Späte Familienplanung: Was heute möglich ist

Einfrieren der Eizellen oder Gebärmuttertransplantationen: Frauen können heutzutage später Mütter werden. Was machbar und was sinnvoll ist

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 21.11.2016

Heutzutage können Frauen ihren Kinderwunsch auf längere Zeit verschieben


Die Natur hatte nicht vorgesehen, dass sie Kinder bekommt: Die 36-jährige Schwedin war zwar mit intakten Eierstöcken, aber ohne Gebärmutter zur Welt gekommen. Im vergangenen Oktober gebar sie dennoch einen Sohn, er kam ein wenig zu früh zur Welt, war aber gesund.

Dieses Wunder machte eine Transplantation mit einer Spender-­Gebärmutter möglich. ­Wenige Monate nach dem Eingriff befruchteten Ärzte im Labor die Eizellen der Frau mit dem Sperma ihres Mannes und setzten den Embryo ein. 15 Jahre Forschung waren diesem Triumph vorausgegangen. Ein sensationeller Einzelfall. Doch er macht klar: In unserer Gesellschaft verändert sich gerade etwas.

Die Schwangerschaft planen

Mutter werden gegen alle Widrigkeiten: "Seit einigen Jahrzehnten vollzieht sich ein deutlicher lebensweltlicher Wandel, eine Entkoppelung von Sexualität und Zeugung", erklärt Professor Hartmut Kreß. Der Sozialethiker forscht und lehrt an der Universität Bonn. Er ist der Überzeugung: "Neue Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin verstärken den heutigen Wandel von Familie und Partnerschaft." So sei es bereits heute möglich und akzeptiert, dass etwa lesbische Paare mittels Samenspende ein Kind bekämen. Denkbar ist auch, den Kinderwunsch weit über die normale Reproduktionsfähigkeit zu verschieben und notfalls ohne Partner schwanger zu werden.

Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Auf Firmenkosten können Mitarbeiterinnen von Facebook und Apple ihre Eizellen entnehmen und einfrieren lassen. Social Freezing heißt das Verfahren, übersetzt: soziales Einfrieren. Der Eizellvorrat soll sicherstellen, dass Frauen zu einem späteren Zeitpunkt Mutter werden können – dann also, wenn es in den Karriere- und Lebensplan passt, auch wenn sie schon jenseits der Wechseljahre sind.

Großes Interesse an Social Freezing

Ursprünglich wurde die Me­thode des Eizelleinfrierens für junge Krebspatientinnen entwickelt, bei denen zu befürchten war, dass durch die Behandlung die Eizellen geschädigt werden könnten. So sollte ihnen ermöglicht werden, nach der Behandlung trotzdem noch Kinder zu bekommen. Erst seit wenigen Jahren nutzen auch gesunde Frauen die Technik. In Deutschland ist Social Freezing noch nicht sehr verbreitet. "Schätzungsweise ein paar Hundert ­Fälle gibt es", sagt Professor Norbert Paul, Medizin­ethiker von der Universität Mainz.

Doch der Experte glaubt, dass es schnell mehr werden. "Umfragen zeigen, dass vor allem die ­­Generation der jetzt etwa 25-Jährigen, die sogenannte Generation Y, diesem Verfahren sehr ­offen gegenübersteht." Reproduktionsmedi­ziner Dr. Elmar Breitbach aus ­Hannover verzeichnet in seiner Kinderwunsch-Praxis zunehmend Anfragen für Social Freezing. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter­ mehr als 1000 Frauen ­­ergab: 27 Prozent der Befragten würden sich ihre Eizellen gern einfrieren lassen.

Sehr hohe Kosten

Das klingt nach einem Befreiungs­schlag vom Diktat der biologischen Uhr. Doch was machen die neuen Möglichkeiten mit unseren Vorstellungen von Kindern, Familie und Moral? Für Sozialethiker Kreß ist Social Freezing "grundsätzlich ethisch vertretbar". Und auch gegen eine Gebärmutterverpflanzung sei erst mal nichts Prinzipielles einzuwenden. "Solche Methoden eröffnen neue Entscheidungsspielräume für Frauen. Das halte ich, geistesgeschichtlich betrachtet, für positiv und für einen Fortschritt."

