Hüftdysplasie: Konsequente Therapie hilft

Manchmal sind die Hüftgelenke bei Babys nicht richtig ausgebildet. Dann braucht das Kleine so früh wie möglich eine Spreizhose, Schiene oder einen Gips

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 03.03.2016

Manchmal muss die Hüfte gegipst werden. Die dabei entstehende Sitz-Hock-Position stört Babys meist nicht – sie kennen sie aus dem Mutterleib


Wenn Sabine Reiter* ihren Sohn Lukas* wickelt, darf er strampeln, so viel er möchte. Dann streckt er seine nackten Beinchen, tritt nach vorne und oben. Seine Mutter genießt die Momente, denn sie sind selten. Lukas trägt eine Spreizschiene. "Sie fixiert ­seine Hüfte. Er muss sie Tag und Nacht tragen. Nur zum Wickeln und Baden nehme ich sie ab", sagt seine Mutter. "Diese konsequente Therapie ist wichtig. Nur so wird die Hüftfehlstellung erfolgreich behandelt", sagt seine Orthopädin Dr. Katrin Schelling.

Lukas war gerade einmal sieben Tage alt, da stellte seine Kinderärztin per Ultraschall fest, dass die Hüften nicht richtig ausgebildet sind. Auf der rechten Seite hatte er eine sogenannte Luxation, auf der linken eine Dysplasie. "Bei einer Luxation findet der Hüftkopf keinen Halt im Gelenk und springt immer wieder heraus", erklärt Schelling, die Oberärztin für Kinderorthopädie am Altonaer Kinderkrankenhaus ist. Zwei von tausend Neugeborenen kommen mit so einer Ausrenkung auf die Welt. Noch häufiger ist die Hüftdysplasie: Hier bleibt der Hüftkopf zwar im Gelenk, aber die Hüftpfanne hält ihn nicht ausreichend. Etwa vier Prozent der Babys leiden daran – damit ist sie die häufigste Skelettfehlentwicklung. "Unbehandelt würde sich im Erwachsenenalter ein Gelenkverschleiß entwickeln", erklärt Dr. Nicola Ihme, Kinderorthopädin an der Praxisklinik Orthopädie Franziskushospital in Aachen. "Dann sind künstliche Hüftgelenke notwendig – oft schon mit Mitte 30."

Fehlstellung der Hüfte: Ursachen noch unklar

Die Ursache für die Hüftfehlstellungen kennen selbst Mediziner noch nicht genau. Aber es gibt Kinder, die ein erhöhtes Risiko haben. Neben Mehrlingen sind das vor allem Babys, die im Mutterleib falsch herum lagen (Becken­­endlage). "Bei dieser Lage stehen die Hüften in einer ungüns­tigen Position und können sich nicht so gut entwickeln", erklärt Nicola Ihme. "Weitere Risikofaktoren sind weibliches Geschlecht und familiäre Häufung." Auch Lukas lag in Becken­endlage, auch er hat einige Verwandte, die mit einer Hüftdysplasie oder ­-luxation auf die Welt kamen.

Wie eine Hüftgelenkstörung behandelt wird, hängt von der Schwere der Erkrankung ab. "Etwa ein Viertel aller Kinder hat bei Geburt eine Hüftreifungsverzögerung", sagt Nicola Ihme. Die Gelenke sind noch nicht ausgereift, eine Therapie ist meist nicht notwendig. In der Regel genügt es, wenn die Eltern ihren Nachwuchs mit einem Moltontuch oder einer zweiten Windel breit wickeln. Kinder, die hingegen an einer Hüftdysplasie leiden oder bei denen das breite Wickeln nicht erfolgreich war, benötigen eine Spreizhose oder -schiene. "Diese muss so lange getragen werden, bis die Gelenke genug ausgeformt sind", erklärt die Medizinerin. "Je früher die Therapie begonnen wird, desto schneller die Ausheilung." Denn in den ersten drei Monaten wachsen die Gelenke besonders stark, sind also noch leicht beeinflussbar. Weil eine frühe Diagnose so wichtig ist, gibt es in Deutschland ein Screening. Spätes­tens mit der U3-Vorsorgeunter­suchung zwischen der vierten und sechsten Lebenswoche werden alle Säuglinge mit Ultraschall auf Hüftprobleme geprüft. In manchen Kliniken und bei Risikofaktoren kontrollieren Ärzte die Hüfte schon mit der U2 in der ersten Woche.

