Von Hormontherapie bis künstliche Befruchtung

Trotz Kinderwunsch nicht schwanger zu werden – das ist der Albtraum vieler Paare. Kinderwunschbehandlungen können helfen. Diese Möglichkeiten gibt es
von Aglaja Adam, aktualisiert am 21.11.2016

Ein Spermium wird direkt in die Eizelle injiziert

Thinkstock/iStockphoto

Wenn alle Versuche, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, vergeblich waren, kann die Medizin mit modernsten Methoden nachhelfen. In rund 130 Kinderwunschkliniken bundesweit lassen sich jährlich zigtausende Paare behandeln. Dies geht aus dem Bericht des Deutschen In-Vitro-Fertilisation Register (DIR) hervor. In den Spezialkliniken stehen moderne Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, um den Herzenswunsch nach einem Baby in Erfüllung gehen zu lassen.

Gängige Behandlungsmethoden

Ist ein Paar unfruchtbar, kann das verschiedene Ursachen haben, von denen auch die infrage kommende Behandlung abhängt. Übrigens: Die Ursache für unerfüllten Kinderwunsch liegt ungefähr genauso häufig beim Mann wie bei der Frau.

Zyklusoptimierung
Nicht immer ist eine komplizierte Behandlung notwendig, damit es mit der Schwangerschaft klappt. Manchmal braucht der Arzt nur einen kleinen Impuls zu geben. Bei der Zyklusoptimierung überwacht der Gynäkologe mittels Ultraschall und Bestimmung der Hormone im Blut den natürlichen Zyklus. Zum richtigen Zeitpunkt empfiehlt er dem Paar den Geschlechtsverkehr. Der Ablauf des Zyklus kann mit bestimmten Hormonen unterstützt werden (siehe Hormontherapie).

Intrauterine Insemination: Der Samen des Mannes wird übertragen
Wenn nicht genügend oder nur wenige bewegliche Spermien vorhanden sind, oder wenn der Schleim im Gebärmutterhals zu zähflüssig ist, sodass die Samenzellen nicht hindurch kommen, kann eine Samenübertragung (Insemination) helfen. Dabei trennt der Arzt die beweglichen Spermien vom Rest des Ejakulats. Anschließend bringt er sie kurz vor dem Eisprung mittels eines dünnen Plastikschlauchs in die Gebärmutter ein. "Dieser Vorgang ist komplett schmerzfrei, führt aber nur bei fünf bis 15 Prozent pro Versuch im aktuellen Zyklus zu einer erfolgreichen Schwangerschaft", erklärt Professor Dr. Bernd Hinney, Arzt für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Universitätsklinik Göttingen.

Heterologe Insemination: Die Samenspende
Wenn beim Partner weder im Ejakulat noch im Hodengewebe geeignete Samenzellen vorhanden sind, gibt es die Möglichkeit, die Frau mit Spendersamen zu befruchten. Anders als die Eizellenspende ist die Samenspende in Deutschland unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

Hormontherapie
Manchmal reicht eine Hormonbehandlung aus, um die Fruchtbarkeit zu steigern. Ein fehlender Eisprung ist häufig darauf zurückzuführen, dass die Hirnanhangsdrüse zu wenig Hormone ausschüttet. Durch Einnahme bestimmter Hormontabletten kann die Hirnanhangsdrüse zur vermehrten Hormonausschüttung angeregt werden. Wenn diese Therapie nicht zum Eisprung führt, können die Hormone auch direkt, also über eine Spritze, verabreicht werden. Da es durch eine Hormonbehandlung zum Heranreifen mehrerer Eibläschen (Follikel) und damit auch zu Mehrlingsschwangerschaften kommen kann, muss die Behandlung vom Arzt sorgfältig überwacht werden.

In-vitro-Fertilisation (IVF): Befruchtung außerhalb des Körpers
Bei der sogenannten In-vitro-Fertilisation passiert ein Teil dessen, was normalerweise im Körper der Frau abläuft, in einem Reagenzglas. Deshalb werden Kinder, die durch die IVF-Methode gezeugt wurden, manchmal auch "Reagenzglas-" oder "Retortenbabys" genannt. 2010 hat Robert Edwards, der "Vater der Reagenzglasbabys", den Nobelpreis für Medizin erhalten. Das erste deutsche IVF-Baby kam 1982 in Erlangen zur Welt.

