Ohren anlegen – Lösung bei Segelohren?

Sie können ein Markenzeichen sein, aber auch für Spott sorgen: abstehende Ohren. Chirurgen haben mehrere Techniken entwickelt, um die Ohren operativ anzulegen
von Dr. med. Johannes Rückher, aktualisiert am 06.06.2016

Segelohren operieren? Das hängt von der psychischen Belastung ab

Shotshop/Gelpi

Wer in Indien abstehende Ohren hat, freut sich. Denn Segelohren sind der dortigen Meinung nach ein Zeichen für hohe Intelligenz. Hierzulande machen sie Betroffenen dagegen oft das Leben schwer. Kinder bekommen Spitznamen wie Dumbo, Segelflieger oder Elefantino. Oder werden gefragt, ob sie besonders gut hören. "Hänseleien und neugierige Blicke können psychisch sehr belasten", erklärt Professor Ralf Siegert, Hals-Nasen-Ohren-Arzt am Prosper-Hospital in Recklinghausen.

Natürlich können Menschen mit abstehenden Ohren nicht besser hören als andere – aber auch nicht schlechter. Aus medizinischer Sicht haben Segelohren keinerlei Nachteile. "Für Kinder, die mit ihren besonderen Ohren leben können, gibt es keinen Grund für einen Eingriff", sagt Siegert. "Und sollten sie als Jugendliche oder Erwachsene doch noch unglücklich werden: Für eine Operation ist es nie zu spät." Medizinisch heißt dieser Eingriff übrigens Otopexie, Ohranlegeplastik oder auch Otoplastik.

Ab wann ist ein Ohr ein Segelohr?

Doch welche Ohrform ist noch normal, und wann empfindet man ein Ohr als abstehend? "Um das herauszufinden, haben wir in einer Studie mehr als tausend Ohren mit dem Computer vermessen", erzählt Siegert. "Ist die äußere Kante des Ohres mehr als 2,8 Zentimeter vom Kopf entfernt, spricht man heute von Fehlbildung." Bei abstehenden Ohren ist außerdem der Winkel zwischen Ohrmuschel und Schläfenbein (Mastoid) vergrößert und beträgt in der Regel über 30 Grad. Grund dafür ist meist, dass die Hauptfalte der Ohrmuschel (sogenannte Anthelixfalte) kaum oder gar nicht angelegt ist. Manchmal ist auch die Ohrhöhle zu groß und hält das Ohr vom Kopf fern, oder das Ohrläppchen steht ab.

Abstehende Ohren sind meist genetisch bedingt und treten familiär gehäuft auf. Genau wie Gesichtszüge, Mund oder Nase werden auch Ohrrelief und -form vererbt. "Spielart der Natur", nennt das Hals-Nasen-Ohren-Arzt Siegert.

Oft führt eine gering ausgeprägte Anthelixfalte zu abstehenden Ohren

Thinkstock/ iStockphoto

Operationstechniken bei der Ohrenkorrektur

Ist die Entscheidung zu einer operativen Korrektur gefallen, können die Chirurgen eine Vielzahl von Operationstechniken anbieten. Häufigste Ursache abstehender Ohren ist eine zu gering ausgeprägte Anthelixfalte. Dieser Fehlbildung begegnen die Operateure bevorzugt mit einer kombinierten Ritz-Naht-Technik, zum Beispiel der Technik nach Converse: Im Verlauf der Scapha, das ist die Vertiefung zwischen der Anthelixfalte (wenn sie vorhanden ist) und der Helix, dem äußeren Rand der Ohrmuschel, stechen sie von vorne mehrere Nadeln durch die Ohrmuschel. Diese treten auf der Rückseite des Ohrs wieder aus und markieren auf der Rückseite den Verlauf der Vertiefung. Entlang dieser Markierung setzen die Operateure einen Hautschnitt und ritzen den Ohrknorpel von hinten an. Der angeritzte Knorpel ist nun leicht zu biegen. Die Operateure bringen das Ohr in die gewünschte Form und fixieren es mit Fäden. Durch die nun normal ausgeprägte Faltung der Anthelix werden die Ohrmuscheln gewissermaßen zum Kopf "hin gefaltet".

Ohranlegeplastik ohne mit dem Skalpell zu schneiden

Die Ärzte legen Ohren zunehmend auch an, ohne mit dem Skalpell die Haut einzuschneiden. Sie sprechen dann von einer "Incisionless Otoplasty": Dabei wird der Knorpel nur durch Nadelstiche perforiert, um ihn biegsamer zu machen. Dies bietet den Vorteil, dass mögliche Nebenwirkungen durch Schnitte wie Blutergüsse (Hämatome) oder gar Infektionen mit Eiteransammlungen (Abszesse) hinter dem Ohr in der Regel nicht zu befürchten sind. Die Operateure setzen im Anschluss zwei Ankerpunkte fest: Einen Punkt auf der Vorderfläche der Ohrmuschelhöhle und einen auf der Haut des Schläfenbeins hinter dem Ohr. In beiden Punkten verankern sie einen Faden, ziehen ihn an und verknoten ihn. Sie nähern so die beiden Punkte einander an, und damit auch die Ohrmuschel dem Schläfenbein. Hinter dem Ohr schaffen die Operateure Wundflächen. Nachdem sie die Ohren angelegt haben, verwachsen diese Wundflächen. Zusammen mit dem Faden halten sie das Ohr in der neuen Position.

