Unfruchtbarkeit: Ungewollt kinderlos

Rund zehn Prozent der Paare in Deutschland bleiben ungewollt ohne Nachwuchs. Was dahinter stecken kann und wie Mediziner vielen doch noch zum Wunschkind verhelfen können
von Aglaja Adam, aktualisiert am 21.11.2016

Der Schwangerschaftstest ist schon wieder negativ? Bei vielen ist da die Enttäuschung groß

Jupiter Images GmbH/Creatas

Der richtige Partner ist gefunden und der Entschluss gefasst: Wir wollen ein Baby! Umso größer ist die Enttäuschung, wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappt. Nicht auf Anhieb schwanger zu werden ist jedoch noch kein Grund zur Sorge. Denn: Es ist durchaus normal, wenn es je nach Alter ein halbes bis ein Jahr dauert, bis es auf natürlichem Weg zu einer Schwangerschaft kommt.

Wann spricht man von Unfruchtbarkeit?

"Die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden liegt pro Zyklus nur bei rund 30 Prozent", erklärt Professor Bernd Hinney, Arzt für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin. Die meisten Frauen bis 35 Jahre werden aber innerhalb von drei Zyklen schwanger. Nur bei rund zwei Prozent dauert es länger als ein Jahr. Diesen Zeitraum gibt Hinney auch als Richtlinie an: Erst nach zwölf Monaten ungeschütztem Geschlechtsverkehr an den Tagen vor dem Eisprung kann von einer Fruchtbarkeitsstörung gesprochen werden.

Viele verschieben das Kinderkriegen

Weil viele Frauen das Kinderkriegen verschieben, bis sie ihre beruflichen Ziele erreicht haben, steigt die Zahl der Paare, die länger auf ein Kind warten müssen. Denn die Fruchtbarkeit der Frau nimmt ab dem 35. Lebensjahr stark ab. Bei ihrer Geburt haben gesunde Mädchen rund zwei Millionen Eizellen. Diese werden im Laufe des Lebens nach und nach verbraucht oder gehen zugrunde. Bei einer 40-Jährigen liegt die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden bereits deutlich niedriger als bei einer Frau zwischen 20 und 25 Jahren. Hinzu kommt, dass die Zahl der Fehlgeburten in höherem Alter steigt. Bei Männern nimmt die Fruchtbarkeit ab dem 40. Lebensjahr langsam ab. "Die Zahl der Fortpflanzungsstörungen hat prinzipiell aber nicht zugenommen", sagt Hinney. Er beobachte allerdings eine größere Bereitschaft, über dieses einst tabuisierte Thema zu sprechen.

Unfruchtbarkeit trifft Männer und Frauen gleich häufig

Hat sich nach einem Jahr immer noch kein Nachwuchs angekündigt, sollten Paare einen Frauenarzt oder Spezialisten aufsuchen. Je älter die Partner sind, desto zügiger sollten sie einen Arzt konsultieren. Dieser führt dann verschiedene Untersuchungen durch, um den Grund für die ungewollte Kinderlosigkeit zu ermitteln. Dazu sieht er sich in der Regel beide Partner an, denn die Ursache für unerfüllten Kinderwunsch liegt nahezu gleich häufig beim Mann wie bei der Frau: In etwa 40 Prozent der Fälle liegt sie beim Mann, in weiteren 40 Prozent der Fälle bei der Frau und bei rund 20 Prozent der Paare liegen bei beiden Partnern Fruchtbarkeitsstörungen vor. "Das sind unsere Problemfälle", sagt Bernd Hinney.

Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit

Nicht immer müssen medizinische Ursachen dahinterstecken, wenn es mit dem Kinderkriegen nicht gleich klappt. Auch psychologische und soziologische Faktoren können die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen: Stress, Alkohol, Zigaretten, Über- oder Untergewicht können beispielsweise ebenfalls eine Fortpflanzungsstörung bewirken. Wenn eine Schwangerschaft aber auf Dauer ausbleibt, stecken selten rein seelische Ursachen dahinter. "Die Psyche allein ist meist nicht die Ursache für Unfruchtbarkeit", so Hinney.

Mögliche Störungen bei der Frau

Frauen, die schwanger werden wollen, sollten zunächst ihren Zyklus genau beobachten. Wie das geht, kann am besten der Frauenarzt erklären. Zum Beispiel eignet sich dafür die sogenannte Temperaturmethode, bei der morgens vor dem Aufstehen die Körpertemperatur gemessen wird. Diese steigt zum Zeitpunkt des Eisprungs etwas an. In der Regel hat die Frau um diesen Termin herum auch vermehrt klaren Ausfluss. Normalerweise dauert ein Zyklus, also die Zeit vom ersten Tag der letzten Menstruation bis zur nächsten Regelblutung, zwischen 25 und 35 Tage. Ungefähr in der Mitte dieser Zeitspanne ist das Eibläschen ausgereift und enthält eine reife Eizelle. Nach dem Eisprung wird die Eizelle durch die Flimmerhaare des Eileiters Richtung Gebärmutter geleitet.

