Unfruchtbar beim zweiten Kind?

Wer nach dem ersten Baby nicht mehr schwanger wird, leidet unter sekundärer Unfruchtbarkeit. Experten erklären, was dahinter steckt
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 11.01.2017

Der Wunsch nach einem zweiten Kind kann genauso groß sein wie beim ersten

Getty/Jamie Grill

Die Frage ließ sie monatelang nachts nicht schlafen. Sie verfolgte sie tagsüber im Job und am Wochenende am Frühstückstisch, hatte sich in ihrem Hinterkopf breitgemacht wie eine ­Krake, die alles umschlingt. Warum klappte es mit dem zweiten Kind nicht? Die erste Tochter von ­Susanne R. (Name geändert) aus Reutlingen war schon drei Jahre alt, sie selbst 32. Jetzt noch ein Zweites – und die Familie wäre perfekt.

Kinderwunsch oft genauso stark wie beim ersten Baby

Doch sie wartete umsonst. "Es wurde richtig zur fixen Idee", erinnert sich die heute 39-Jährige. Tag für Tag dachte sie an ihr Wunschbaby, spürte ihre Hilf­­losigkeit, ­ihre Wut. Bei jedem Sex mit ­ihrem Mann hoffte sie, dass es diesmal klappen würde. Sie ­kannte bei Freunden, der Familie und ­ihrem Mann fast kein anderes Gesprächsthema mehr. "Am Schluss ­reagierte sogar meine bes­­te Freundin genervt,­ wenn ich wieder damit anfing." Deren Argument: "Sei doch zufrieden. Du hast­ schon ein gesundes Baby. Manche Frauen ­haben nicht mal das."

Dr. Tewes Wischmann ist Psychologe und Mitglied des Beratungsnetz- werkes Kinderwunsch Deutschland in Heidelberg

W&B/Privat

"Eine existenzielle Krise" – so nennt Dr. Tewes Wischmann das, was Susanne R. mitmachte. Als Mitglied des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch Deutschland (BKiD) berät der Psychologe an der Universität Heidelberg Paare, die auf Nachwuchs warten. Seine Erfahrung: "Der Wunsch nach einem ­Baby sitzt bei Frauen, die bereits ein Kind haben, genauso tief wie bei solchen, die noch keines geboren haben." Die Enttäuschung, dass es nicht klappt, sei genauso schmerzhaft wie beim ersten Kind.

Oft Zusammenspiel aus mehreren Faktoren

Sekundäre Infertilität – so lautet der Fachbegriff, wenn es bei einem Paar nach einer ersten Schwangerschaft nicht erneut zur Schwanger­schaft kommt. Weltweit hat ­jedes sechste Paar Schwierigkeiten, inner­halb eines Jahres ein Kind zu zeugen. Etwa zehn bis 15 Prozent aller deutschen Paare sind laut Berufsverband der Frauen­ärzte e.V. ungewollt kinderlos. Die Dunkelziffer sei erheblich höher. Wenn ein Paar ein Jahr lang ungeschützt miteinander schläft und keine Schwangerschaft eintritt, sollte es mit dem Arzt sprechen, rät der Berufsverband.

Die Gründe sind vielschichtig, oft kommen mehrere Faktoren zusammen. Beim Frauenarzt be­ginnt deshalb häufig ein Detektivspiel. Sowohl auf die männliche wie auf die weibliche Fruchtbarkeit wirken sich etwa Alkohol, Nikotin, Drogen oder Umweltgifte aus. Bei starken Rauchern ist oft die Samenproduktion vermindert. Bei Raucherinnen ist die Fertilität stark eingeschränkt. Auch Über- und Untergewicht stören die Fruchtbarkeit. Einige Diäten führen zu Zyklus­unregelmäßigkeiten, bringen den Körper dazu, auf Sparflamme zu schalten. Bei Frauen mit Über­gewicht kommt es öfter zu einem Hormonungleichgewicht, welches die Eizellreifung behindert.

Dr. med. Roxana Schwab arbeitet als Oberärztin an der Klinik für Frauenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg

W&B/Privat

Stress spielt untergeordnete Rolle

Ein häufiger Grund: das Alter der Mütter. "Ein Viertel der Mütter sind heute bei der Geburt 35 Jahre oder älter", sagt die ­Gynäkologin Dr. Roxana Schwab vom Universitätsklinikum Freiburg. Und die Möglichkeit, ein Kind zu empfangen, sinkt kontinuierlich, "ab 35 Jahren sogar ziemlich schnell", sagt Schwab. Aber Susanne R. war ja erst 32. Sie rauchte nicht. Sie trank nicht. Sie hatte Normal­gewicht und ernährte sich gesund.

Vielleicht doch der Stress? "Du musst loslassen, nicht so verkrampft sein", hatten alle Freundinnen Susanne R. geraten. So, als könne man einfach einen Schalter umlegen und plötzlich anders denken. "Im Grunde fühlte ich mich auch noch selbst schuld an meiner Situation", erzählt sie. "Viele Frauen, die unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch leiden, werden in die Psychoschublade gesteckt", sagt Wischmann. "Dabei gibt es keine einzige Studie, die nachweist, dass Alltagsstress in diesem Punkt eine Rolle spielt." Wischmann, der an den Leitlinien für unerfüllten Kinderwunsch mitgearbeitet hat, hat deshalb einen Passus durchgesetzt, der genau diese Annahme entschärft. "Stress beeinflusst nur indirekt die Fruchtbarkeit", sagt er. "Zum Beispiel, indem gestresste Paare weniger miteinander schlafen oder die Partner verstärkt Genussgifte konsumieren."

