"Wir dürfen die Kinder nicht außen vor lassen"

Wenn jemand in der Familie an Krebs erkrankt, trauen sich viele Erwachsene nicht, mit dem Nachwuchs darüber zu sprechen. Doch dadurch verpassen alle auch eine Chance, sagt Anita Zimmermann vom Verein Flüsterpost

von Peggy Elfmann, 08.11.2018
Anita Zimmermann

Sozialpädagogin Anita Zimmermann macht Eltern Mut, mit ihren Kindern über Krebs zu sprechen


Frau Zimmermann, wer fürchtet sich mehr vor dem Thema Krebs: Eltern oder Kinder?
Die Eltern. Wenn eine Mutter, ein Vater oder die Großeltern erkranken, sprechen viele Eltern nicht oder sehr spät mit dem Kind darüber. Sie wollen es schützen.

Sie haben den Welttag für Kinder krebskranker Eltern ins Leben gerufen. Mit Ihrem Verein Flüsterpost unterstützen Sie Familien bei Gesprächen. Weshalb?
Erfahrungen und auch Studien zeigen, dass es Kindern auf längere Sicht mehr schadet, wenn sie nichts erfahren, als wenn man offen mit ihnen spricht.

Warum?
Selbst kleine Kinder merken über Mimik und Gestik, wenn es den Eltern nicht gut geht. Kinder beobachten ja genau. Sie spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber wissen nicht, was. Das kann Angst machen. Krebs ist eine "Familiendiagnose". Kinder haben ein Recht auf Information.

Wie reagieren Kinder, wenn man mit ihnen über Krebs spricht?
Gerade kleine Kinder sind sehr aufgeschlossen und interessiert. Viele denken zuerst an das Tier und fragen: "Hat die Mama lauter Krebse im Körper?" Sie wol­len wissen, was Krebs ist, was er macht.

Wann ist denn ein guter Zeitpunkt zum Reden?
Ich rate dazu, abzuwarten, bis alle Ergebnisse vorliegen und die Therapie feststeht. Wenn man früher mit dem Kind reden möchte, etwa weil man weiß, dass man die eigenen Gefühle nicht ver­stecken kann, könnte man zum Beispiel sagen: "Die Ärzte müssen mich untersuchen. Wenn ich weiß, was es ist, sage ich es dir."

Worauf sollten Erwachsene achten, wenn sie mit Kindern über eine Krebs-
erkrankung sprechen?

Wir haben den Leitsatz: "Man muss nicht immer alles, was man weiß, dem Kind sofort mitteilen, aber was man sagt, sollte wahr sein." Man sollte immer darauf achten, das Kind nicht zu überfordern. Wenn der Erkrankte nach außen hin völlig gesund wirkt und man vom Sterben erzählt, kann das für Kinder schwierig sein zu verstehen.

Und wenn das Kind fragt: "Wirst du wieder gesund?"  
Da ist es wichtig, den Kindern keine Versprechungen zu machen. Nicht sagen: "Ich werde auf jeden Fall gesund." Sondern es offenlassen mit Sätzen wie "Ich möchte gesund werden" oder "Ich hoffe es". Aber nie sagen: "Ich verspreche es." Kinder nehmen es übel, wenn das Versprochene nicht eintrifft, und das zerstört Vertrauen.

Aber in dem Moment ist es ­vermutlich leichter zu sagen, dass alles gut wird.

Ja, für die Erwachsenen. Aber Kinder können auch mit einer offenen Aus­sage leben. Es gibt keine Sicherheiten im Leben. Man kann auch andere Krankheiten bekommen oder einen Unfall haben. Es ist wichtig, Kinder nicht von Krisen im Leben – und das ist eine Krebserkrankung – fernzuhalten.

Warum?
Krisen sind auch eine Chance. Die Kinder lernen durch die Krebserkrankung in der Familie, dass sie schwierige Situationen meistern können. Gemeinsam klappt es besser – und gemeinsam geht nur, wenn man miteinander spricht. Deshalb ist es unser zentrales Anliegen, ehrliche Gespräche mit den Kindern zu fördern.

Wie machen Sie das?
Im Umkreis von 60 Kilometern be­­raten wir persönlich, entweder in der Beratungsstelle, zu Hause oder in der Klinik. Wir helfen auch bundesweit per Telefon. Mit der Familie erkun­­den wir, welche Unterstützung jeder Ein­­zelne braucht, und geben Tipps. Wir bieten auch begleitende Gesprächs­gruppen und Aktionen an: vom Ausflug auf den Ponyhof bis zum gemein­samen Malen oder Musizieren. ­­Manche Kinder kommen hierher und lassen ihre Gefühle am Schlagzeug raus. Es ist hilfreich, wenn sie lernen, dass der Krebs ein Teil des Lebens, aber eben auch nicht alles ist – und Spaß darf es auch weiter geben.

Angenommen, eine Mutter ruft an und fragt, wie sie ihrem Vier­jährigen sagen soll, dass sie Brustkrebs hat. Was raten Sie?  
Ich rate davon ab, abends vorm Schlafen davon zu erzählen. Wichtig ist eine ruhige Atmosphäre und Zeit. Wenn man kleine und große Kinder hat, kann man allgemein im Familienverband sprechen und später noch einmal einzeln. Kleine Kinder müssen nicht alles ganz genau wissen, aber sie müssen wissen, was es für eine Krankheit ist.

