Zwillinge nach Hormonbehandlung?

Eine Kinderwunschbehandlung – vor allem eine mit dem Hormon Clomifen – erhöht die Wahrscheinlichkeit für Zwillinge. Doch eine Mehrlingsschwangerschaft birgt Gefahren

von Sabine Hoffman, aktualisiert am 21.11.2016

Zwillinge: Ein erhöhtes Risiko für Komplikationen, dafür aber doppeltes Glück


Seit den 1970er-Jahren steigt die Zahl der Mehrlingsgeburten in Deutschland stetig. Im Jahr 2014 erreichte sie einen neuen Höchststand. Laut statistischem Bundesamt brachten 13 270 Frauen Mehrlinge zur Welt. Einer der Gründe für diese Entwicklung liegt in den Möglichkeiten der Kinderwunschbehandlung. Wird bei einer künstlichen Befruchtung mehr als ein befruchtetes Ei eingesetzt, steigt die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge oder sogar Drillinge zu bekommen.

Doch auch allein eine hormonstimulierende Behandlung kann das Risiko für eine Mehrlingsschwangerschaft erhöhen. So etwa bei dem Medikament mit dem Wirkstoff Clomifen. Das Präparat wird häufig im ersten Schritt zur Fruchtbarkeitsbehandlung eingesetzt und kann Paaren mit Kinderwunsch effektiv helfen. "Bei vielen Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch ist der Hormonhaushalt gestört", sagt Professor Ludwig Kiesel, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Münster. "Die Reifung der Eizellen funktioniert nicht richtig, weshalb diese Frauen nicht regelmäßig oder nie einen Eisprung haben. Damit ist es für sie schwierig oder sogar unmöglich, ohne Behandlung schwanger zu werden."

Clomifen: Das Anti-Östrogen für den Eisprung

Anders mit Clomifen. Der Wirkstoff ist ein sogenanntes Anti-Östrogen, also ein Gegenhormon zu dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen. Es täuscht dem Körper vor, dass zu wenig Östrogen vorhanden ist. Das hört sich erst mal unlogisch an, doch die künstlich erzeugte Falschmeldung hat für die betroffenen Frauen eine positive Folge: "Die Hirnanhangsdrüse versucht diesen Mangel auszugleichen, indem sie mehr körpereigene Hormone produziert, die die Eierstöcke stimulieren", erklärt Kiesel.

Somit wird vermehrt das follikelstimulierende (FSH) und luteinisierende Hormon (LH) ausgeschüttet. Diese beiden Hormone regen die Eierstockfunktion an und sorgen für die Reifung der Eibläschen und den Eisprung. "Mit dem Medikament kann man bei drei von vier betroffenen Frauen den Eisprung auslösen", sagt Kiesel. Eine Schwangerschaft wird also überhaupt erst möglich.

Das Antihormon bringt zum Teil auch Nebenwirkungen mit sich. "Es können typische Wechseljahresbeschwerden auftreten wie etwa Hitzewallungen, Kopfschmerzen oder Stimmungsschwankungen", erklärt Ulrich Koczian, Apotheker aus Augsburg und Vizepräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer.

Risiken einer Zwillingsschwangerschaft: Bluthochdruck und Diabetes

Im Fall einer Befruchtung besteht bei mehreren Eibläschen eine bis zu 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Zwillingsschwangerschaft kommt. Sogar Drillinge oder mehr Babys sind möglich. Um dies zu vermeiden, empfiehlt Gynäkologe Kiesel, Clomifen nur unter ärztlicher Begleitung einzunehmen. Das heißt, der Mediziner prüft per Ultraschall, wie viele Eizellen heranreifen.

Warum aber gelten Zwillingsschwangerschaften als so problematisch? Dr. Susann Böhm, Leiterin des Kinderwunsch Centrums Chiemsee in Prien, sagt: "Auch wenn die Frau gesund ist, ist eine Zwillingsschwangerschaft immer mit einem gewissen Risiko verbunden." Deutlich häufiger kommt es zu Bluthochdruck und Schwangerschaftsdiabetes. Die Mehrbelastung infolge der höheren Gewichtszunahme kann bei entsprechender Veranlagung zu Krampfadern führen.