Auch die Spermienqualität wird schlechter

Bei 30 bis 40 Prozent der betroffenen Frauen geht der unerfüllte Kinderwunsch auf hormonelle­ Störungen zurück. ­Diese können ganz unterschiedliche Ursachen ­haben. Sehr häufig ist die Schild­drüse schuld: "Eine Über- oder Unterfunktion wirkt sich stark auf die Fruchtbarkeit aus", sagt Schwab. Bei einer weiteren Hormonstörung, dem PCO-Syndrom (Polyzystisches Ovar-Syndrom), kommt es zu einer Überproduktion männlicher Hormone. Dies­ stört die Reifung der Eizellen, und es kommt seltener zum Eisprung. Auch Entzündungen oder Verwachsungen können ein Grund sein. "Nach einem Kaiserschnitt kann es etwa durch die Operation zu Verwachsungen kommen", erklärt Schwab.

Das Alter wirkt sich nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern auf die Zeugungsfähigkeit aus. "Die Spermienqualität ist nicht immer gleich", erklärt Schwab. "Mit dem Alter wird sie zudem schlechter." Manchmal sind zu wenig­ Samenzellen vorhanden, oder sie sind zu unbeweglich. Weitere Gründe: Durch Verletzungen, ­etwa durch einen Leistenbruch, oder wegen Entzündungen kann es zur Schädigung der Samenleiter oder der Hoden kommen.

Unfruchtbar? Untersuchung für beide Partner

Ein Jahr wartete ­Susanne R., ­dann ging sie zur Ärztin. Die riet ihr erst mal zur Geduld, schließlich ­hätte es doch schon einmal geklappt. Für Schwab eine unnötige Zeitverschwendung: "Ich rate Frauen, spätestens nach einem Jahr zum Gynäkologen zu gehen. Wenn sie bereits älter als 35 Jahre alt sind, sogar schnellstmöglich." Am bes­ten wenden sie sich an ­eine auf Kinderwunsch spezialisierte Praxis oder Klinik.

Anfangs steht eine ­gründliche Untersuchung von beiden Partnern an. "Bei Männern reicht meist eine ­Analyse der Spermien",­ sagt Schwab. Bei Frauen ist die Diag­­nose komplizierter. Häufig­ braucht es ­eine Bauch­spiegelung, um ­­etwa zu über­prüfen, ob die Eileiter durchlässig sind. Mittels ­einer Opera­tion kann der Arzt dann versuchen, Verwachsungen zu lösen. Ultraschallunter­­suchungen und Temperatur­messen zeigen, ob genug Eizellen vorhanden sind und diese reifen. Funktioniert in diesem Bereich etwas nicht, können mittels Hormon­behandlung die Eierstöcke angeregt werden.

Verständnis vom Partner fehlt oft: Normale Reaktion auf Krise

Unregelmäßigkeiten bei der Eizellreifung seien der Grund bei Susanne R., vermutete damals ihre Gynäkologin: Um sicher zu gehen, musste sie ein paar Monate lang morgens Temperatur messen. Das Ergebnis: Tatsächlich blieben häufiger Eisprünge aus. Ihre Ärztin verordnete ihr ein Medikament, das das hormonelle Ungleich­gewicht ausgleichen sollte. Doch damit war der Nervenkrieg für Susanne R. noch nicht ausgestanden. Immer nervöser wurde sie – von ihrem Partner fühlte sie sich schon länger nicht mehr verstanden. "Er wiegelte dauernd ab: "Ist doch nicht so schlimm, dann bleibt es halt bei einem Kind", erzählt sie.

Für Therapeut Wischmann ein typisches Muster: "Paare teilen sich beim Bewältigen einer­ solchen Krise unbewusst die Rollen auf. Einer sorgt sich, der ­andere versucht, die Luft herauszunehmen." Dahinter stecke der hilflose Versuch, die Situation nicht gänzlich aus dem Ruder laufen zu lassen, erklärt der Psycho­loge. In Gesprächen versucht er, solche Muster auszuloten. Und zu ermitteln, ob und zu welcher Form der Behandlung beide bereit sind.

Die Erfahrung schweißt zusammen

Eine Befruchtung im Labor ist für Paare meist ein steiniger und teurer Weg: "Die Behandlungen sind körperlich belastend, sie brauchen viel Zeit. Und es ist nötig, mit Hormonen zu behandeln. Das ist nicht frei von Nebenwirkungen", sagt Wischmann. Viele Paare erleben das zwar als äußerst stressig. Aber die Erfahrung scheint auch zusammenzuschweißen.

Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung trennen sich Menschen nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung seltener, zeigte ­eine Studie aus Dänemark. Bei Susanne R. hat es schließlich doch noch geklappt. Sie wurde drei Monate nach der Behandlung schwanger, ihr Sohn ist heute fünf Jahre alt.


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