Manchmal ist ein Gips nötig

Bei Lukas reichte eine Spreizschiene nicht. Sein Gelenk war ­ausgerenkt und musste erst einmal in die richtige Position gebracht werden. "Das geht oft nur unter Vollnarkose – und danach muss der Hüftkopf konsequent in der richtigen Stellung bleiben", erläutert Katrin Schelling. Lukas war zwei Wochen alt, als er seinen ersten Gips bekam. "Das war schrecklich für uns als Eltern", erinnert sich Sabine Reiter. "Wir hatten große Angst vor dem Eingriff, und Lukas tat uns so leid mit diesem Gips." Was für die meisten Eltern der kleinen Patienten schlimm aussieht, stört die Babys in der Regel überhaupt nicht. "Sie liegen ja in derselben Sitz-Hock-Posi­tion wie im Mutterleib und finden das angenehm", erklärt Orthopädin Schelling. Zwar können sich die Kleinen nur eingeschränkt bewegen, solange sie einen Gips oder eine Schiene tragen. Doch sobald die Hilfsmittel entfernt werden, lernen die Kinder genauso, sich zu drehen, zu krabbeln und zu laufen, wie andere.

Nach drei Wochen folgte der erste Kontrolltermin, und Lukas’ Gips wurde erneuert. Noch einmal drei Wochen später hatte sich seine Hüfte so gut entwickelt, dass der Gips endgültig entfernt ­wurde. Lukas’ Behandlung war allerdings noch nicht zu Ende, denn der kleine Junge brauchte nun eine Spreizschiene. "Durch den Gips ist die Hüfte stabil geworden, sie muss allerdings noch ausreifen", erklärt Katrin Schelling. Das dauert einige Wochen.

Frühe Therapie lohnt sich

Für Lukas und seine Familie ist die Schiene mittlerweile Routine geworden. "In den ersten Wochen mit Gips aber waren wir total überfordert", erzählt Sabine Reiter. Wie wickelt man ein Baby mit eingegipsten Beinchen? Klappt das Stillen? Wie passt der Winzling in den Kinderwagen? Diese Fragen beschäftigten die Eltern. "Als wir nach der OP mit dem Auto nach Hause fahren wollten, merkten wir, dass Lukas nicht in die Babyschale passt. Seine Beine standen ab, sein Po hing in der Luft", sagt die Mutter. Schnell lernten sie, Lukas mit Decken und Handtüchern zu unterpols­tern. "Eigentlich können Eltern ihre Kinder ganz normal behandeln", ist Ärztin Ihme überzeugt. Zwei Dinge sollten sie allerdings beachten: Man darf die Babys nicht an den Beinen hochziehen und nicht auf die kranke Körperseite legen. Orthopäden empfehlen oft, den Nachwuchs im Tragetuch oder -sack zu tragen, weil die Beuge-Spreiz-Haltung das Reifen der Hüftgelenkpfannen fördert. "Das ist kein Therapieersatz, aber eine sinnvolle Ergänzung", sagt Ihme.

Bald braucht Lukas keine Schiene mehr. Dennoch muss er noch ein paarmal zur Kontrolle: wenn er laufen lernt, im Kindergartenalter und vor der Pubertät. So können Ärzte mögliche Langzeitschäden erkennen. Bei einer frühen Therapie aber sind diese sehr selten. Lukas’ Mutter sagt: "Dank der Behandlung kann Lukas später Fußball spielen, so viel er möchte – ohne Schmerzen."

* Name von der Redaktion geändert



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