Was passiert bei einer In-vitro-Fertilisation? Zunächst wird durch eine Hormonbehandlung erreicht, dass in den Eierstöcken mehrere Eibläschen (Follikel) heranreifen. Im Vergleich zu der oben erwähnten Hormontherapie ist diese Behandlung höher dosiert, es können daher auch gelegentlich unerwünschte Nebenwirkungen wie große Eierstockzysten, Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum, Übelkeit oder Kurzatmigkeit auftreten. Ohne Hormonbehandlung ist die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen künstlichen Befruchtung gering. Wenn die Follikel reif sind, entnimmt der Arzt die Eizellen. Diesen Vorgang nennt man Follikelpunktion. Er kann unter Vollnarkose vorgenommen werden. Im Reagenzglas werden die Eizellen mit dem Samen des Mannes zusammengebracht. Die Spermien sollen aus eigener Kraft in die Eizelle eindringen. "Genauso, wie es sonst beim Geschlechtsverkehr geschieht", erklärt Professor Hinney. Nach etwa zwei bis drei Tagen werden maximal drei befruchtete Eizellen – mehr ist nach deutschem Embryonenschutzgesetz nicht erlaubt – in die Gebärmutter eingesetzt.

Einfrieren von Eizellen im Vorkernstadium
Weil der Frau bei einer künstlichen Befruchtung nur maximal drei befruchtete Eizellen eingesetzt werden dürfen, gibt es die Möglichkeit, die überzähligen im so genannten Vorkernstadium – also vor Verschmelzung der Kerne von Sperma- und Eizelle – auf Wunsch des Paares einzufrieren. Sie können zu einem späteren Zeitpunkt eingesetzt werden, falls die künstliche Befruchtung nicht beim ersten Versuch klappt oder wenn sich das Paar ein weiteres Baby wünscht. Vor der Übertragung von aufgetauten Eizellen im Vorkernstadium ist meist keine Hormontherapie erforderlich, außerdem entfällt die Follikelpunktion.

Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI): Wenn es die Spermien alleine nicht schaffen
Dieses Verfahren unterscheidet sich von der IVF nur darin, dass die Spermien direkt in die Eizelle eingebracht werden. Die Methode ist notwendig, wenn die Samenzellen des Mannes weder im Reagenzglas noch im Eileiter die Eizelle befruchten können. Manchmal kann das ICSI-Verfahren auch dann angewandt werden, wenn im Ejakulat des Mannes gar keine Spermien nachweisbar sind (Azoospermie). In solchen Fällen muss allerdings eine Hodenprobe entnommen werden. Bei dieser sogenannten Testikulären Spermienextraktion (TESE) gewinnt der Arzt die Spermien für die Befruchtung aus dem Hodengewebe.

Intrazytoplasmische Morphologisch Selektierte Spermien Injektion (IMSI): Die besten Spermien werden ausgesucht
Bei dieser Weiterentwicklung der ICSI werden die Spermien, die mit der Eizelle verschmelzen sollen, unter einem Mikroskop ausgesucht. Dieses Verfahren bieten nicht alle Kinderwunschkliniken an, weil die Technik noch relativ neu und ihr Nutzen umstritten ist.

Laser-Hatching: Unterstützung bei der Einnistung
Manchmal bleibt eine Schwangerschaft aus, obwohl die Befruchtung der Eizellen funktioniert hat. Ein Grund könnte sein, dass der Embryo nicht aus der Hülle schlüpfen kann, von der er normalerweise bis kurz vor der Einnistung in die Gebärmutter umgeben ist. Dann kann er sich auch nicht einnisten. Beim Laser-Hatching wird unmittelbar vor dem Einsetzen der befruchteten Eizelle mit einem Laserstrahl ein winziges Loch in die Hülle des Embryos gemacht, um ihm die Einnistung zu erleichtern.

Die Erfolgsaussichten

Für 36,2 Prozent der Paare, die sich 2014 einer IVF unterzogen haben, wurde der Traum vom eigenen Kind wahr – nach einer ICSI waren es noch 34,5 Prozent. Dies geht aus dem Jahresbericht des deutschen IVF-Registers aus dem Jahr 2014 hervor. Der Transfer von zuvor tiefgefrorenen Eizellen im Vorkernstadium führte demnach immerhin noch bei 23,5 Prozent der Paare zu einer Schwangerschaft.

"Der Erfolg ist jedoch von mehreren Faktoren abhängig", erklärt Hinney. Vor allem das Alter der Frau spielt eine große Rolle. Bei über 40-Jährigen sinkt die Erfolgsaussicht, gleichzeitig steigt das Risiko für eine Fehlgeburt.

Die Kosten einer Kinderwunschbehandlung

Eine Kinderwunschbehandlung ist teuer. Seit der Gesundheitsreform 2004 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nur noch einen Teil der Behandlungskosten. Die Kostenübernahme ist zudem an bestimmte Voraussetzungen gebunden. So werden die Kosten unter anderem nur verheirateten Paaren erstattet, die bei Therapiebeginn das 25. Lebensjahr vollendet, aber nicht älter als 40 Jahre (Frau) und 50 Jahre (Mann) sind. Wer eine Kinderwunschbehandlung erwägt, sollte sich unbedingt vorher über die Kosten und die Möglichkeiten einer Kostenübernahme durch die eigene Krankenkasse informieren.


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