Orgasmusprobleme: Gar nicht selten

Sex ist die schönste Nebensache der Welt. Eigentlich. Manche Frauen erleben jedoch nur selten einen Höhepunkt. Was helfen kann

von Julia Schulters, aktualisiert am 19.01.2016
Unzufriedenes Paar

Klappt es im Bett nicht so gut, kann das die Partnerschaft sehr belasten


Frauenzeitschriften beschwören regelmäßig den "Orgasmus Ihres Lebens" herauf, die Regale in Buchhandlungen sind prall gefüllt mit Ratgeberliteratur voller verheißungsvoller Sex-Tipps und Liebes-Kniffe. Und die Realität? Häufig ernüchternd: Multiple Orgasmen? Fehlanzeige! Gleichzeitiger Höhe­­punkt mit dem Liebsten? Selten, ehrlich gestanden. Und dieser ominöse G-Punkt? Wo war der noch gleich?

Medien verstärken Druck auf Frauen

Noch nie habe Sex so viel Druck auf Frauen ausgeübt wie heute, sagt die Recklinghausener Frauen­ärztin Dr. med. Andrea ­Schröder. Und daran seien vor allem die ­Medien schuld. Egal ob Werbung, Soap oder Sonntagabendkino: "Frauen, die uns im Fernsehen gezeigt werden, sind jederzeit bereit, haben immer Lust auf Sex und ein wahnsinnig erfülltes Liebesleben", sagt sie. Kein Wunder also, dass sich manche Frau gleich als miserable Liebhaberin fühlt, wenn sie nicht bei jedem Liebesakt in ­Ekstase gerät.

Dass Fernsehen mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat, erlebt Andrea Schröder Tag für Tag in ihrer Praxis. Regelmäßig wünschen sich Patientinnen von der Frauenärztin ­einen Rat – weil sie keinen Orgasmus mehr erleben und sich einfach nicht befriedigt fühlen. "Von vielen fällt schon eine riesige Last ab, wenn ich ihnen sage, dass sie mit ihrem Problem nicht ­alleine da­stehen", sagt sie. Viele hätten Angst, unnormal oder frigide zu sein – Gedanken, die bei den meis­ten Frauen gehörig am Selbstwertgefühl kratzen.

Frau Dr. med. Claudia Hartmann

Sex: Was ist eigentlich normal?

Aber was genau ist in Sachen Sex eigentlich normal? Gehört ein Höhe­punkt zum Pflichtprogramm? Oder ist nur ab und zu kommen auch völlig in Ordnung? "Das muss jede Frau ganz für sich alleine beantworten", sagt Dr. med. Claudia Hartmann, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie am ­­Sexualmedizinischem Kompetenzzentrum in Hannover.

Ganz gleich, ob eine Frau jedes Mal, nur ausnahmsweise oder nie einen Orgasmus habe: "Alles ist okay, solange sie und ihr Partner damit zufrieden sind", sagt sie.

Frau Dr. med. Andrea Schröder

Jede vierte hat Orgasmusprobleme

20 bis 25 Prozent ­aller Frauen haben Schwierigkeiten, ­regelmäßig einen Höhepunkt zu erleben, schätzen Experten. Etwa vier Prozent hatten noch nie ­einen. "Und die Dunkelziffer ist groß", vermutet Psychotherapeutin Hartmann. Denn das Gespräch mit einem Spezialisten zu suchen, fällt vielen schwer. Interessanterweise sind vor allem die Männer ein Grund dafür, dass Frauen wegen ihrer Orgasmusprobleme ­einen Sexualtherapeuten aufsuchen. "Viele Frauen kommen nicht in unsere Praxis, weil sie einen sexuellen Höhe­­punkt so sehr vermissen, sondern weil ihr Partner mit der Situation extrem unglücklich ist", sagt Hartmann.

Das passiert vor allem, wenn Paare nicht offen miteinander über ihr Sexleben reden. Ein typisches Beispiel: Die Frau kommt mit Hilfsmitteln wie etwa einem Vibrator oder durch Selbststimulation zum Orgasmus – nicht aber durch Sex mit ihrem Partner. "Viele Männer fühlen sich dadurch extrem gekränkt", sagt Hartmann. Bei anderen Paaren entstehen wiederum Missverständnisse, weil die Frau ihrem Partner einen Orgasmus vortäuscht. Denn das komme meistens auch irgendwann ans Licht, sagt Hartmann. Die ­­Folge: Enttäuschung, Misstrauen und Selbstzweifel. "All diese negativen Gedanken spielen irgendwann auch in den Alltag hinein und verursachen Probleme im Zusammen­leben", erklärt sie.

Paartherapie kann helfen

Fast immer sei daher eine Paartherapie sinnvoll – auch wenn dieses Konzept gerade bei Männern nicht immer gleich auf Begeisterung stoße. Doch zum Sex gehören nun mal zwei. Häufig ­helfe schon ein offenes Gespräch mit dem Partner. "Auf ­diese ­Weise lassen sich Verletzungen und Kränkungen aus dem Weg räumen", ist Hartmann überzeugt.

Auch ganz privat müssen Paare oft lernen, sich wieder anzu­nähern. Zum Beispiel mit angeleiteten Körperübungen, die Claudia Hartmann ihren Patienten quasi als Hausaufgaben mit auf den Weg gibt. "Diese Übungen schulen die Wahrnehmung der körperlichen Bedürfnisse und Reaktionen, geben Aufschluss über die Choreografie der Partnerschaftsdynamik und ermöglichen korrigierende, heilende Erfahrungen", erklärt sie.

Stress kann beim Sex blockieren

Andrea Schröder glaubt, dass vor allem psychische Überlastung ­eine Rolle spielt, wenn es mit dem Orgasmus nicht klappt. "Viele Frauen sind schlichtweg überreizt", sagt sie. Gerade Mütter seien ständig in ­Sorge um Kinder, Haushalt, Ehe und Beruf. "Da dann abends im Bett abzuschalten und sich den ­eigenen Bedürfnissen hinzugeben ist für viele geradezu unmöglich", vermutet die Frauenärztin.

Stichwort Entspannung: Sie ist Grundvoraussetzung, um überhaupt einen sexuellen Höhepunkt zu erleben. "Wer sich nicht fallen lassen kann, hat es ganz schwer", sagt Claudia Hartmann. Gerade für Frauen, die ungern die Kontrolle über sich verlieren, sei das oft nicht leicht. Dann kann eine psychologische Behandlung helfen, etwa bei einem Sexualtherapeuten.

Körperliche Ursachen abklären lassen

Die Frauenärztin ist ebenfalls ­eine gute erste Ansprechpartnerin. Denn manchmal stecken auch körperliche Ursachen hinter ­einer Orgasmusstörung: zum Beispiel ­eine Inkontinenz nach der Geburt. Sie führt häufig dazu, dass Frauen gehemmt sind, sich beim Sex gehen zu lassen – aus Angst, sie könnten dabei Urin verlieren. In dem Fall können etwa Beckenboden­übungen helfen. Sehr selten kann nach einer schweren Geburt auch die Übertragung von Nervenimpulsen in der ­Scheide gestört sein. "Das ist aber meist nur ein ­­vorübergehendes ­Problem, das häufig von selbst verschwindet", sagt Frauenärztin ­Andrea Schröder.


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