Trennung mit Kind: Was es zu beachten gibt

Eltern, die sich trennen, wollen die Erziehung oft weiter gemeinsam übernehmen. Wie das gelingen kann, berichtet ein Ex-Paar

von Marian Schäfer, aktualisiert am 09.08.2018
Kind leidet unter der Trennung der Eltern

Wenn Eltern miteinander streiten, belastet es das Kind


Denken Michael und Eva (Namen von der Redaktion geändert) an diesen einen Tag im Mai 2014, sind ihre Erinnerungen bloß schemenhaft. "Ich glaube, dass es ein Sonntag war", sagt sie. "Es muss ein Wochenende­ gewesen sein", sagt er. Wahrscheinlich sprachen sie am Küchentisch miteinander, in der Mittagszeit. S­icher sind sie sich, dass ihr Sohn Felix nichts davon mitbekam. Der damals Einjährige, ­­sagen sie, habe geschlafen, als sich Michael von seiner Frau trennte. "Sie reagierte sehr emotional", erinnert er sich. "Ich weinte, ich schrie", sagt sie.

Eine Prüfung für die Beziehung: Kinder

Mittlerweile wird etwa ­jede dritte Ehe in Deutschland geschieden. Im Jahr 2017 waren davon laut Statistischem Bundesamt 123 563 Kinder b­etroffen. Hinzu kommen geschätzt Zehntausende Kinder unverheirateter Eltern. Angenommen wird, dass Kleinkinder und Babys den größten Anteil stellen. "Viele Eltern trennen sich früh nach der Geburt des ers­ten Kindes", sagt Joachim Hollnagel­ von der Berliner Beratungsstelle "Zusammenwirken im Familienkonflikt". Oft gehe die Elternschaft in den ersten Lebensmonaten mit Überforderungssituationen einher. "Funktioniert man dann als Paar nicht, wird es schwer."

Seit neun Jahren waren Michael­ und Eva zusammen, seit fünf Jahren verheiratet. Im Mai 2013 kam Felix zur Welt. "Michael und ich hatten eine sehr gute Beziehung und kaum Streit", sagt Eva. "Nur die Liebe war weg", sagt ­Michael. "Die Trennung traf mich unvorbereitet", sagt sie. "Der Entschluss reifte in mir ein halbes Jahr lang", sagt er. "Als Felix zur Welt kam, wurde die Beziehung einer Prüfung unterzogen, der sie nicht standhielt", sagt Eva. "Damals veränderte sich viel für uns. Aber das Kind war sicher nicht der alleinige Grund", sagt Michael.  

Eine Paarberatung kann helfen

Katrin Normann leitet den Familien­notruf in München. Sie erklärt: "Der Wunsch nach Trennung ist oft Ausdruck dafür, dass sich etwas ändern muss." Im Zweifel mit professioneller ­Hilfe. Normann unterscheidet dabei zwischen Paarberatung (Gibt es Probleme, die sich vielleicht gemeinsam lösen lassen?), Ambivalenzberatung (Hat sich nur der ­eine Partner von der Beziehung verabschiedet, während der andere an ihr festhält? Denken beide­ an Trennung, sind sich aber nicht sicher?) und Trennungsberatung (Wie soll das mit Kind gehen?).

Eine­ Trennung, sagt Normann, kann zu früh, aber auch zu spät passieren, etwa wenn sich Konflikte schon stark verfestigt haben oder gar in Hass umschlagen. ­Joachim Hollnagel sagt es so: "Eine erfolgreiche Paarberatung kann auch eine Trennung zur Folge haben, muss sie aber nicht." Manchmal findet das Paar auch wieder zusammen. Steht aber die Trennung fest, kann eine Beratung helfen, ­einen psychischen und rechtlichen Kampf zu verhindern, in dem es nie Gewinner, aber stets Verlierer gibt: die Kinder.

Zwei Tage später zog ­Michael aus. Eva ließ sich krankschreiben, nahm die Akutberatung einer F­amilienhilfe und Sitzungen bei einem Psychotherapeuten in Anspruch. "Das half mir, die Trennung zu verarbeiten", erzählt sie. "Außer­dem lag gleich der Fokus ­darauf, zwischen uns als Paar und uns als E­ltern zu unterscheiden. Wer nicht leiden sollte, war Felix. Auch Michael ­entschied sich für eine Psychotherapie: "Ich hatte und habe wahnsinnige Schuldgefühle, und es fiel mir schwer zu sagen, dass auch ich u­­nter der Trennung l­eide." Gleichzeitig meldeten sie sich bei ein­er Trennungsberatung a­n.

Eltern sollten frühzeitig Unterstützung in Anspruch nehmen – gemeinsam, aber auch jeder für sich. "Ist man emotional zu stark betroffen, fällt es schwer, Eltern- und Paarebene zu trennen", sagt der Berliner Berater Joachim Hollnagel. Sachliche Diskussionen, e­twa über Betreuung oder Unterhalt, seien dann kaum möglich.