In manchen Fällen müssen die Operateure vor der Naht überschüssiges Weichteilgewebe, Knorpel oder Knochen entfernen, um die Ohren optimal anlegen zu können.

Bei einigen Patienten sind sowohl eine zu gering ausgeprägte Anthelixfalte als auch eine vergrößerte Ohrhöhle für die abstehenden Ohren verantwortlich. In solchen Fällen können die Chirurgen mehrere Verfahren in einer Sitzung kombinieren. Auch ein abstehendes Ohrläppchen lässt sich in derselben Sitzung beheben: Über eine so genannte "Matratzennaht" können es die Operateure der Ohrmuschel annähern.

Wann sollte der Eingriff vorgenommen werden?

Aus rechtlichen Gründen aber auch aus rein chirurgischer Sicht können Ohrmuscheln grundsätzlich etwa ab dem 6. Lebensjahr korrigiert werden. Dann hat der Knorpel schon ungefähr 70 Prozent seiner endgültigen Größe erreicht und ist ausreichend fest. Aus psychologischer Sicht sollte der Eingriff aber erst dann erfolgen, wenn ein Kind oder Jugendlicher unter der Fehlform leidet und den Eingriff wünscht. Eine medizinisch nicht notwendige, ästhetische Operation bei einem Kind ohne Leidensdruck ist weder ethisch vertretbar noch rechtlich erlaubt. Keinesfalls sollte ein Kind nur auf Wunsch der Eltern operiert werden.

Prof. Ralf Siegert, HNO-Arzt in Recklinghausen

privat

Gibt es Komplikationen?

Komplikationen treten nur selten auf, bestätigt Siegert. Wie bei allen Operationen kann es zu Wundinfektionen, Blutungen, Blutergüssen und Schmerzen kommen. Einige Patienten leiden unter Unverträglichkeiten auf das Nahtmaterial. Selten beeinträchtigen überschießende Narbenbildung oder auch ein Verlust der Sensibilität im Bereich des Ohrs die Patienten langfristig. "Ist das Ergebnis nicht zufriedenstellend, gibt es manchmal Nachoperationen", sagt der Experte. Patienten, die zu Narbenwucherungen (Keloiden) neigen, raten Ärzte in der Regel von vornherein von einer Operation ab.

Vorbereitung und Nachsorge

Im Vorfeld analysieren und vermessen die Ärzte die Form der Ohrmuschel. Sie befragen die Betroffenen genau, welche Teile der Ohrmuschel von ihnen als störend empfunden werden. Im Aufklärungsgespräch erklären Ärzte, welche Operationstechnik sie im individuellen Fall wählen wollen. Nicht immer sind die von den Patienten gewünschten Veränderungen realistisch. Hier können Zeichnungen oder Computersimulationen eine Hilfe sein. Auch mögliche Komplikationen des Eingriffs kommen zur Sprache.

Die Operation wird von Ärzten verschiedenster Fachrichtungen durchgeführt: von Kinderchirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, plastischen Chirurgen und Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen. "Wichtig ist, dass der Operateur viel Routine hat", sagt Experte Siegert. Eltern sollten deshalb nachfragen, ob der Arzt häufig abstehende Ohren anlegt.
Alle genannten Operationsverfahren sind ambulant durchführbar. Bei Kindern greifen die Ärzte auf eine Vollnarkose zurück. Jugendliche und erwachsene Patienten benötigen meist nur eine örtliche Betäubung.

Nach der Operation schützt ein Schaumstoffschutzverband für einige Tage die Wunde. Für ungefähr weitere sechs Wochen sollten die Patienten nachts ein Stirnband tragen. Treten keine weiteren Beschwerden auf und ist das ästhetische Ergebnis zufriedenstellend, reicht eine Erfolgskontrolle nach einem Jahr meist aus.

Zahlt die Krankenkasse?

Meist handelt es sich bei abstehenden Ohren um ein rein ästhetisches Problem. Weil die Krankenkassen die Beiträge aller Versicherten verwalten, dürfen sie rein ästhetische Eingriffe nicht zu Lasten der Versichertengemeinschaft finanzieren. Leidet ein Patient unter den Ohrmuscheln jedoch so erheblich, dass er eine psychologische Behandlung benötigt, und diese nicht erfolgreich war, müssen die Krankenkassen die Kosten für die Operation doch übernehmen. Das sind aber relativ seltene Ausnahmen. Für Privatversicherte gibt es keine einheitliche Regelung; das hängt vom jeweiligen Versicherungsvertrag ab.

Um nicht von unerwartet hohen Kosten überrascht zu werden, sollten Patienten rechtzeitig vor der Operation mit dem Operateur darüber sprechen.

Wie sind die langfristigen Erfolgsaussichten?

In der großen Mehrzahl der Fälle erzielen Ärzte mit der Ohrenkorrektur gute ästhetische Resultate. Auch die Häufigkeit von Komplikationen verringerte sich in den letzten Jahren, weil die Operationsverfahren immer weiter entwickelt wurden. Die meisten der erfolgreich therapierten Patienten berichten von einer deutlichen Verbesserung ihres psychischen Wohlbefindens.


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