns verwandt – er nicht. Deshalb hat sie es uns wohl nicht gesagt, obwohl ich glaube, dass sie es gern getan hätte. Meine Schwester und ich gehen sehr unterschiedlich damit um. Mich hat es wohl mehr mitgenommen als sie. Vielleicht, weil sie auch schon ihre eigene Familie hat. Wir fühlen uns jetzt mehr miteinander verbunden. Aber wir haben deshalb nicht mehr Kontakt miteinander. Ich habe mich verändert: Ich bin erwachsener geworden. Aber irgendwas wird immer da sein, ein Schatten, ein fehlendes Puzzlestück.

Wollen Sie den Spender gern kennenlernen?

Auf jeden Fall. Es ist mir wichtig, meine Wurzeln kennenzulernen. Ich würde gern wissen, woher mein musikalisches Talent kommt, ob er auch so komische Füße hat wie ich, ob er vielleicht auch so verrückte Dinge tut. Manchmal habe ich das Gefühl, ich suche mich damit selber.

Wie stellen Sie sich den Kontakt vor?

Ich würde ihm gern einen Brief schreiben und er kann dann entscheiden, ob er mit mir Kontakt haben will. Ein Foto wäre toll. Wenn er mich nicht kennenlernen will, ist das in Ordnung. Vielleicht hat er selbst eine Familie, die möchte ich nicht stören. Zu Kontakt kann und möchte ich ihn nicht zwingen.

Beeinflusst Ihr Wissen um die Spende Ihr Leben?

Ich mache mir schon Gedanken. Theoretisch könnte ich schon einen Verwandten kennen, ohne es zu wissen. Und als Medizinerin will ich natürlich wissen, welche Krankheiten es in seiner Familie gibt. Was mich wütend macht: Ich habe doch ein Recht auf meine medizinische Vorgeschichte. Jedes Adoptivkind hat das Recht, seine Herkunft zu erfahren. Ich nicht.

Was ist der Spender für Sie, Vater oder Erzeuger?

Er ist nicht mein Papa, die Rolle ist schon vergeben. Momentan ist er mein biologischer Erzeuger. Vielleicht könnte er ein Berater, eine Art Freund werden, vielleicht würde ich ihn irgendwann als leiblichen Vater akzeptieren.

Was würden Sie Familien raten, die eine Samenspende in Erwägung ziehen müssen?

Die anonyme Samenspende lehne ich stark ab. Man sollte wissen dürfen, wer sein Erzeuger ist. Aber ich weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt als kein Kind bekommen zu können. Ich hätte mir Ehrlichkeit gewünscht und dass mir meine Eltern es mir von sich aus früher gesagt hätten. In einer Familie mit einer Samenspende wird es immer eine Schattenfigur geben. Aber ich glaube, wenn man es den Kindern von Anfang an sagt, dann ist es für die Kinder normal und natürlich.


Wann hat Ihr Kind das erste Mal Smartphone oder Tablet benutzt?
Zum Ergebnis
Haben Sie in der Stillzeit Alkohol getrunken?
Zum Ergebnis