Dr. Eliane­ Retz hat an der Ludwig-Maximil­ians-Universität München zu Trennungsbewältigung geforscht. Ihr Schwerpunkt lag dabei auf stark zerstrittenen Paaren. Sie sagt: "Wie Kinder die Trennung verkraften, hängt sehr vom Umgang der Eltern mit ihren Konflikten und der Fähigkeit ab, danach miteinander zu kooperieren." Die Pädagogin hält deshalb Angebote wie den bundesweit durchgeführten Elternkurs "Kinder im Blick" (www.kinderimblick.de) für sehr wichtig. Dort erhalten Paare, die sich getrennt haben, praktische Tipps für den Umgang mit der Situation. "Der Kurs wird selbst von stark zerstrittenen ­Eltern, die vom Familiengericht dorthin geschickt werden, sehr gut angenommen", sagt Eliane Retz.

Wie geht es nach der Trennung mit den Kindern weiter?

Sprechen Michael und Eva über die erste Zeit nach seinem Auszug, fällt bei beiden das Wort "­naiv". Sie erzählen dann vom Zoo-Besuch, den sie nur we­­nige Tage nach der Trennung gemeinsam unternahmen. "Ich dachte, wir müssten für Felix zu­sammen präsent sein", sagt Eva. "Ich hatte­ gehofft, es könnte weitergehen wie bisher", sagt Michae­l. Beide: "Das war natürlich naiv. Wir konnten das nicht." Weil Michael noch ­keine eigene Wohnung hatte,­ schlief F­elix z­unächst durchgehend bei der Mutter. Täglich hatten er und sein Vater aber Kontakt – und damit auch die E­ltern. "Ich ­hätte und habe Michael den Umgang nie verweigert", sagt Eva. "Aber es war hart. So, als würde Salz in eine Wunde gestreut."

"Die Umgangsregelung gehört für Scheidungsfamilien zu den größten Herausforderungen", sagt Forscherin Eliane Retz. "Vor allem Kinder, deren Mütter und Väter auch nach der Trennung zerstritten sind, werden dadurch oft belastet." Die ­Eltern würden den Ex-Partner am liebsten aus ihrem Leben streichen und erwarteten – bewusst oder unbewusst – häufig, dass die Kinder Partei ergreifen. "Dass jemand zwar kein guter Ehemann, aber ein guter Vater sein kann, erscheint ­ihnen unmöglich", sagt Retz. Nicht selten werde der Ex-Partner vor den Kindern schlechtgemacht, wobei oft kleine Äußerungen oder ein verärgerter Blick reichten, etwa wenn das Kind vom Vater erzähle. "Das führt zu Loyalitätskonflikten, mit denen Kinder nicht umgehen können."

Die Betreuung von Felix wurde gleich in der ersten Sitzung der Trennungsberatung angesprochen. Sich die Erziehung zu teilen war für die Eltern immer selbstverständlich. "Daran sollte sich nichts ändern", sagt ­­Michael. "Ich konnte mir aber kein komplettes Wechselmodell vorstellen, dass der Kleine also ein oder gar zwei Wochen am Stück weg ist", sagt Eva. "Ich hätte es gerne komplett aufgeteilt", sagt ­Michael. Zusammen mit der Beraterin einig­ten sie sich darauf, dass Felix vier Nächte­ die Woche bei der Mutter und drei Nächte beim Vater ist. Auch entwickelten die Eltern mit der Beraterin ein Finanzierungsmodell. Gleichzeitig blieb immer Raum, um über Gefühle zu sprechen.

Kinder brauchen während einer Trennung viel Stabilität

Lange sah das klassische Umgangsmodell so aus: Die Kinder blieben bei der Mutter, der Vater hatte sie alle 14 Tage übers Wochenende und zahlte Unterhalt. Seit einigen Jahren gibt es eine Verschiebung hin zum Wechselmodell, also einer 50/50-Teilung, vor allem, weil Väter ihre Rolle anders wahrnehmen als früher. "Gesellschaftlich erfährt das Modell großen Zuspruch", sagt ­Jo­achim Hollnagel, "aber es wird den Kindern nicht immer gerecht." Sind sie eine klassische Rollenverteilung gewöhnt, sollte sich daran erst mal nicht viel ändern. "Wichtig ist, dass für die Kinder möglichst viel stabil bleibt, das gilt für ­Kleine wie für Größere", sagt Katrin Normann. Sie plädiert für Übergangslösungen und sanfte Veränderungen. Kinder leiden unter der Trennung der Eltern genug. Wechseln noch die Bezugsperson und womöglich die Kita, Schule oder der Freundeskreis, überfordert sie das.

"Felix hat sicher sein Alter ge­holfen. Er wuchs in die Situation­ hinein", sagt Eva. Die Eltern haben aber auch Wege gefunden, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und für ihn da zu sein. Mit einfachen Mitteln wie einem Online-Notizbuch zum Beispiel, in das sie Dinge eintragen, die bei der Übergabe geklärt werden müssen. "Wir sind sogar schon so weit, dass wir manchmal zu­sammen essen und die Sachen besprechen", sagt Eva. "Aber Langfristiges, Strategisches und Heikles", meint Michael, "wird nur bei der Beratung geklärt, zu der wir noch regelmäßig gehen." ­Das kann der Unterhalt sein – aber auch die Frage, wo Feli­x Weihnachten verbringt.


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