Gehören auch Wörter wie Chemotherapie und Bestrahlung dazu?
Warum nicht? Es gibt eine Medizin, die heißt Chemotherapie oder Chemo. Das kann man ruhig beim Namen ­nennen. Eltern können das Kind auch mal mit ins Krankenhaus nehmen und zum Beispiel zeigen, wie ein Bestrahlungsgerät aussieht.

Aber verstehen Kinder das?
Wir erklären Krebs und die ­Therapien mit dem Aquariumbeispiel, das ver­stehen auch Kleine. Der Körper ist wie ein Aquarium, beides besteht zu einem Großteil aus Wasser, und darin schwimmen viele Zellen be­­ziehungsweise Fische: rote, gelbe, blaue und andere. Wenn die roten Fische, die Krebs­zellen, immer mehr werden, fressen sie die anderen auf. Dagegen hilft zum Beispiel Be­strahlung, das Symbol ist eine Taschen­­lampe, die die roten Fische kaputt macht. Oder eine Operation, das ist das Netz, damit werden die roten Fische herausgeholt. Oder das Pulver, die Chemotherapie. Sie macht die roten Fische, also die Krebszellen, kaputt, schwächt aber auch die anderen. So verstehen Kinder, wa­rum der Erkrankte sich schlapp fühlt.

Und wenn das Kind nichts fragt?
Dann ist das okay. Kleine Kinder setzen sich eher intuitiv damit auseinander und machen Rollenspiele. Wir haben in der Beratungsstelle den Erwin. Das ist eine Stoffpuppe, bei der man den Bauch aufmachen und die Organe entnehmen kann. Damit zeigen wir Kindern, wo der Krebs sitzt. So kommen wir in einen Dialog. Wichtig ist, dass das Kind weiß, dass es immer alles fragen kann.  

Tun Kinder das nicht sowieso?
Das denken viele Eltern. Aber mit einer Krebsdiagnose in der Familie ist alles anders. Aus Rücksichtnahme fragen viele Kinder nicht. Deshalb tut es gut, wenn Eltern betonen: "Du kannst mich immer alles fragen."

Was brauchen die Kinder noch?

Neben den Gesprächen sind es bei kleinen Kindern viele Kuschelstunden und die vertraute Atmosphäre. Gut ist, wenn das Kind feste Bezugspersonen hat und sich nicht jeden Tag jemand anderes um es kümmert. Viele Kinder denken auch, sie wären schuld.

Weshalb denn das?
Kinder sind sehr konzentriert auf ihre Lebenswelt und denken, dass alles mit ihnen zu tun hat. Neulich sagte mir ein fünfjähriges Mädchen, dass es schuld sei, dass ihr Papa gestorben ist. Sie hat mir erklärt, dass sie – als der Papa zu Hause palliativmedizinisch behandelt wurde – abends mit der Mama oft Quatsch gemacht und laut gelacht habe und ihm das bestimmt nicht gut getan habe, weil er doch Ruhe brauchte. Was für ein Missverständnis! Es war seine letzte Freude, seine Tochter lachen zu hören. Deshalb sollte man Kindern klarmachen: "Der Krebs hat nichts mit dir zu tun. Du bist nicht schuld!"
 
Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?
Ich habe früher im Kliniksozialdienst ge­arbeitet. In den Gesprächen mit den Familien habe ich festgestellt, dass das Thema Krebs für große Verun­­sicherung sorgt. Jedes Jahr erkranken 500 000 Erwachsene an Krebs. Laut Schätzungen der Deutschen Krebshilfe erleben jährlich bis zu 200 000 Kinder, dass ein Elternteil an Krebs erkrankt. Die Kinder werden häufig allein gelassen, weil auch Ärzte und Pfleger un­sicher sind. Im Jahr 2001 starteten der Arzt und Sozialmediziner Prof. Gerhard Trabert und ich ein Projekt, um dieses Problem anzugehen, und gründeten zwei Jahre später den Verein Flüsterpost.

Macht Ihre Arbeit Sie traurig?

Auch nach 30 Jahren Erfahrung bin ich immer wieder sehr berührt und fühle mit den Familien mit. Aber ich leide nicht mit. Unser Ziel ist es, uns überflüssig zu machen. Wir unterstützen die Familien dabei, dass sie ihre individuellen Wege finden, mit der "Familiendiagnose Krebs" gut weiter zu leben, wie auch immer der Verlauf ist. Natürlich gibt es Schicksale, die mir sehr nahegehen.  

Was wünschen Sie sich?
Eine Regelfinanzierung durch die Kran­kenkassen. Bislang sind wir von
Spenden abhängig. Der Bedarf ist jedoch groß. Die Krankheit verändert das
Leben der ganzen Familie – wir dür­fen die Kinder nicht außen vor lassen.

 

Helfen und Hilfe finden
• Die Beratung – vor Ort oder telefonisch – ist vertraulich und kostenfrei. Sie können sich wenden an info@kinder-krebskranker-eltern.de oder unter Tel. 0 61 31/554 87 98 anrufen.

• Wer den Verein mit ­Spenden unterstützen möchte: ­
Mainzer Volksbank e.G., IBAN DE29 5519 0000 0637 9000 10


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