Ob ihr Zyklus regelmäßig ist, ermittelt die Frau, indem sie täglich ihre Körpertemperatur in einer speziellen Kurve festhält und dazu ihren Ausfluss beobachtet. Außerdem vermerkt sie, wenn zum Beispiel die Blutung ausbleibt, der Zyklus besonders lang oder kurz ist. Der Gynäkologe kann anhand der Daten Rückschlüsse auf Zyklusprobleme ziehen. Außerdem kann er mithilfe des Ultraschalls den Eisprung kontrollieren und Hormonuntersuchungen vornehmen.

Der Eisprung bleibt aus: PCO-Syndrom
Eine der häufigsten Fruchtbarkeitsstörungen bei geschlechtsreifen Frauen ist das PCO-Syndrom (polyzystisches Ovarialsyndrom). In Deutschland leiden etwa fünf bis acht Prozent der Frauen darunter. Betroffen sind häufig Übergewichtige. Ein Hinweis auf die Störung ist meist eine unregelmäßige oder ausbleibende Monatsblutung. Beim PCO-Syndrom liegt häufig ein erhöhter Spiegel an männlichen Hormonen (Hyperandrogenämie) vor. In den Eierstöcken befinden sich viele kleine Eibläschen, die nicht heranreifen und vorzeitig verkümmern. So kommt es seltener zum Eisprung, oft bleibt er auch ganz aus. In manchen Fällen reichen Medikamente aus, um das PCO-Syndrom in den Griff zu bekommen.

Die Eizelle nistet sich nicht ein: Gelbkörperschwäche
Mit einer Zyklusstörung geht meist auch die Gelbkörperschwäche einher, ebenfalls eine häufige medizinische Ursache für ungewollte Kinderlosigkeit. Bei ihr besteht im Körper ein Mangel am sogenannten Gelbkörperhormon, das nach dem Eisprung gebildet wird. Es ist wichtig, um die Gebärmutterschleimhaut auf eine Schwangerschaft vorzubereiten. Bei einem Mangel des Gelbkörperhormons kann sich das befruchtete Ei nur schwer einnisten oder der Embryo wird zu früh wieder abgestoßen. Eine Hormonbehandlung ist oft erfolgversprechend.

Die Eileiter sind teilweise oder vollständig verschlossen
Ist der Zyklus der Frau regelmäßig und das Sperma des Partners in Ordnung, untersucht der Arzt in der Regel als nächstes die Eileiter. Sie können teilweise oder vollständig verschlossen sein, sodass der Transport der Eizelle behindert ist. "Häufig führen Infektionen zu Eileiterstörungen", erklärt Hinney. Vor allem Chlamydien können zu ungewollter Kinderlosigkeit führen. Sie werden meist durch Geschlechtsverkehr übertragen und sind besonders für junge Frauen gefährlich. Die Erreger können in den Eileitern eine Entzündung auslösen. "Die Infektion verläuft oft völlig unbemerkt", weiß Hinney. Betroffene Frauen litten dann lediglich unter Erkältungssymptomen oder leichten Unterleibsschmerzen, würden deshalb aber nicht zum Arzt gehen. Als Folge können die Eileiter vernarben und verkleben. Befruchtete Eizellen gelangen nicht mehr in die Gebärmutter: Es droht Unfruchtbarkeit.

Auch bei Vernarbungen nach Operationen wie beispielsweise einer Blinddarmoperation kann es zu Eileiterstörungen und -schwangerschaften kommen.

Die Gebärmutterschleimhaut wächst außerhalb der Gebärmutter: Endometriose
Endometriose ist eine prinzipiell gutartige gynäkologische Krankheit, die sich aber negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken kann. Dabei wuchert die Gebärmutterschleimhaut auch außerhalb der Gebärmutter, zum Beispiel in den Eileitern oder Eierstöcken, und kann so ihre Funktion behindern.

Weitere medizinische Ursachen für Unfruchtbarkeit bei der Frau:

  • Myome: Gutartige Geschwülste in der Gebärmutter (Myome) sind nur eine Ursache für Unfruchtbarkeit, wenn sie so ungünstig liegen, dass die Einnistung eines Embryos verhindert wird. Häufiger sind sie aber Auslöser für Fehlgeburten.
  • Antikörper gegen die Eizellen oder Spermien
  • anatomische Fehlbildungen oder Veränderungen von Eierstöcken, Eileiter oder Gebärmutter

Mögliche Störungen beim Mann

Bei Männern liegt die Ursache von Unfruchtbarkeit selten im Hormonhaushalt. Vielmehr kann ein Spermiogramm Aufschluss darüber geben, ob die Zahl und Qualität der Samenzellen in Ordnung ist. Mindestens 20 Millionen Spermien sind normalerweise in einem Milliliter Ejakulat enthalten. "Aber nicht nur die Zahl, sondern auch die Beweglichkeit ist wichtig", so Gynäkologe Hinney. Werden nicht genügend reife und gut bewegliche Spermien produziert, kann das unterschiedliche Ursachen haben:

  • Krampfadern im Hoden
  • Hodenhochstand
  • Infektionen mit hohem Fieber
  • Schädigung der Erbanlagen
  • Störung beim Spermientransport: Die Samenleiter können wie die Eileiter der Frau schwer durchgängig oder verschlossen sein.

Liegt keine behandelbare Ursache vor oder hat die Behandlung nicht zum Erfolg geführt, stehen dem Arzt weitere Therapiemethoden wie Hormontherapie oder künstliche Befruchtung zur Verfügung.


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