Schwierig wird es für den Sozial­ethiker allerdings dann, wenn Firmen ihren Mitarbeiterinnen anböten, Social Freezing zu finanzieren. "Hier besteht die Gefahr, dass der Arbeitgeber versteckt Druck auf Frauen ausübt, den Kinderwunsch zu verschieben", warnt Kreß. Social Freezing ist zudem sehr teuer: "Meist braucht es zwei Behandlungszyklen, um genug ­Eizellen zusammenzubringen", sagt Breitbach. Je nach Alter sollten es schon bis zu 30 sein, um später ­eine realistische ­Chance auf ein Kind zu haben. Da kommen schnell 10 000 Euro zusammen – plus Lagerkosten für die Tiefkühl-Eizellen. Das können sich die wenigsten aus eigener Tasche leisten.

Risiken des Social Freezing

Die Vision des absolut Machbaren: Sie birgt für Frauen auch Gefahren. Eine Gebärmuttertransplantation funktioniert nur mit einem gro­ßen Eingriff und Medikamenten, um das Organ nicht wieder abzustoßen. Und auch Social Freezing hat seine Tücken. "Um genug Eizellen gewinnen zu können, muss die Frau mit Hormonen behandelt werden", sagt Breitbach. Anschließend werden die Ei­zellen unter Kurznarkose über die ­Scheide entnommen und in flüssigem Stickstoff tiefgefroren. "Die Hormonbehandlung kann bei Frauen zu einem sogenannten Überstimulationssyndrom führen", warnt der Reproduktionsmediziner. Dann vergrößern sich die Eierstöcke, im Bauchraum sammelt sich Flüssigkeit. Die Folge sind unter anderem Schmerzen und Übelkeit.

Dazu kommt: "Frauen entscheiden sich oft erst mit Ende 30, ­ihre Eizellen entnehmen zu lassen. Dann ist es häufig zu spät für eine ausreichend hohe Erfolgswahrscheinlichkeit, die den Aufwand der Behandlung rechtfertigt", erklärt Breitbach. Die Qualität der Eizellen nimmt nämlich im Laufe eines Lebens ab – und damit die Chance auf ein Baby. "Am besten sind Eizellen von ganz jungen Frauen, bei etwa 35 Jahren ist die Grenze." Doch wer denkt schon mit Anfang 20 an Familien­planung? "Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, ein Baby aus gefrorenen Eizellen mittels künstlicher Befruchtung zu bekommen: Darüber gibt es noch keine aussagekräftigen Studien", so Breitbach.

Verändern tiefgekühlte Eizellen die Partnerschaft?

Theoretisch wäre eine Schwangerschaft unbegrenzt lange möglich. Es gibt kein Verfallsdatum von tiefgekühlten Eizellen. Das ist für Medizinethiker Nobert Paul ein Problem. "Natürlich haben Frauen ein Recht auf Entscheidungsfreiheit. Aber es geht auch um das Kindeswohl", sagt er. "Man sollte sich schon ehrlich fragen: Kann ich das Kind überhaupt noch begleiten, bis es erwachsen ist?" Für ihn bedeuten die neuen Möglichkeiten vor allem: "Künftige Eltern brauchen auch mehr Verantwortungsbewusstsein." Er plädiert für eine Alters­grenze bei allen Formen der künstlichen Befruchtung von 45 bis maximal 50 Jahren. Die solle im Übrigen für Frauen wie Männer gelten. Sozial­ethiker Hartmut Kreß betont die gesundheitlichen Risiken einer späten Schwangerschaft: "Die Gefahr von Schwangerschaftsdiabetes und von Blut­­hochdruck steigt."

Auch den Blick auf die Partnerschaft könnte Social Freezing verändern, so Medizinethiker Paul. "Es besteht keine Notwendigkeit mehr, mit einem Mann zusammen zu sein oder zusammenzubleiben, nur um mit ihm ein Kind zu bekommen." Vielleicht verschiebt sich sogar der Blick auf Kinder: Sie werden künftig eher als Resultat eines Herstellungsprozesses betrachtet, nicht mehr als zufälliges Geschenk. "Wir geraten", sagt Paul, "in einen Planbarkeits-Hype." Nur sei "nicht alles, was möglich ist, auch immer sinnvoll".

So funktioniert Social Freezing

Vorsorgen, dass man später im Leben ein Kind bekommen kann: Dafür lassen sich manche Frauen in jüngeren Jahren Eizellen entnehmen und diese einfrieren. Damit dies gelingt, braucht es Zeit und Geld: Das Verfahren kostet mehrere Tausend Euro.


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