Weitere Risiken sind vorzeitige Wehen, eine vorzeitige Öffnung des Muttermunds, Fruchtwasserveränderungen und das Risiko einer Frühgeburt. Bedingt durch die Lage der beiden Babys kommt es auch häufiger zu einer Entbindung per Kaiserschnitt. Das klingt erst einmal beängstigend. Da tut es gut zu wissen: "Weil Zwillingsschwangerschaften sehr genau überwacht werden, verlaufen etwa 80 Prozent ohne Probleme", so die Expertin.

Das fetofetale Tranfusionssyndrom (FFTS) bei eineiigen Zwillingen

Besondere Risiken bestehen in der Regel nur bei eineiigen Zwillingsschwangerschaften. "Teilen sich die Babys eine Fruchthöhle, besteht die Gefahr, dass sie sich gegenseitig strangulieren", sagt Böhm. Teilen sich die Feten eine Plazenta, haben aber getrennte Fruchthöhlen, kann es in sehr seltenen Fällen zum fetofetalen Transfusionssyndrom (FFTS) kommen. "Das Problem bei der Erkrankung liegt in den Gefäßverbindungen, die in der Plazenta bestehen. Wenn der Blutfluss in diesen Gefäßverbindungen ungleichmäßig ist, wird ein Fetus schlechter mit Blut versorgt und der andere erhält zu viel Blut, was den Kreislauf überlastet."

Die Folge: Der schlechter mit Blut versorgte Fetus wächst nicht richtig. Außerdem sind seine Nieren schlecht durchblutet, er produziert zu wenig Fruchtwasser. Der andere Fetus hat hingegen Schwierigkeiten, das viele Blut zu pumpen, sein Herz kann belastet werden. Er produziert zu viel Fruchtwasser. Dadurch kann die Fruchtblase platzen und zu einer Frühgeburt führen.

Entspannt durch die Schwangerschaft dank guter Früherkennung

Frauen mit dieser Feten-Konstellation werden im Allgemeinen sofort in ein Pränatal-Zentrum überwiesen. Bei einer Früherkennung kann das FFTS gut therapiert werden, und die Kinder kommen gesund zur Welt. Glücklicherweise ist das FFTS ein äußerst seltenes Krankheitsbild. Es tritt nur bei etwa 15 Prozent der eineiigen Zwillingsschwangerschaften auf, bei denen sich die Babys eine Plazenta teilen. Zudem sind zwei Drittel aller Zwillingsschwangerschaften zweieiig. Auch infolge einer Kinderwunschbehandlung entstehen in der Regel zweieiige Zwillinge.

Und was können werdende Mütter tun, damit ihre Mehrlingsschwangerschaft möglichst komplikationsfrei verläuft? Regelmäßig zur Kontrolle bei ihrem Gynäkologen gehen – und sich ansonsten genau so verhalten, wie es bei einer Einlingsschwangerschaft auch empfohlen wird. Nämlich auf sich achten und sich gesund ernähren, keinen Alkohol trinken, nicht rauchen und zwei bis drei Mal in der Woche eine halbe Stunde gemäßigten Sport treiben, zum Beispiel Walken, Wassergymnastik oder Radfahren. Schwangere mit Zwillingen sollten sich im Alltag nicht überanstrengen. Lieber öfter mal eine Pause ein- und die Beine hochlegen. Dann heißt es schließlich: Glück im Doppelpack!

Kinderwunschbehandlung mit Clomifen

"Eine Behandlung mit dem Wirkstoff Clomifen sollte nur unter ärztlicher Begleitung geschehen", sagt Prof. Ludwig Kiesel, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Münster. Der Arzt sollte regelmäßig Ultraschalluntersuchungen machen. "Stellt der Frauenarzt fest, dass zu viele Eibläschen gereift sind, empfiehlt er dem Paar, keinen Geschlechtsverkehr zu haben, um das Risiko einer Zwillings- oder sogar Mehrlingsschwangerschaft zu vermeiden."

Maximal über sechs Zyklen sollte eine Frau Clomifen nehmen, rät Mediziner Kiesel: "Sollte sie in diesem Zeitraum nicht schwanger werden, ist es besser, eine andere Behandlungsstrategie zu versuchen." Apotheker Ulrich Koczian ergänzt: "Mit der Dauer der Therapie steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen bis hin zu Zystenbildungen."

Das Präparat kostet etwa 20 Euro. Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten zu 50 Prozent für maximal drei Versuche. Im Rahmen einer freiwilligen Zusatzleistung zahlen einige Kassen – bis auf die Rezeptgebühr in Höhe von fünf Euro – auch den Eigenanteil der Versicherten teilweise oder vollständig. 


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